ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2008Todesstrafe in den USA: „Humaner“ töten

POLITIK

Todesstrafe in den USA: „Humaner“ töten

Dtsch Arztebl 2008; 105(5): A-198 / B-179 / C-179

Neuber, Harald

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Hinrichtung unter Zeugen: Todeskandidaten, die durch die sogenannte Giftspritze sterben, werden nacheinander Natriumthiopental, Pancuroniumbromid, und Kaliumchlorid injiziert. Foto: AP
Hinrichtung unter Zeugen: Todeskandidaten, die durch die sogenannte Giftspritze sterben, werden nacheinander Natriumthiopental, Pancuroniumbromid, und Kaliumchlorid injiziert. Foto: AP
Der Oberste Gerichtshof der USA soll über die Rechtmäßigkeit von Exekutionspraktiken entscheiden.

Gibt es ein Recht im Unrecht? Neun Richter des Supreme Court, des Obersten Gerichtshofs der USA, sind seit Anfang Januar mit dieser Frage befasst – auch wenn sie in dieser Form nicht gestellt wird. Die höchsten Juristen Washingtons sollen bis Jahresmitte darüber entscheiden, ob derzeit praktizierte Hinrichtungsmethoden in den Vereinigten Staaten verfassungsrechtlich legitim sind. Kritiker bemängeln, dass es bei der Überprüfung nicht um die Strafe an sich, sondern nur um die Ausführung des staatlich organisierten Tötens geht. Trotzdem hat die Debatte schon jetzt Spuren hinterlassen: Unter dem Eindruck der Berichterstattung in den Medien, in deren Rahmen die Praktiken detailliert geschildert werden, ist die Zustimmung zur Todesstrafe merklich gesunken. Unterstützten im vergangenen Jahr noch 80 Prozent der US-amerikanischen Bevölkerung Todesurteile, sind es inzwischen nur noch 65 Prozent.
Den Stein ins Rollen brachten Ralph Blaze und Thomas Clyde Bowling Jr. Die beiden Todeskandidaten sitzen im Bundesstaat Kentucky ein. Blaze wurde wegen Mordes an einem Sheriff und dessen Stellvertreter zum Tode verurteilt. Bowling soll hingerichtet werden, weil er ein Paar erschoss und den zweijährigen Sohn seiner Opfer schwer verletzte. Beide Häftlinge beriefen sich auf Untersuchungen, nach denen die praktizierte Tötungsmethode durch die Giftspritze ungewollt zu Komplikationen und starken Schmerzen führen kann. Unterstützt werden sie von einer medizinischen Studie aus dem vergangenen Jahr, nach der bei fast
allen der postmortal untersuchten Hinrichtungsopfer eine unzureichende Dosierung von Natriumthiopental festgestellt wurde. Das Barbiturat wird den Todeskandidaten als erste von drei Substanzen intravenös verabreicht. So sollen sie zunächst betäubt werden, bevor die tödlichen Substanzen Pancuroniumbromid und Kaliumchlorid injiziert werden. So weit die Theorie. In der Praxis aber war es immer wieder zu Problemen gekommen. Nachdem Hinrichtungen sogar abgebrochen werden mussten, erließ der Oberste Gerichtshof im vergangenen September einen Hinrichtungsstopp.
Geprüft werden soll nun, ob die Exekution mit der Giftspritze „ungewöhnlich grausam“ ist. Solche Strafen wären nach dem achten Zusatz zur US-Verfassung verboten. Doch die Meinungen im Richtergremium gehen weit auseinander. Während der konservative Jurist Antonin Scala an der Exekutionspraxis grundsätzlich nichts ändern will, kommen von dem liberaleren Kollegen John Paul Stevens bedenkliche Töne. Es bereite ihm „große Sorgen“, dass die Todeskandidaten bei der Hinrichtung unter Umständen große Schmerzen litten, sagte er zu Beginn der Beratungen Ende der ersten Januarwoche. Wie schwierig die Entscheidungsfindung ist, macht der vorgegebene Zeitrahmen deutlich: Erst im Juni wollen die neun Bundesrichter ihre Entscheidung bekannt geben. Sie könnten den Fall dann aber auch zurück nach Kentucky verweisen, damit die dortigen Behörden weitere Informationen zusammentragen.
Allen Beteiligten ist bewusst, dass, auch wenn es vordergründig nur um die Beurteilung einer einzelnen Hinrichtungsmethode geht, die Zukunft der Todesstrafe in den USA zur Debatte steht. 1972 war sie schließlich schon einmal aufgehoben worden – ebenfalls unter Verweis auf den achten Verfassungszusatz. Zur Begründung bezeichnete ein Richter Todesurteile damals als „gleichsam grausam und ungewöhnlich, wie es grausam und ungewöhnlich ist, von einem Blitz getroffen zu werden“. Als der Entschluss nur vier Jahre später in einer ebenfalls knappen Entscheidung revidiert wurde, spielte die öffentliche Meinung eine große Rolle. Lobbygruppen hatten mit emotionalen Kampagnen für Hinrichtungen geworben und so landesweit einen Meinungswechsel erreicht.
Darauf setzen nun indes die Gegner der Methode. Mit der Debatte über die Giftspritze wollen sie auf das gesellschaftliche Dilemma hinweisen. Die Tötung von Gefangenen durch Giftinjektionen solle eine Humanität suggerieren, die es nicht gebe. Der Charakter des staatlichen Tötens verändere sich nicht durch die Art der Hinrichtung, sagen sie.
Die Debatte in den USA wird auf internationaler Ebene aufmerksam verfolgt. Die UN-Vollversammlung hatte am 18. Dezember 2007 mit großer Mehrheit für die Abschaffung der Todesstrafe gestimmt. Auf Antrag Italiens votierten 104 Delegationen für die Eingabe Roms, 54 sprachen sich dagegen aus, 29 enthielten sich. Während die Europäische Union Italiens Vorstoß geschlossen unterstützte, stimmten unter anderem die USA und China dagegen. Generalsekretär Ban Ki Moon wertete das Ergebnis trotzdem als positiv: „Dies ist ein weiterer Hinweis auf den Trend zur endgültigen Abschaffung der Todesstrafe“, sagte er. Allerdings ist die Resolution der Vollversammlung rechtlich nicht bindend. Sie hat aber eine starke moralische Wirkung. Eine positive Entwicklung sieht daher auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International. In den vergangenen Jahren hätten 88 Staaten das staatliche Töten beendet, 42 weitere hätten die Todesstrafe zumindest ausgesetzt. Nur 62 Staaten der UN, in denen allerdings zwei Drittel der Weltbevölkerung leben, halten an Exekutionen fest.
In den USA ist schon vor dem Urteil des Obersten Gerichtshofs Bewegung in die Debatte gekommen. Parallel zu dem Beschluss der UN-Vollversammlung erließ Jon Corzine, der Gouverneur des Bundesstaats New Jersey, ein Gesetz zur Abschaffung der Todesstrafe. Die Buße von acht Todeskandidaten wurde in lebenslangen Freiheitsentzug ohne Aussicht auf Entlassung umgewandelt. Es war das erste Mal seit 40 Jahren, dass sich ein US-Bundesstaat zu einem solchen Schritt entschloss. Zuletzt hatten 1965 Iowa und West Virginia die Abschaffung der Todesstrafe beschlossen. Derzeit sind Exekutionen in 37 US-Bundesstaaten legal. In Oklahoma werden Verurteilte auf dem elektrischen Stuhl getötet, in New Hampshire gehängt. Die Giftspritze wird in 35 Staaten angewandt. Nach wie vor heißt es zur Begründung, es sei die „humanste“ Tötungsmethode. n
Harald Neuber
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema