ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2008Internatsschule Hadmersleben: Lernen, wo die Ottonen siegten

BILDUNG

Internatsschule Hadmersleben: Lernen, wo die Ottonen siegten

Dtsch Arztebl 2008; 105(5): A-227 / B-203

Weiland, Sabine

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LNSLNS Leistung ohne Disziplin und Kontrolle ist in dem Internat in Sachsen-Anhalt undenkbar.
Guten Tag!“, schallt es von rechts. Ich nicke und lächle, denke: „Wie freundlich!“ Da fliegt mir der nächste Gruß zu. Ich nicke wieder. „Wie gut erzogen!“, meldet sich die Mutter in mir. Dann schaue ich dem Guten-Tag-Sager ins Gesicht und bin irritiert. Weder hat es die erwartete Leichtheit eines fröhlichen Grußes noch die Schnoddrigkeit jugendlichen Gleichmuts.
Die Schüler der Internatsschule Hadmersleben sind anders. Es umweht sie ein Hauch von preußischer Disziplin und Strenge, der ungewöhnlich ist für eine Privatschule in Deutschland. Wie dafür gemacht scheint der Standort. Das zwischen Magdeburg und Halberstadt gelegene ehemalige Benediktinerinnen-kloster Hadmersleben mit fünf Hektar Klosterpark umgibt eine Aura
altehrwürdiger englischer Internate und flößt dem Besucher durchaus ein, in Strenge, Tradition und Abgeschiedenheit angekommen zu sein.
Nicht so die Pädagogik der Internatsschule, wissen Astrid von Smuda und Frank Melsbach, beide 1999 Gründer der Internatsschule und selbst Lehrer: „Wir wollten Vielfalt und uns nicht festlegen auf eine spezielle Pädagogik.“ Geworden ist daraus heute ein Querschnitt aus Ost-West-Pädagogik mit stark erzieherischem Ansatz, so nennen sie es und verstehen sich als allgemeinbildendes Gymnasium mit breitem Bildungsangebot.
Das heißt, unterrichtet wird primär frontal, aber auch im Lerngespräch und durch Projektarbeit. Ein am Anfang des Schuljahrs von Lehrern und Schülern erarbeiteter individueller Lernplan schreibt die zu erreichenden Lernziele fest.
Der Fächerkanon in Hadmersleben entspricht dem gymnasialen Standard. „Lernen lernen“ ist eigenständiges Unterrichtsfach der Klassen fünf bis zehn, Informatik der Klassen fünf bis neun. Für Letzteres gibt es einen Fachraum mit PCs. Smartboards, Internetanschluss oder PCs in den Klassenräumen gibt es nicht, dafür eine lexikalische Ausleihbibliothek, unter Aufsicht ein Internetcafé und ab Klasse neun einen eigenen PC im Internat. Besonderheit: ab Klasse fünf werden Chor und Karate als versetzungsrelevante Fächer mit zwei Stunden pro Woche unterrichtet. Sie gelten als Ausdruck des Lern- und Erziehungskonzepts.
Immer mittwochs ist AG-Tag. Etwa 20 Sport-, Kunst- oder Kreativangebote stehen zur Auswahl, mindestens
eins ist Pflicht. Ein regelrechter Sportplatz gehört nicht zur Schule. Auf Wunsch der Eltern bietet die Schule Realschul- und Gymnasialklassen.

Konzept muss zu den Eltern passen
Insgesamt lernen hier 150 Schüler, 70 davon wohnen im Internat in gemütlichen Zweibettzimmern. Wer hierher kommt, das entscheidet nicht ein Numerus clausus, sondern der Wille des Kindes, sein mögliches Potenzial und die Konzeptidentität zwischen Schule und Elternhaus. Dem dient ein etwa zweistündiges Gespräch vor Ort, schnuppern und Probezeit gibt es nicht. Etwa sechs bis sieben Schüler verlassen pro Schuljahr die Internatsschule vorzeitig. Drogen, Alkohol und gewaltrühmende Poster sind tabu.
Nach eigenen Angaben lag der Abiturschnitt 2006 bei 2,3. Acht Realschülern wurde zusätzlich die Abiturstufe empfohlen. Jeder Schüler wird in Hadmersleben individuell begleitet, gleich, ob hochbegabt oder förderbedürftig.
Lehrer in Hadmersleben kann nur derjenige werden, der sich wertkonservativ und vorbildlich, motivierend und aufmerksam verhält. Derzeit unterrichten 18 Gymnasiallehrer bis täglich 14 Uhr, danach begleiten fünf Internatspädagogen die Internatsschüler. Alle Pädagogen wohnen außerhalb.
Geweckt wird morgens gegen 6.20 Uhr, um sieben Uhr nimmt die Schulleitung die Zimmer ab, danach gibt es Frühstück. Bevor der Unterricht um acht Uhr beginnt, treffen sich Internats- und Tagesschüler zum ersten gemeinsamen Ritual im Kreuzgang: eine dreiminütige Morgenrunde gibt Raum für Lob und Tadel, Informationen und Gratulationen. Unterrichtsschluss ist um 14 Uhr, eine Stunde später beginnt die erste Studierzeit bis 16.45 Uhr, genannt Silentium. Um 17 Uhr beschließt ein Kaffeetrinken den Schultag. Abend- und Spätsilentien gelten für Oberschüler des Internats, dazwischen gibt es Abendbrot. Gegen 22.30 Uhr neigt sich der Tag. Das Internat schließt an jedem zweiten Wochenende, ebenso in den Ferien.

Pünkt
Strenge, Tradition und Abgeschiedenheit: Das ehemalige Benediktinerinnenkloster Hadmersleben hat die Aura altehrwürdiger englischer Internate. Foto: Hadmersleben
Strenge, Tradition und Abgeschiedenheit: Das ehemalige Benediktinerinnenkloster Hadmersleben hat die Aura altehrwürdiger englischer Internate. Foto: Hadmersleben
lichkeit und Ordnung

Die Qualität von Schule und Internat unterliegt keinem externen Qualitätsmanagement. Schüler reisen zu Wettbewerben, Facholympiaden und schreiben Landesvergleichsarbeiten. „Wir achten auf eine Transparenz in unserer Arbeit“, sagt Melsbach und beschreibt ein rotierendes Hospitationssystem für alle Fachlehrer der Schule. Zweimal pro Jahr bietet die Schule den Eltern einen Sprechtag an. Sozial- und Schulleistungsstipendien werden jährlich verliehen. Bilden und Erziehen gibt es in Hadmersleben nur als Paar. Ein Regelwerk aus Pünktlichkeit, Ordnung und Höflichkeit bis hin zu Kaugummikauen und Körperhygiene flankiert den Alltag. „Natürlich können wir eine Schule zum Wohlfühlen sein“, sagt Melsbach und betont: „Dort, wo ich einen Rahmen zum Leben bekomme, kann ich gut leben, konzentriert arbeiten und hohe Leistungen erbringen.“ Manche Schüler erleben das als zu eng. Nicht so der 19-jährige Garrit Oels aus Barby. Als er kam, war Schule Ballast. „Heute bin ich selbstständig, plane das Lernen, habe ordentliche Unterlagen und arbeite mit im Schulrat.“ Undenkbar wäre das vorher für ihn gewesen, ebenso wie sein jetziger Notendurchschnitt im Vorabitur von 2,2. Sabine Weiland
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