ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2008Telematik im Gesundheitswesen: Positionsbestimmung der Ärzte

POLITIK

Telematik im Gesundheitswesen: Positionsbestimmung der Ärzte

Dtsch Arztebl 2008; 105(5): A-196 / B-177 / C-177

Stachwitz, Philipp

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Der Deutsche Ärztetag wird sich im Mai 2008 erneut mit der Telematik
im Gesundheitswesen und der elektronischen Gesundheitskarte befassen.
Die Bundes­ärzte­kammer legt hierzu jetzt einen Diskussionsentwurf vor.

Der 110. Deutsche Ärztetag in Münster hat im Mai 2007 die Einrichtung eines Tagesordnungspunkts „Auswirkungen der Telematik und elektronischen Kommunikation auf das Arzt-Patient-Verhältnis“ beim nächsten Ärztetag in Ulm gefordert. Die Einflüsse der Telematik auf die ärztliche Berufstätigkeit sollen behandelt werden. Den Beschlüssen vorangegangen war eine engagiert geführte Debatte mit Redebeiträgen von rund 30 Delegierten. Die zum Themenkomplex verabschiedeten Anträge wie auch die Debatte spiegelten die Auffassung der Delegierten wider, dass es sich bei der Einführung von Telematik in das Gesundheitswesen um ein Thema handelt, mit dem sich die Ärzteschaft auch künftig intensiv beschäftigen muss.1

Ja zum Heilberufsausweis
Die Delegierten vertraten mit großer Mehrheit die Position, dass „die elektronische Kommunikation . . . auch im Gesundheitswesen in absehbarer Zeit zu einer selbstverständlichen Form der Kommunikation werden“ wird. Sie unterstützten „das Engagement der Ärztekam-mern zum Angebot eines sicheren Heilberufsausweises durch die ärztliche Selbstverwaltung“, um „der Ärzteschaft die sichere Kommunikation untereinander und mit anderen Einrichtungen im Gesundheitswesen zu ermöglichen“.
Die „Einführung einer elektronischen Gesundheitskarte in der bisher vorgestellten Form“ lehnten die Delegierten ab und forderten die Politik auf, das Projekt elektronische Gesundheitskarte (eGK) „unter Beachtung der Bedingungen der Ärzteschaft völlig neu zu konzipieren“. Im Rahmen der Antragsdebatte wurde hierzu von einer Antragstellerin erläutert, dass mit dem Signal, „dass wir uns eine andere Konzeption vorstellen können . . . das Mitdenken und die Zukunftsorientierung“ zum Ausdruck gebracht werden sollen.
Basierend auf den Beschlüssen des 110. und in Vorbereitung des 111. Ärztetages haben sich der Ausschuss Telematik und der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) intensiv mit Fragen der Telematik und dem politisch initiierten eGK-Projekt auseinandergesetzt. Der Vorsitzende des Ausschusses Telematik der BÄK und Präsident der Ärztekammer Schleswig-Holstein, Dr. med. Franz-Joseph Bartmann, erläuterte in einem Interview im Deutschen Ärzteblatt im November 2007 auf die Frage, ob denn klar sei, was für eine andere „Gesundheitstelematik“ die Ärzte wollen: „Es gibt noch keine gemeinsame Position, die man als Position der Ärzteschaft bezeichnen könnte.“ Er kündigte an, dass die BÄK zur Vorbereitung des Ulmer Ärztetages die Meinungen unterschiedlicher Diskutanten und Interessengruppen aus der Ärzteschaft zusammenführen und in Form eines Diskussionsentwurfs für ein gemeinsames Positionspapier zur Telematik veröffentlichen werde.2
Die Bundes­ärzte­kammer hat Ende Dezember 2007 den Entwurf zu „Positionen zum Einsatz von Telematik im Gesundheitswesen“ den Lan­des­ärz­te­kam­mern mit der Bitte um Beratung in ihren jeweiligen Gremien und die Übermittlung von Änderungs- und Ergänzungsvorschlägen zugesandt. Mit der Vorlage des Diskussionsentwurfs strebt der Vorstand der BÄK die Beförderung einer ausführlichen und qualifizierten innerärztlichen Meinungsbildung an. Es erscheint ihm notwendig, innerhalb der Ärzteschaft einen Grundkonsens über die Bedingungen für den Einsatz neuer elektronischer Informations- und Kommunikationstechnologien zu erzielen und die innerhalb der Ärzteschaft teilweise sehr kontrovers und leidenschaftlich diskutierten Positionen im Sinne einer auch künftig am Patientenwohl ausgerichteten Medizin zusammenzuführen.

Prüfsteine für Telematik
Der Diskussionsentwurf formuliert ausgehend vom Status quo des Einsatzes von Informations- und Kommunikationstechnologien in der Medizin und auf Grundlage der ärztlichen Sicht Anforderungen der Ärzteschaft an den Einsatz von Telematik. In einem eigenen Kapitel werden daraus Prüfsteine für die Einführung der eGK abgeleitet und auch mögliche Elemente einer Neukonzeption des Projekts aufgezeigt. Das Papier setzt sich inhaltlich mit Anwendungsgebieten der Telematik wie dem elektronischen Arztbrief, elektronischen Patientenakten und auch der Rolle des Telemonitorings auseinander. Betont wird die Notwendigkeit, Rahmenbedingungen zu schaffen, die eine Absicherung der elektronischen Kommunikation im Gesundheitswesen ermöglichen. Hierzu zählen die Möglichkeit der Anwender zur sicheren Netzanbindung sowie deren Ausstattung mit sogenannten Signaturkarten wie dem elektronischen Arztausweis.
Hinsichtlich der Auswirkungen der Telematik auf die Patient-Arzt-Beziehung wird festgestellt, dass zur Wahrung von Patientenautonomie und ärztlicher Therapiefreiheit die Entscheidung über Einführung und Einsatz von Telematik freiwillig für Patienten wie auch für Ärztinnen und Ärzte erfolgen muss. Es wird betont, dass das Gespräch zwischen Patient und Arzt auch künftig Mittelpunkt der Kommunikation im Gesundheitswesen bleiben muss und dabei den Ausgangspunkt für die Heranziehung weiterer – gegebenenfalls auch telematisch bereitgestellter – Informationen darstellt. Kritisch wird dabei angemerkt, dass die von vielen Ärztinnen und Ärzten befürchtete „Informationsflut“ keineswegs zu einem Mehr an Wissen oder gar automatisch zur Verbesserung der Entscheidungsgrundlagen für Patient und Arzt führt.
In Bezug auf die Schaffung von internetbasierten Patientenakten durch weltweit tätige IT-Unternehmen wie Google und Microsoft sowie auch
nationale Anbieter wird festgestellt, dass der Aufbau dieser Datensammlungen häufig unter nicht klar erkennbaren datenschutzrechtlichen Bedingungen und zum Teil mit dem erklärten Ziel, die Daten der Patienten kommerziell verwerten zu wollen, erfolgt. Dabei wird auf die Chancen einer auf gesetzlicher Grundlage eingeführten und durch rechtliche Vorgaben abgesicherten Tele­ma­tik­infra­struk­tur im Gegensatz zu einer drohenden Dominanz ausschließlich kommerzieller Anbieter in einem künftigen „Markt für elektronische medizinische Daten“ hingewiesen. Gleichzeitig werden aber auch die Risiken des von staatlicher Seite vorangetriebenen eGK-Projekts aufgezeigt, da dieses fortwährend durch unrealistische Zeitvorgaben belastet wird, die am Interesse der Politik an einer nachhaltigen Entwicklung zweifeln lassen.
Ziel des BÄK-Vorstands ist es, dem 111. Deutschen Ärztetag durch den Beschluss von „Positionen zum Einsatz von Telematik im Gesundheitswesen“ eine umfassende und breit konsentierte Positionsbestimmung der Ärzteschaft zu ermöglichen. Dabei kann nicht außer Acht gelassen werden, dass technologische wie gesellschaftliche Entwicklungen eine prozesshafte Betrachtung des Geschehens erfordern.
Alle interessierten Ärztinnen und Ärzte sind aufgefordert, sich über ihre Lan­des­ärz­te­kam­mern in die Diskussion eines Themas einzubringen, das in den kommenden Jahren tief greifende Veränderungen der Kommunikation im Gesundheitswesen erwarten lässt.
Dr. med. Philipp Stachwitz, BÄK

1 Dokumentation des 110. Deutschen Ärztetages unter: www.baek.de/page.asp?his=0.2.20.4640
2 Krüger-Brand H: Neue Karte, neuer Schlitz – sonst passiert nichts. Dtsch Arztebl 2007; 104: A 3067–70

Positionen zum Einsatz von Telematik im Gesundheitswesen (Diskussionsentwurf) im Internet: www.aerzteblatt.de/plus0508
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