ArchivDeutsches Ärzteblatt9/1996Deutsch-niederländische Drogenpolitik: Schwierige Suche nach gemeinsamem Weg

POLITIK: Leitartikel

Deutsch-niederländische Drogenpolitik: Schwierige Suche nach gemeinsamem Weg

Korzilius, Heike

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LNSLNS Die Binationale Drogenfachstelle (BINAD) beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe hat gemeinsam mit dem Consultatieburo voor Alcohool en Drugs (CAD) Twente in Enschede am 1. Februar eine Grenzlandkonferenz zur deutsch-niederländischen Zusammenarbeit in der Drogenpolitik veranstaltet. BINAD wird zunächst für eineinhalb Jahre aus Mitteln des Landes Nordrhein-Westfalen und der Europäischen Union finanziert und soll in der Region Enschede/Gronau bis Heerlen/Aachen Drogenprojekte sowie die grenzübergreifende deutsch-niederländische Zusammenarbeit koordinieren.


Man soll in den kommenden Jahren in der Drogenproblematik nicht mehr merken, daß wir zwei Länder sind", faßte Cor Struik, Direktor des CAD Twente, das drogenpolitische Ziel der Teilnehmer der Grenzlandkonferenz in Enschede zusammen. Auf dem Weg dorthin gibt es jedoch nach Ansicht von Hans Roerink vom niederländischen Ge­sund­heits­mi­nis­terium in Den Haag noch viele Unterschiede und Probleme zu überwinden. Hier soll BINAD Abhilfe schaffen. Als zentrale Aufgabe bezeichnet BINAD-Mitarbeiter Rüdiger Klebeck die Entwicklung von grenzübergreifenden Strukturen und Netzwer-ken. Regionale Konferenzen, "Runde Tische" und Workshops sollen die binationale Zusammenarbeit fördern. Innerhalb der Region wollen die Beteiligten am BINAD-Projekt nach den Worten von Landesrat Dr. Wolfgang Pittrich vom Landschaftsverband WestfalenLippe vor allem die Prävention ausbauen. Es stelle sich beispielsweise die Frage, wie man die Neueinsteiger in die Drogenszene erreichen könne. Bei einem angemessenen Hilfsangebot falle es dieser Gruppe häufig leichter "auszusteigen", weil ein soziales Netzwerk oft noch vorhanden sei.
Roerink erhofft sich von einer kontinuierlichen binationalen Zusammenarbeit unter anderem einen profitablen Austausch von Erfahrungen. Ein Beispiel sei das Frankfurter Projekt der "Gesundheitsräume", in denen Heroinabhängige kontrolliert und unter hygienischen Bedingungen ihre Drogen konsumieren können. In den Niederlanden habe man mit vergleichbaren Projekten schlechtere Erfahrungen gemacht als in Deutschland.


Aus Erfahrungen der anderen lernen
Andererseits scheint die Substitution bei Drogenabhängigen mit Methadon in den Niederlanden erfolgreicher zu verlaufen als in Deutschland. Laut Roerink hat es bislang in den Niederlanden keine Todesfälle durch Beigebrauch unter den Methadonsubstituierten gegeben. Dort, so Hans Adolf Hüsgen, Drogenbeauftragter des Landes Nordrhein-Westfalen, werden Suchtkranke primär von Drogenfachdiensten substituiert. In Deutschland hingegen läuft seiner Meinung nach die Substitution zur Zeit an der falschen Stelle. Hüsgen sieht darin eine Ursache für die Todesfälle unter den Patienten des nordrhein-westfälischen Methadonprogramms, die in den letzten Wochen für Schlagzeilen sorgten (siehe DÄ, Heft 5/1995). Die Methadonsubstitution sei in Deutschland ein Politikum. Dabei schneide das Methadonprogramm, wenn es um die Frage der sozialen Integration oder des Ausstiegs aus der Szene gehe, besser ab als die Abstinenzprogramme.
Ein grundsätzliches Problem seien die unterschiedlichen Auffassungen der beiden Länder in der Drogenpolitik. So führt die Parlamentarische Staatssekretärin im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium, Dr. med. Sabine BergmannPohl, die Niederlande als Beispiel dafür an, "wohin eine falsch verstandene Schadensbegrenzung beim Drogenmißbrauch führen kann". Statt getrennter Märkte hätten sich dort Zentren des internationalen Drogentourismus entwickelt. Dabei sprechen laut Hüsgen viele der deutschen Bundesländer eine andere Sprache als die Bundesregierung und begrüßen die niederländische Drogenpolitik. Er erwartete deshalb, ebenso wie der Niederländer Roerink, "außer einer Nota gegen die niederländische Drogenpolitik" nichts von dem ursprünglich für Anfang März geplanten Drogengipfel zwischen Deutschland, Frankreich und den Niederlanden in Den Haag. Daß Frankreich und die Niederlande das geplante Gipfeltreffen mittlerweile abgesagt haben, scheint die Schwierigkeiten, eine gemeinsame Linie zu finden, nur zu verdeutlichen. Offiziell heißt es dazu auf niederländischer Seite, daß es einer weiteren Annäherung in der Drogenpolitik bedürfe, bevor ein Treffen auf höchster Ebene sinnvoll sei.
Trotzdem bleibt Hüsgen, was die deutsch-niederländische Zusammenarbeit angeht, optimistisch. Er wünscht sich, daß die Niederlande ihre Drogenpolitik weiterentwickeln und daß "wir den Weg gemeinsam gehen".
Heike Korzilius

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