ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2008Weihnachten in einem Krankenhaus am Bodensee: Am Ende zählt die Hilfsbereitschaft

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Weihnachten in einem Krankenhaus am Bodensee: Am Ende zählt die Hilfsbereitschaft

Dtsch Arztebl 2008; 105(5): A-241 / B-217 / C-213

Kotzerke, Michael; Sauter, Bruno; Oexle, Benedikt

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Ein Lächeln ist der kürzeste Weg. Für Christina Gilot ist der Kontakt zum Patienten nach wie vor die Hauptmotivation für die tägliche Arbeit.
Ein Lächeln ist der kürzeste Weg. Für Christina Gilot ist der Kontakt zum Patienten nach wie vor die Hauptmotivation für die tägliche Arbeit.
Viele der täglichen Probleme in der Akutmedizin lassen sich nicht durch den von der Politik verordneten Wettbewerb lösen, sondern nur durch gute Zusammenarbeit – auch über die Sektorengrenzen hinweg.

Bei der Lektüre des Deutschen Ärzteblattes gewinnt man zuweilen den Eindruck, deutsche Ärztinnen und Ärzte befassten sich nur noch mit ihrer „Marktposition“, den „unternehmerischen Anreizen durch neue gesetzliche Vorgaben“ und dem „Verdrängungswettbewerb im Gesundheitssystem“ im Allgemeinen. Dass die Strategieentwürfe am grünen Tisch und die Wirklichkeit in der Krankenversorgung jedoch weit auseinanderliegen, belegten einmal mehr die Weihnachtsfeiertage 2007: ein Block von elf Tagen mit nur zwei „normalen“ Werktagen. Angesichts des Ärztemangels versprach diese Zeit „zwischen den Jahren“ für viele Krankenhäuser eine Herausforderung zu werden, die nicht mit „Konkurrenz“ oder „Wettbewerb“ zu lösen war, sondern nur mit Kollegialität und Hilfsbereitschaft. Im Klinikum Singen am Bodensee zeigten Kollegen aus Klinik und Praxis, was durch Kooperation möglich ist.
Elf Tage am Stück, davon neun arbeitsfreie Tage. Geschäftsführungen, Verwaltungen und Hilfsberufe wie Codierer, Zivis und Stationssekretärinnen haben frei. Die Assoziation der Normalbevölkerung von „Bereitschaftsdienst“ (gelegentliches Aufstehen von der Liege, wenn dann mal ein Patient kommt) trifft nicht zu, wenn man sich die Eckdaten dieses „frohen Festes“ in Singen vor Augen hält: zwei Kolleginnen in Mutterschutz, vier Kollegen zum Jahresende auf eine neue Stelle orientiert (sie hatten natürlich Resturlaub und überstundenfrei ab November). Für die Feiertage zu besetzen: ein Oberarztdienst (mit Abdeckung Herzkatheterdienst und Endoskopiedienst), ein Intensivstationsdienst, ein Hausdienst für die Akutprobleme auf den Stationen, ein Notaufnahmedienst und mit der Anästhesie gemeinsam für den Landkreis ein Notarztdienst – alles rund um die Uhr.
Hinzu kommt ein Bettenproblem: Fast ein Drittel der medizinischen Betten ist umfunktioniert zur Quarantäneeinheit für Patienten mit Norovirus, außerhalb dieser Isolierzimmer kaum Platz für Neuaufnahmen. Aber diese kommen. Und zwar wirklich Schwerstkranke, die man nicht heimschicken kann. 290 Patienten suchen in diesen elf „Bereitschaftstagen“ die internistische Notaufnahme auf: viele interventionsbedürftige Herzinfarkte, akutes Leberversagen, eine Erstdiagnose akute Leukämie, gastrointestinale Blutungen, Schlaganfälle. Luftnotpatienten haufenweise, davon viele beatmungspflichtig, eitrige Cholangitiden bei Steinleiden mit Notfall-ERCP-Bedarf. Ein Dorado für Medizinstudenten. Und immer wieder: Patienten mit Norovirus, die aber eigentlich nicht in den zusammengedrängten Patientenpool der Notaufnahme hinein sollen, weil sie oben und unten „nicht dicht“ sind.
Das kam nicht unerwartet. Vorauszusehen war aber auch, dass
diese Aufgaben nach dem Arbeitszeitgesetz mit dem ausgedünnten Mitarbeiterstamm nicht zu bewältigen sein würden. In der frühzeitigen Lagebesprechung sagt der kardiologische Chef seinen seit Monaten gebuchten Auslandsurlaub ab und lässt sich auf dem Dienstplan eintragen. Der Chef der Nephrologie trägt sich aus Solidarität in einen Assistentendienst ein. Die PJ-Studenten verpflichten sich, selbstständig über die Feiertage einen Blutentnahmedienst zu organisieren.
Gute Stimmung trotz angespannter Personalsituation: die niedergelassenen Internisten Christoph Graf und Benedikt Oexle im gespräch mit G.S. The (von links)
Gute Stimmung trotz angespannter Personalsituation: die niedergelassenen Internisten Christoph Graf und Benedikt Oexle im gespräch mit G.S. The (von links)
Einige Fachärzte tragen sich zusätzlich als Visitendienste ein. Kontakte zum Qualitätszirkel der niedergelassenen Internisten werden aufgewärmt – und stoßen tatsächlich auf Verständnis. Das Wort „Kollege“ wird neu belebt, sodass nach erfreulich unkomplizierter Kostenübernahmezusage des Klinikpersonalchefs ein Krisenteam von zwölf niedergelassenen Internisten in jeweils Sechs-, teils auch Zwölfstundenschichten die internistische Notaufnahme übernimmt. Das verbindet. Das schafft Zusammenhalt. Und die gegenseitige Hilfsbereitschaft trägt auch, als über die Feiertage insgesamt fünf der für den jeweiligen Dienst eingetragenen Ärzte selbst die Norogastroenteritis bekommen und daheimbleiben müssen. Auch einer der Verfasser dieses Berichts bekommt schließlich daheim von einem Kollegen seine Infusion angehängt.
Das Beispiel bestätigt, was jeder am Krankenbett tätige Arzt weiß, was aber angesichts der gesundheitspolitischen Debatte leicht in den Hintergrund gerät: Viele der täglichen Probleme in der Akutmedizin lassen sich nicht durch Konkurrenz und Wettbewerb lösen, sondern nur durch Zusammenarbeit. Von Kollegialität und Kooperation geht eine starke Kraft aus, die wir in Zeiten
eines Fachärztemangels dringend brauchen. Wohl spornt Wettbewerb an (sonst würden wir uns ja nicht alle so gespannt auf die Fußball-EM 2008 freuen) – aber das motiviert überwiegend in Projekten (zum Beispiel Schreiben von Publikationen, Erstellen von Vorträgen). Wir halten es für ein Missverständnis, dass ärztliche Tätigkeit, die durch Fürsorge und Anteilnahme am leidenden Menschen motiviert ist, als zusätzliche Triebfeder den Wettkampfgeist des Konkurrenzverhaltens braucht.
Korzilius’ und Flintrops Metapher vom Autorennen (DÄ, Heft 51–52/ 2007) will sicher nicht so verstanden werden, dass die Ärzte, die eigene Gesundheit missachtend, zum Vergnügen des johlenden Publikums
in ohrenbetäubendem Lärm einer nach dem anderen über die Leitplanke schießen, bis zum Schluss nur „der Sieger“ übrig bleibt. Wenn wir unsere alte und bewährte Grundlage von Hilfsbereitschaft und Kollegialität zugunsten eines wettbewerbsorientierten Konkurrenzverhaltens aufgeben, nur weil ein paar Gesundheitsmanager das wollen, wird es am Ende nur noch Verlierer geben. Da wir aber in der Therapie eines Patienten in Not- und Krisensituationen Erfahrung haben, werden wir auch unsere eigene aktuelle Notsituation
(Ärzteknappheit, offene Stellen, Bevormundung durch die Politik) und vor allem die Krise der angeschlagenen ärztlichen Motivationslage konstruktiv angehen und Lösungen finden. Solidarität und Zusammenarbeit untereinander, Delegation von Schreibtisch- und EDV-Aufgaben an Codierer und Dokumentare, Unterstützung durch Arzthelferinnen auch im stationären Bereich, freilich auch die Einarbeitung in betriebswirtschaftliche Denkweisen, vor allem aber die medizinischen Erfolgserlebnisse und die positiven Rückmeldungen, die eine patientenorientierte Arbeitsweise mit sich bringen, werden uns dabei helfen.
Von den Politikern wünschen wir uns – statt Aufforderungen zum Wettbewerb – Rahmenbedingungen, die Ärzten in Deutschland eine Tätigkeit in der Krankenversorgung
nachhaltig wieder attraktiv werden lassen.
Dr. Michael Kotzerke
Hegau-Bodensee-Klinikum, Singen
Bruno Sauter
Hegau-Bodensee-Klinikum, Singen
Dr. Benedikt Oexle
Internist, Singen
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