ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2008Hausärzte: Abschied vom System

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Hausärzte: Abschied vom System

Dtsch Arztebl 2008; 105(5): A-181 / B-165 / C-165

Korzilius, Heike

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Heike Korzilius Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Heike Korzilius Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Wenn Systeme nicht reformierbar sind, dann muss man es halt anders versuchen“, sagt Ulrich Weigeldt. Der Vorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes ist bekannt für seine lakonischen Kommentare. Denn es geht um nicht weniger als die Zukunft der Hausärzte in der ambulanten kassenärztlichen Versorgung. In Baden-Württemberg haben sich der dortige Hausärzteverband und der Ärzteverband Medi für einen „sanften“ Ausstieg aus dem System entschieden. Kurz vor Weihnachten hatte die dortige AOK verkündet, dass sie die hausarztzentrierte Versorgung ihrer Versicherten ohne die Kassenärztliche Vereinigung (KV) organisieren will und darüber nun mit den beiden freien Verbänden verhandelt. Erstmals geht es damit um den kompletten Ausstieg der beteiligten Hausärzte aus dem Kollektivvertragssystem – jedenfalls bezogen auf die entsprechende Vertragskrankenkasse. Auf die harte Tour wollen es jetzt die bayerischen Hausärzte versuchen. Um die „Ausbeutung und Versklavung eines ganzen Berufsstandes“ zu beenden, hat der Vorsitzende des dortigen Hausärzteverbands, Dr. med. Wolfgang Hoppenthaller, seine Kolleginnen und Kollegen zur kollektiven Rückgabe ihrer Kassenzulassungen aufgerufen. Schließen sich bis Ende März mehr als 70 Prozent der Ärzte diesem Aufruf an, ist der Ausstieg für ihn beschlossene Sache – dann für alle Kassen.
Rückendeckung erhalten die Bayern auf der Bundesebene. Die überbordende Bürokratie, die unsichere Honorarsituation und die Perspektivlosigkeit im KV-System seien zwingende Gründe, mögliche Alternativen zu diskutieren, heißt es beim Deutschen Hausärzteverband. Medi Baden-Württemberg hatte bereits im November 2007 beschlossen, Korbmodelle, wie sie jetzt in Bayern diskutiert werden, vorzubereiten.
Die spannende Frage ist nun, wie sich die Ärztinnen und Ärzte in den Praxen entscheiden. Weniger Bürokratie und höhere Honorare sind schöne Versprechen. Aber sind sie auch realistisch? Wird der Kollektivvertrag durch eine Vielzahl von Einzelverträgen ersetzt, dürfte sich der Verwaltungsaufwand eher noch erhöhen. Es bestehen dann unterschiedliche Anforderungen an die Dokumentation, die Verordnung oder auch die Qualitätssicherung und Fortbildung. Wenn man, wie die Teilnehmer des AOK-Hausarztvertrags, zur leitlinienorientierten und -konformen Kooperation mit Leistungspartnern und zur sukzessiven Umsetzung von Konsensusleitlinien ebenso verpflichtet wird wie zur Kooperation mit den AOK-Bezirksdirektionen vor Ort, dann ist es mit der ärztlichen Therapiefreiheit nicht mehr weit her – von der freien Arztwahl für die Patientinnen und Patienten ganz zu schweigen.
Ebenso schwer dürfte die Frage wiegen, ob man sich als einzelner Ärzteverband nicht übernimmt, wenn man gegen die geballte Marktmacht der gesetzlichen Krankenkassen antreten will. Sie versichern immerhin fast 90 Prozent der Bevölkerung. Zumindest bedürfte es eines sehr guten Zusammenhalts unter den Ärzten und verbindlicher Positionen, wenn man erfolgreich verhandeln will. Eine Analyse des Istzustands gibt hier wenig Hoffnung.
Wenig Hoffnung signalisieren auch die Reaktionen der Kassen auf den geplanten Systemausstieg. Man werde sich nicht dem Druck der Straße beugen, heißt es aus der AOK Bayern. In den meisten Teilen des Freistaats gebe es nach wie vor mehr Ärzte, als eigentlich nötig seien. Auch die KV Bayerns warnt die Hausärzte vor voreiligen Schritten. Wer aus dem System aussteige, könne nur noch privat abrechnen und gehe damit ein unkalkulierbares wirtschaftliches Risiko ein. Apropos: Geld steht auch in einem Einzelvertragssystem nur begrenzt zur Verfügung.
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