POLITIK

Nahrungsmittelallergien in den USA: Epidemie oder geschickte PR?

Dtsch Arztebl 2008; 105(5): A-200 / B-180 / C-180

Gerste, Ronald D.

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Zielgruppe Kinder: Die Lobby- und Aufklärungsarbeit der Selbsthilfegruppe FAAN gerät in die Kritik.
Zielgruppe Kinder: Die Lobby- und Aufklärungsarbeit der Selbsthilfegruppe FAAN gerät in die Kritik.
In den Vereinigten Staaten droht sich die Furcht vor tödlichen Reaktionen auf Lebensmittel zur Hysterie auszuwachsen. Selbsthilfegruppen und Pharmaunternehmen sind daran nicht ganz unbeteiligt.

Wer heutzutage einen Inlandflug an Bord einer US-amerikanischen Fluglinie genießt, kann das karge Überbleibsel dessen, was früher einmal „Service“ hieß, in denkbar kurzer Frist hinter sich bringen. Neben dem nicht alkoholischen Getränk besteht dieser meist in einem kleinen Plastiktütchen. Die Vorderseite des 20-Gramm-Beutels ziert eine Illustration mehrerer Mini-brezeln. Als sei das nicht aussagekräftig genug, steht auf der Hülle des kargen Snacks eine fett gedruckte Information im Stil von: „Der Inhalt enthält keine Erdnussprodukte.“ Diese Deklamation löst bei zahlreichen Fluggästen ungemeine Erleichterung aus, scheint man dadurch doch der Todesgefahr eines erd-nussvermittelten anaphylaktischen Schocks entkommen.
Der Begriff „allergy“ nimmt im US-amerikanischen Alltagsleben und auch in der Medizin einen Stellenwert ein, der den europäischen Beobachter überraschen mag. Fast scheint es, als fange jede Anamneseerhebung US-amerikanischer Kollegen routinemäßig mit der Frage nach Allergien an. Auch so offensichtliche Hinweise auf den Grund der Ordination wie ein Oberschenkeldurchschuss in der Notambulanz ersparen dem Leidenden diese Frage häufig nicht. Die vermeintliche Allgegenwart von Allergien hat in weiten Teilen der Bevölkerung zu einem Bedrohungsgefühl geführt, das der in der Prävention so sinnvolle Terminus „awareness“ (Bewusstsein) nur ungenügend beschreibt.
Glaubt man den Medien, haben Lebensmittelallergien im Kindesalter, verursacht vor allem durch Baum- und Erdnüsse, geradezu epidemische Ausmaße erreicht. Die ständig verbreiteten Schreckensnachrichten haben längst politische Konsequenzen nach sich gezogen: Sechs Bundesstaaten haben Gesetze erlassen, die die Lebensmittelsicherheit in Schulen gewährleisten sollen. Auf lokaler Ebene haben sich Initiativen zusammengefunden, die aus den Cafeterien in Schulen und Kindergärten erdnussfreie Zonen machen wollen. Die American Academy of Pediatrics empfiehlt seit Kurzem, Kindern bis zum vollendeten dritten Lebensjahr Erdnüsse vorzuenthalten. Fast scheint es, als sei nur noch ein anderes Gesundheitsproblem weiter verbreitet: Adipositas.
Doch während massives Übergewicht leicht verifizierbar, epidemiologisch belegt und im amerikanischen Straßenbild allgegenwärtig ist, ist die Epidemiologie der Nuss- und sonstiger Allergien wesentlich verschwommener. Die Berichte von anaphylaktischen Schocks haben möglicherweise ein Bedrohungsgefühl geschaffen, das in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Häufigkeit dieser Zwischenfälle steht.
Die angesehene Zeitschrift „Harper`s Magazine“ hat in ihrer jüngsten Ausgabe (Januar 2008, S. 64/ 65) den angeblich sprunghaften Anstieg tödlicher Lebensmittelallergien zu einem Mythos erklärt. Selbstverständlich bestreitet niemand, dass es häufig, manchmal auch letal verlaufende, Lebensmittelallergien gibt. Dennoch sieht die Autorin eine Kulturhysterie, die sich aus folgenden Zutaten speist: ängstliche Eltern in einer Epoche erhöhter Furchtsamkeit, sensationslüsterne Medien und eine Schar von Lobbyisten.
Es gibt zahlreiche Organisationen, die als gemeinnützig deklariert sind und sich der Aufklärung über die Gefahren von Lebensmittelallergien verschrieben haben. Keine ist dabei so erfolgreich wie das Food Allergy & Anaphylaxis Network (FAAN). Die Organisation wurde von der Journalistin Anne Muñoz-Furlong gegründet, deren Tochter eine (nicht fatale) Lebensmittelallergie entwickelt hatte. Muñoz-Furlong ist häufige Interviewpartnerin in den Gesundheitsrubriken von Zeitschriften und auf Webseiten.
Eintreten für ein Verbot: Julie Kudrnas Kinder reagieren allergisch auf Erdnüsse. Sie will erreichen, dass diese Produkte aus dem Speiseplan der Schule gestrichen werden. Foto: AP
Eintreten für ein Verbot: Julie Kudrnas Kinder reagieren allergisch auf Erdnüsse. Sie will erreichen, dass diese Produkte aus dem Speiseplan der Schule gestrichen werden. Foto: AP
Wenn ein renommiertes Nachrichtenmagazin wie „Newsweek“ als Illustration zum Thema ein kleines Mädchen zeigt, dass eine Gasmaske trägt und ein Erdnussbutter-Sandwich in der einen, einen Karton Milch in der anderen Hand hält, ist dies sowohl typisch für den Umgang der Medien mit der Thematik als auch für den Erfolg von FAAN. Die „Daten“, mit denen die Organisation argumentiert, können dabei durchaus „hausgemacht“ sein. Wie „Harper’s“ recherchierte, ist eine gern zitierte Studie von Muñoz-Furlongs Ehemann verfasst worden, und auch sie selbst publiziert häufig in allergologischen Fachzeitschriften.
Dreh- und Angelpunkt der Öffentlichkeitsarbeit dieser und vergleichbarer Organisationen ist das Wort „fatal“. Lebensmittelallergien sind so eng mit der potenziellen Tödlichkeit assoziiert, dass sie als vergleichbar dramatisch wahrgenommen werden wie Herzinfarkte oder Krebs. Auch in einer FAAN-Kampagne, die gezielt Kinder anspricht, wird die tödliche Bedrohung herausgestellt. Im Rahmen der Initiative „Be a Pal!“ („Sei ein Freund!“) werden Kinder aufgefordert, ihre Freunde genau zu beobachten, um bei den ersten Symptomen sofort einzuschreiten – Untertitel der Aktion: „Protect a life“ – Schütze ein Leben.
Doch sind Lebensmittelallergien tatsächlich eine solch tödliche Bedrohung, dass Medien, Politiker und sogar Kinder mobilisiert werden müssen? FAAN zufolge müssen jährlich 30 000 US-Amerikaner wegen Lebensmittelallergien in der Notaufnahme behandelt werden, 150 bis 200 sterben daran. Diese Zahlen wurden innerhalb eines Jahres in mehr als 400 Medienberichten verwendet. Doch die FAAN-Zahlen sind offenbar aus einer Studie in einer ländlichen Gemeinde in Minnesota hochgerechnet worden. Dort erlitten innerhalb von fünf Jahren 133 Menschen eine Lebensmittelallergie. Darunter fielen auch solche mit leichten Symptomen wie Mundkribbeln. Nur neun Patienten mussten stationär behandelt werden, einer starb – allerdings nicht an seiner Allergie. Die Centers of Disease Control and Prevention in Atlanta stellen denn auch für das Jahr 2004 lediglich zwölf Todesfälle nach einer Lebensmittelallergie fest. Kritische Nachfragen umgeht Muñoz-Furlong häufig mit der Formel, jedes Kind, das an einer Lebensmittelallergie sterbe, sei eines zu viel.
Dem kann niemand widersprechen. Doch es ist fraglich, ob man die Folgen der Public-Relation-Strategie rundum begrüßen muss. So haben nach neuen Studien Kinder, die sich als Lebensmittelallergiker fühlen, stärkere Angstgefühle als Kinder mit Diabetes oder rheumatologischen Erkrankungen. Psychischer Stress wird nach Einschätzung von „Harper’s“ durch überängstliche Eltern verstärkt, die ihre Kinder nicht mehr auf Geburtstagsfeiern schicken, weil es dort Erdnussprodukte geben könnte.
FAAN und andere Selbsthilfegruppen empfehlen sogar, dass Betroffene, Eltern, Freunde und Schulverantwortliche den Epinephrin-Selbstinjektor (EpiPen) stets griffbereit haben sollten. Die Botschaft wird auch den Kleinsten eingeimpft. Auf der Kinderwebsite des FAAN rät die Comicfigur Alexander the Elephant, dass bei jedem Spiel, jedem Sport stets Epinephrin an der Seitenlinie bereitgehalten werden sollte. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt: Der Hersteller des EpiPen, die Firma Dey and Verus Pharmaceuticals, ist Sponsor des alljährlichen Fundraising-Events des FAAN.
Ronald D. Gerste
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