ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2008Klinikalltag: Denkanstöße für Verantwortliche

KULTUR

Klinikalltag: Denkanstöße für Verantwortliche

Dtsch Arztebl 2008; 105(5): A-222 / B-200 / C-201

Fleissner, Alfred

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Frank König: Ein Chefarzt klagt an. Von der Profitgier der Klinikbetreiber. Econ, Ullstein Buchverlage, Berlin, 2007, 272 Seiten, kartoniert, 16,90 Euro
Frank König: Ein Chefarzt klagt an. Von der Profitgier der Klinikbetreiber. Econ, Ullstein Buchverlage, Berlin, 2007, 272 Seiten, kartoniert, 16,90 Euro
Augenscheinlich hat sich endlich einmal ein Arzt getraut, einen offenbar weitverbreiteten, als unerträglich zu bezeichnenden Zustand anzuprangern. Weshalb, muss man wohl fragen, nehmen es viele Ärzte ohne wirksame Gegenwehr hin, von skrupellosen Klinikbetreibern unbarmherzig ausgebeutet zu werden? Eine der möglichen Antworten liegt nach der Lektüre des Buchs nahe: Ärzte werden mit Versprechungen dazu verführt, finanzielle Verpflichtungen einzugehen, die nur bei Wohlverhalten, verbunden mit der in Aussicht gestellten Gehaltssteigerung, erfüllt werden können. Derartig in die Abhängigkeit manövriert und willfährig gemacht, lassen gestandene Mediziner sich bösartige Erniedrigungen gefallen und nehmen Anforderungen auf sich, die mit der Menschenwürde und ethischen Grundsätzen ganz und gar nicht vereinbar sind.
Die Erschwernis der Situation des Chefarztes durch die Kündigung von wichtigen Leistungsträgern und durch die gesundheitliche Bedrohung von Patienten aufgrund ausbleibender Bereinigung unhaltbarer Gefahrpotenziale wird hilflos und durchaus in dem Bewusstsein toleriert, wegen grober Fahrlässigkeit zur Verantwortung gezogen zu werden, wenn etwas passieren sollte. „Medizinische Ethik und Wirtschaftlichkeit werden nicht zum Nutzen aller miteinander verbunden, sondern immer wieder gegeneinander in Stellung gebracht. Dieser Zerreißprobe sind Personal wie Patienten gleichermaßen ausgesetzt.“ Erst nach dem selbst erlittenen Rausschmiss gab es für den Autor anscheinend geeignete Bedingungen, die ihm erlaubten, endlich allen Mut zusammenzunehmen und, selbstredend ohne Ross und Reiter zu nennen, die vorliegende Anklage zu formulieren.
In der Regel wird es als problematisch erachtet, bei eskalierten Konflikten in eigener Sache an die Öffentlichkeit zu gehen. Die in Form einer Selbstreflexion dargelegten Erörterungen zeugen aber von genügendem Abstand, und wie sonst könnte auf eine zunehmend patientenfeindliche, allein betriebswirtschaftlich orientierte Krankenhauspolitik wirkungsvoll aufmerksam gemacht werden. Dem Autor ist es in seinem Erfahrungsbericht gelungen, anschaulich zu beschreiben, wie die Ärzteschaft und das Pflegepersonal nicht nur unter steigenden Anforderungen zu leiden haben, sondern ihren Schutzbefohlenen auch nicht mehr die fachlich gebotene Behandlung zukommen lassen dürfen. Nachvollziehbar und in der Hoffnung auf Besserung wird geschildert, dass der herrschende Druck und die gesundheitsschädlichen Überlastungssituationen zum Zusammenbruch des gesamten Systems führen müssen.
Bleibt zu wünschen, dass das Buch im Sinne der im Anhang aufgelisteten „Denkanstöße für politisch Verantwortliche“ einige der Angesprochenen aufrütteln und motivieren kann, die nötige Kehrtwende einzuleiten. Alfred Fleissner
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