ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2008Börsebius: Viele Schwarze Peter

GELDANLAGE

Börsebius: Viele Schwarze Peter

Dtsch Arztebl 2008; 105(5): A-233 / B-209 / C-205

Rombach, Reinhold

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LNSLNS Panik allerorten, Entsetzen überall. Die Weltbörsen befinden sich im freien Fall, die Anleger nehmen mit schierer Ungläubigkeit zur Kenntnis, dass Aktien auch noch die andere Richtung kennen, die nach unten nämlich, und das auch noch in gewaltigen Prozentgrößen.
Aufmerksame Börsebius-Leser sollten nicht allzu sehr von dieser dramatischen Entwicklung überrollt worden sein. Schon im Mai letzten Jahres (DÄ, Heft 20/2007 „Haussen sterben in der Euphorie“) warnte ich vor zu teuren Aktien.
Es ist freilich nicht einfach, gegen den Strom zu schwimmen, wenn die Fanfaren zum Kauf schmettern, und es ist andererseits ebenso schwierig, sich der Weltuntergangsstimmung zu entziehen.
Was ist aber wirklich geschehen? Bei nüchterner Betrachtung haben die Aktien lediglich ihre über die letzten Monate und Jahre aufgebaute Überbewertung auf ein möglicherweise „angemessenes“ Normalmaß reduziert. Wer sich schon früher darauf einstellte, dass die Weltwirtschaft abbremst, mag sich heute sicher nicht über die niedrigen Kurse wundern, sondern sie auf dem derzeitigen Niveau eher erwartet haben.
Das an und für sich Überraschende ist der eben erlebte Knalleffekt, die für viele schlimme Erfahrung halt, wie drastisch Aktien auf einmal durchsacken können. Dafür sind einige Schwarze Peter verantwortlich. Da ist zunächst einmal der Anleger selbst, der sich von der plötzlich auftretenden Hysterie anstecken ließ und seine Titel auf den Markt warf, koste es, was es wolle.
Ein gerüttelt Maß an Verantwortung haben aber auch die Banken auf sich geladen, die den Kunden weismachen wollten, dass die Börsen immer nur die Richtung nach oben kennen, und erst recht gilt dies für einzelne Häuser, die sich in ihrer Ehrlichkeit ziemlich vergriffen haben. Bestes Beispiel dafür ist die Hypo-Real-Estate, deren Verantwortliche dem Markt noch vor Monaten glauben machen wollten, es sei alles bestens. Dass das plötzliche Eingeständnis, mehrere Hundert Millionen in den Kamin geblasen zu haben, dann die Finanzmärkte so sehr schockiert, kann im Grunde keinen verwundern.
Den schwärzesten aller Schwarzen Peter hat sich die US-amerikanische Zentralbank verdient. Die jüngste drastische Zinssenkung der Federal Reserve um 75 Basispunkte war vielleicht gut gemeint, um die Märkte beruhigen zu wollen, in Wirklichkeit aber hat sie damit eine Kapitulationserklärung abgegeben, fürderhin auf Preisstabilität verzichten zu wollen. Das mit diesem Schritt die Panik erst recht angeheizt wurde, ist einfach tragisch. Der Trost bei alledem: Die Aktien sind so schnell gefallen, dass einige Titel schon wieder Schnäppchencharakter haben. Mutige, vorgetreten.
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