ArchivDeutsches Ärzteblatt4/2008Ausgebrannt: Im Leben leben lernen

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Ausgebrannt: Im Leben leben lernen

Dtsch Arztebl 2008; 105(4): A-179 / B-163 / C-163

Deckert, Martina; Röttgen, Wilfried; Wasserfuhr, Markus

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Foto: Jens Flintrop
Foto: Jens Flintrop
Ärztinnen und Ärzte sind besonders anfällig für das Burn-out-Syndrom.
Die Autoren plädieren für eine stille Zeit am Tag.

Die Debatte um die Berufszufriedenheitswerte junger Ärztinnen und Ärzte hat die Qualität eines Zeitzeichens. Die Wucht der Debattenbeiträge zeigt, dass es um etwas anderes geht als um die individuelle Einordnung einzelner Berufsinhaber in eine Zufriedenheitsskala. Es stehen vielmehr Qualitäten auf dem Spiel. Entscheidend ist die Lebensqualität als Arzt oder Ärztin. Wo der Beruf so eng mit der persönlichen Identität verbunden ist, wie es im Selbstverständnis vieler Ärzte gegeben ist, sind die Anforderungen an die Biografiegestaltung hoch.
Bei großem Anspruch an das eigene Berufsethos, verbunden mit hoher Leistungsbereitschaft, sind Ärzte hinsichtlich der Identifikation mit ihrer beruflichen Rolle besonders anfällig für eine ausschließliche patienten- und leistungsbezogene Zentrierung. Persönliche Bedürfnisse werden dabei oft vernachlässigt. Die Betroffenen laufen Gefahr, in ihrer beruflichen Rolle völlig aufzugehen und bei Enttäuschungen in ein Burn-out-Syndrom zu geraten.
Wer hier ins Nachdenken gerät und nach persönlicher Orientierung Ausschau hält, findet im Stichwort der Work-Life-Balance einen Orientierungspunkt. Zumindest erlaubt dieser Begriff, etwas in den Blick zu nehmen, was für viele Ärzte an Selbstverständlichkeit verloren hat: die Wahrnehmung der eigenen Biografie unter der Spannung von Work und Life. Lange vor einer potenziellen Veränderung in der quantitativen Verhältnisbestimmung von Arbeit und Leben kann eine Veränderung der Wahrnehmung heilende Wirkungen zeigen. Ziel ist es, den einen der beiden Pole der Work-Life-Balance aufmerksamer in den Blick zu nehmen: den des Innenraums der eigenen Welt. Eine gelegentliche Umkehr der Wahrnehmungsrichtung von außen nach innen ist lehr- und lernbar. Interessanterweise gibt es für andere in die Patientenversorgung involvierte Berufsgruppen wie Pflegekräfte oder Physiotherapeuten ein Spektrum an Angeboten, die der Reflexion der eigenen Lebenssituation sowie der persönlichen Orientierung dienen und die die Verarbeitung belastender beruflicher Tätigkeiten erleichtern. Ein spezifisches Angebot für Ärzte ist nicht verfügbar.
Vielleicht reicht für erste behutsame Schritte auch schon eine Unterbrechung der Beanspruchungskette im Alltagsfluss: eine kurze Zeit, vielleicht eine Viertelstunde echter Stille – eine Viertelstunde, die frei ist von Verfügungsgewalt und Anspruchslogik und nicht einmal zur Steigerung der Verfügbarkeit für die Patientenversorgung verrechnet wird, sondern allein der Wahrnehmung dient, wie „ich bin jetzt da“. Stille wird dann bald zum kostbaren Gut.
Stille festzuhalten, bedeutet einen inneren Raum zu öffnen und zu betreten. Die Architektur dieses Raums wird gehalten von der Disposition, den Lebens- und Anforderungsfluss zu unterbrechen und die eigene Präsenz wahrzunehmen. Eine Hilfe kann es sein, den Atemrhythmus wahrzunehmen, einen Gegenstand zu betrachten oder den umgebenden Lauten zuzuhören. In diesem offenen Raum wirken die Ereignisse nach. Wer will, ruft ein Bild erlebter Begegnungen wach und nimmt sich selbst darin wahr. Wahrnehmen mit den Sinnen, den äußeren wie den inneren, ist die Grundübung der Stille.
Zwei Bemerkungen zur besseren Einordnung: die eine betrifft die Praktikabilität, die andere bezieht sich auf die Logik einer inneren Haltung der Stille. Der stark von
Erwartungshaltungen und äußeren Anforderungen geprägte medizinische Alltag von Ärzten erschwert die äußere Praktikabilität der Stille erheblich. Letztlich ist es oft auch der leichtere Weg, sich für das erlernte, auf den Patienten und dessen Bedürfnisse fokussierte Verhalten zu entscheiden. Was rational begründbar und häufig gut begründet erscheint, kann zur Falle werden. Es bedeutet nämlich auch, sich so der Herausforderung zu entziehen, sich selbst der Stille auszusetzen und damit der Entwicklung eines Burn-out-Syndroms Vorschub zu leisten. Sich zur Stille zu motivieren, folgt dem Wunsch und Willen, das eigene Leben aus einer geistigen Mitte heraus zu leben. Das ist eine sehr weite, nicht festlegende Beschreibung für Spiritualität; sie bewegt sich im Rahmen des natürlichen menschlichen Empfindens für Orientierung. Stille und die ihr folgende Aufmerksamkeit für die Gezeiten des Lebens sind das natürliche Gebet der Seele – wie es der Aufklärungsphilosoph Malebranche formulierte. Zur Stille führt deshalb vor allem die Entscheidung, ihr den täglichen Raum zu gewähren, was für Ärzte mit ihren vielfältigen, keinen Aufschub duldenden Aufgaben eine besondere Herausforderung darstellt. Eine bestimmte Weltanschauung braucht es dazu nicht, wohl aber die Entschiedenheit, dabeizubleiben und die Stille nicht allein nach Erfolgskriterien zu beurteilen – wie eintretende Ruhe, Steigerung der Konzentration oder Gewinn intellektueller Erkenntnisse. Stille ist in sich wertvoll, weil sie für den Eigenwert des Lebens sensibel macht und dadurch zur inneren Balance beiträgt. Und damit ist auch ihre innere Logik angesprochen: Sie ist der Raum der Selbstbegegnung in allen Schattierungen, von innerer Zufriedenheit bis zum Gefühl der Trockenheit. Ihre Logik ist die des Wahrnehmens in einem sehr wörtlichen Verständnis: des unverstellten Sein- und Geltenlassens von Lebenswirklichkeit. Ziel der Logik ist die innere Freiheit und ein wachsendes Vertrauen auf so etwas wie die Echtheit des eigenen Daseins – wie das der anderen. Wer darüber mit anderen kommunizieren möchte, wird eine zwischenmenschliche Ebene entdecken, die im Austausch über Informationen nicht wahrgenommen wird. Auch wenn die Erfahrung der Stille zum Austausch anregen mag, bleibt dies nur ein sekundärer Effekt und birgt mit der Gefahr der Intellektualisierung auch den Verlust des Wesentlichen. Trotzdem zeigt die Erfahrung, dass viele, die sich auf solche Übungen der Stille einlassen, früher oder später den Wunsch spüren, sich über die Erfahrung auszutauschen. Sowohl der Austausch mit einer Person als auch der Austausch in Gruppen haben sich durchaus als hilfreich erwiesen.
Die Stille entfaltet eine eigene Dynamik, wenn ich mich ihr aussetze; sie wird mich mitunter überraschen, mir oft aber auch nur meine innere Hetze oder Trockenheit zeigen. Gerade dann ist es wichtig, nicht auszuweichen, sondern den inneren Raum offenzuhalten. „Die Mysterien finden im Hauptbahnhof statt“ (Josef Beuys, 1979) – tatsächlich mitten im Leben. Die Stille schafft nicht das Mysteriöse, sie nährt mich allerdings mit den allzu schnell übersehenen Mysterien des Hauptbahnhofs, der Krankenstation, dem lebensentscheidenden Gespräch.
Das Plädoyer für eine stille Zeit am Tag kann nicht enden ohne den Hinweis auf ihre einzige Gelingensbedingung: die regelmäßige Übung. Diese Zeit könnte auch ein innovativer Weg der ärztlichen Weiterbildung werden, der bislang weitgehend verschüttete Potenziale nutzt und letztlich auch einen positiven Beitrag zu einer besseren Patientenversorgung durch bleibend positiv motivierte Ärzte leistet.
Hinweise für praktische Einführungen in die Stille individuell und in kleinen Gruppen können interessierte Leser gern bei den Verfassern erhalten.

Prof. Dr. med. Martina Deckert
Abteilung für Neuropathologie, Uniklinik Köln
E-Mail: martina.deckert@uni-koeln.de
Wilfried Röttgen
Referat Spiritualität im Erzbistum Köln
Dr. Markus Wasserfuhr
Katholische Hochschulgemeinde Köln
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