ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2008Künstliches Bakterium geschaffen

AKTUELL: Akut

Künstliches Bakterium geschaffen

Dtsch Arztebl 2008; 105(5): A-186 / B-170 / C-170

Zylka-Menhorn, Vera

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Wissenschaftler um den US-Genforscher Craig Venter haben das komplette Erbgut eines Bakteriums nachgebaut. Als Vorbild für das Kunstprodukt diente dem Team um den Medizin-Nobelpreisträger Hamilton Smith vom J. Craig Venter Institute in Rockville (US-Staat Maryland) das Bakterium Mycoplasma genitalium. Mit 485 Genen besitzt es das kleinste bekannte Genom aller Zellen, die sich unabhängig reproduzieren und im Labor kultiviert werden können. Die Abfolge seiner 580 076 Basenpaare war bereits bekannt. Doch das längste DNA-Stück, das bislang synthetisiert worden war, enthielt nur 32 000 Basenpaare.
Beim Nachbau gingen die Forscher in einer Art Kaskade vor (Science 10.1126/science.
1151721 [2008], Abstract). Sie teilten die Erbinformationen des Originalbakteriums in 101 Abschnitte, die sie dann einzeln im Reagenzglas nachbauten. Schrittweise wurden die einzelnen Stücke zu immer längeren Ketten zusammengebaut. Das vollständige Kunst-genom wurde dann in Hefebakterien integriert, die es beim Vermehren kopierten. Letzteres
ist eine Standardtechnik in der Genetik. Anschließend überprüften die Wissenschaftler die Abfolge der Bausteine in ihrem Nachbau. Die Analyse ergab eine exakte Übereinstimmung mit dem Original. Der Name des Kunstprodukts – Mycoplasma genitalium JCVI-1.0 – verweist sowohl auf sein Vorbild als auch auf den Erschaffungsort.
Gelungene Laborstudie, nicht mehr In den Publikumsmedien wurde diese Nachricht bereits als wichtiger Schritt auf dem Weg zum künstlichen Leben gefeiert. Zwar wird kein Biologe abstreiten, dass die künstliche Synthese des Genoms von der Größe des Mycoplasma genitalium eine technisch bedeutsame Leistung ist. Dennoch ist der vermeintliche Durchbruch nur ein weiterer Schritt von vielen. Zudem berichten die Forscher selbst in ihrem Artikel keineswegs davon, dass sie nun kurz davor seien, künstliches Leben herzustellen. Denn je größer das Genom eines Lebewesens, umso schwieriger sei seine künstliche Synthese. Zudem besteht eine weitere technische Hürde. Damit aus Mycoplasma genitalium JCVI-1.0 ein Bakterium wird, das sich selbstständig vermehrt, muss es in eine leere Zelle, die zuvor von ihrem eigenen Genom befreit wurde, eingebaut werden. Das geht noch nicht.
Betrachtet man die Arbeit also vorurteilsfrei, ist sie nichts weiter als eine gelungene Laborstudie der Grundlagenforschung. Was genau an ihrem Ende stehen wird, ist unklar. zyl
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema