SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Samstagnachmittag

Dtsch Arztebl 2008; 105(4): [200]

Böhmeke, Thomas

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Ich muss mal wieder nachsitzen, die Schreibarbeiten der Woche erledigen, die noch liegen geblieben sind. Welcher Tag wäre dafür besser geeignet als ein schöner sonnendurchfluteter Samstagnachmittag, an dem normale Menschen Ski spielen oder Golf laufen, angenehme Tätigkeiten also, die mir aufgrund oben angeführter Zwänge fremd und verwehrt bleiben. Bei der Gelegenheit räume ich auch das Postfach am Eingang der Praxis aus; zwischen der obsoleten Werbung lugen ein Brief der Kassenärztlichen Vereinigung sowie einer ohne Absender hervor. Beim Gang zu den Praxisräumen beschleichen mich dunkle Vorahnungen: Was will die KV von mir? Habe ich was ausgefressen? Neue Regressforderungen? Entzug der Lizenzen? Was will der anonyme Schreiber? Sich über die Praxisgebühr beklagen, die ich zwar einziehen muss, aber für die ich nichts kann? Hat sich der Anonymus am Praxiskaffee die Zunge verbrannt? Zu lange auf den Termin gewartet? Der Schweiß bricht mir aus, der Lift kommt. In Höhe des ersten Stocks verdichten sich die üblen Visionen zur zunehmenden Gewissheit: Die KV will bestimmt eine fünfstellige Regresssumme. Ganz sicher. Und der heimliche Schreiber hat bereits alle ortsansässigen Zeitungen mit den üblichen Horrorgeschichten über Ärzte befrachtet, die dann auch ungeprüft gedruckt werden. Da bin ich mir auch ganz, ganz sicher. Der Lift trägt mich träge in den zweiten Stock, mein Blutdruck schießt raketengleich über gefühlte 300 mmHg. Gleich einer Kammertachykardie rasen mir die Gedanken durch den Kopf. Die KV will bestimmt nicht nur einen Regress über ein einziges Jahr, sondern bestimmt über mehrere Jahre. Wenn, dann richtig. Nein, über Jahrzehnte. Ich kann dicht machen. Wie soll ich das bezahlen?! Schluss, Aus! Und der anonyme Schreiber hat bestimmt eine Erpressung im Sinn. Oder Ähnliches. Der Lift rumpelt in den dritten Stock, mein Blutdruck mit mehr als 400 mmHg gegen meine Schläfen. Ich reiße die Tür zur Praxis auf, angele nervös eine Schere vom Empfangstresen, verletze mich am Finger, schaffe es dennoch, die Briefe zu öffnen.
„Sehr geehrter Herr Kollege Böhmeke, . . . ausnahmsweise werden wir aus Kulanz die Leistungen nach den GNRN . . . nachvergüten. Über den Nachvergütungsbetrag erhalten Sie eine gesonderte Nachricht.“
„Lieber Herr Doktor Böhmeke, im Namen meiner Mutter möchte ich mich bei Ihnen von ganzem Herzen für die hervorragende Behandlung bedanken . . .“
Meine Güte, sind meine Nerven frittiert. Ich sollte lieber mal Golf laufen gehen.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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