ArchivDeutsches Ärzteblatt5/2008Posterausstellungen auf nationalen Fachkongressen – Bereicherung oder Farce?

MEDIZIN: Originalarbeit

Posterausstellungen auf nationalen Fachkongressen – Bereicherung oder Farce?

Poster Exhibitions at National Conferences: Education or Farce?

Dtsch Arztebl 2008; 105(5): 78-83; DOI: 10.3238/arztebl.2008.0078

Salzl, Gabriele; Gölder, Stefan; Timmer, Antje; Marienhagen, Jörg; Schölmerich, Jürgen; Grossmann, Johannes

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Einleitung: Die sogenannte Posterausstellung ist fester Bestandteil medizinischer Fachkongresse, findet aber oftmals wenig Beachtung. Ziel der vorliegenden Untersuchung war daher, Organisationsform, Akzeptanz und Nutzen der Posterausstellung zu analysieren.
Methoden: Auf der Jahrestagung einer deutschen Fachgesellschaft wurden 247 standardisierte Interviews mit Kongressteilnehmern, Posterautoren und Postervorsitzenden geführt. Zudem wurden die Besucherzahlen sämtlicher
Posterbegehungen dokumentiert, der Posterauswahl- und Prämierungsprozess ausgewertet sowie nach Mehrfachpräsentationen der Posterbeiträge recherchiert.
Ergebnisse: Die Beteiligung an den Posterbegehungen war sehr gering. Dennoch wird der wissenschaftliche Gesamtnutzen der Posterbegehung von jungen Autoren, aber auch von den Postervorsitzenden als hoch angesehen. Knapp ein Drittel (29,4 %) der Poster wurde bereits auf anderen Kongressen vorgestellt. Viele Kongressteilnehmer (55,4 %) sowie Posterautoren (49,1 %) würden neben der Posterbegehung die Möglichkeit zu Einzelgesprächen am Poster begrüßen.
Diskussion: Die Option eines Einzelgesprächs mit dem Posterautor würde neben der Begehung vermutlich die eher geringe Teilnahme der Kongressteilnehmer an Posterausstellungen steigern. Insbesondere für junge Wissenschaftler und die Vorsitzenden der Posterbegehungen ist die Ausstellung von besonderem Wert.
Dtsch Arztebl 2008; 105(5): 78–83
DOI: 10.3238/arztebl.2008.0078
Schlüsselwörter: Kongress, Posterausstellung, Abstract, Redundanz, Qualitätsmanagement
LNSLNS Während eines medizinischen Kongresses räumen die Vorsitzenden der Posterausstellung stets einen zentralen Patz im Programm ein. Häufig finden die moderierten Posterbegehungen an den Haupttagen des Kongresses mittags statt. Diese Veranstaltungen konkurrieren lediglich mit den Satellitensymposien der Industrie. Im Kontrast zur herausragenden Positionierung der Posterausstellung im Kongressprogramm ist das Interesse und die Teilnahme der Kongressbesucher an den Posterpräsentationen nationaler (und zum Teil auch internationaler) medizinischer Fachtagungen bisweilen eher gering. Wer profitiert von der Posterausstellung? Wem nützt sie? Wie könnte man sie attraktiver gestalten? Sollte man sie überhaupt noch durchführen?

In der Literatur findet man bereits einige Arbeiten zu Teilaspekten der Posterausstellung nicht deutscher Fachkongresse: zum Prozess der Abstract-Auswahl verschiedener Tagungen (111), zu elektronischen Postern (12, 13) und zur Publikationsrate von Kongressbeiträgen (1420). In weiteren Studien wurde die Motivation von Autoren zur Erstellung eines Posters beleuchtet (21), die Redundanz von Posterbeiträgen (22, 23) untersucht oder die Zeit, die Kongressteilnehmer für das Studium eines Posters investieren (24).

Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, exemplarisch die Posterausstellung eines deutschen Fachkongresses als Plattform zur Präsentation aktueller Forschungsergebnisse hinsichtlich ihrer Akzeptanz und Wertigkeit systematisch und prospektiv darzustellen.

So wurden das Auswahlverfahren der Beiträge und der Posterpreise, der wissenschaftliche- und persönliche Nutzen der Posterausstellung für die Autoren, Vorsitzenden und Besucher der Posterausstellung systematisch untersucht. Die Zahl der Teilnehmer an den einzelnen Posterbegehungen wurde dokumentiert und in Relation zur Zahl der jeweils dargebotenen Posterbeiträge gesetzt.

Material und Methodik
Die Posterausstellung einer Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Verdauungs- und Stoffwechselerkrankungen (DGVS, 2002) wurde als wichtigster jährlicher nationaler Kongress dieses Fachgebietes für die Analyse ausgewählt. Die Posterausstellung des Kongresses wurde in Form von 38 Begehungen an 2 Tagen organisiert, die von je 2 Postervorsitzenden geleitet wurden. Dabei wurden durchschnittlich 10,1 Poster (Spannweite: 8 bis 12) zu einer Begehung zusammengefasst. Insgesamt wurden 388 Poster gezeigt.

Für die 3 Personengruppen der Posterautoren, -vorsitzenden und sonstigen Kongressteilnehmer wurden zum Zweck standardisierter Interviews verschiedene Fragebögen erstellt, mit denen anonymisierte Daten erhoben wurden. Dabei handelte es sich zum überwiegenden Teil um Multiple-Choice-Fragen.

Die Personen wurden an 3 Tagen durch zufälliges Herausgreifen – das heißt, von den Kongressteilnehmern der jeweils 5. Passant, von den Postervorsitzenden jeder 2. Vorsitzender und von den Posterautoren jeder 3. – auf dem Kongressgelände angesprochen und dort interviewt. Zudem wurden die Gruppengrößen der täglichen 19 Posterbegehungen jeweils zu Beginn der Posterbegehung ausgezählt.

Die Vorsitzenden der Selektionskomitees, die die auf der Tagung präsentierten Abstracts ausgewählt hatten, erhielten nach dem Kongress einen Fragebogen zugesandt, der Informationen über die Aufgaben und Arbeitsweise der Komitees erbringen sollte.

Über den Vergleich der 386 in der Zeitschrift für Gastroenterologie (25) verzeichneten Poster der DGVS-Tagung mit denen der Abstractbände der DDW 2002 (Digestive Disease Week) und der DGIM (Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin) 2002 wurde die Redundanz der Posterpräsentation in Bezug auf diese 3 Kongresse exemplarisch überprüft. Beiträge, die unter Nennung der gleichen Autoren und Schlagworte im Titel auch gleiche Methoden und entsprechende Fallzahlen aufwiesen, wurden als Mehrfachpräsentationen definiert.

Ergebnisse
Von insgesamt 2 100 Kongressbesuchern beteiligten sich 247 Personen (11,7 %) an der Befragung. Dabei wurden 122 Posterautoren, 26 Postervorsitzende und 99 weitere Kongressteilnehmer anhand der vorgefertigten Fragebögen durch zufälliges Herausgreifen interviewt.

In allen genannten Personengruppen war der Anteil der an einer Universitätsklinik Tätigen am höchsten: Posterautoren 92,6 %, Postervorsitzende 80,8 %, Kongressteilnehmer 45,5 %. Der Großteil der 122 interviewten Posterautoren war männlich (73,8 %) und 45,9 % dieser Gruppe arbeiteten als Assistenzärzte fast ausschließlich (92,6 %) an Universitätskliniken. Die Altersgruppe der unter 35-Jährigen ist bei den Autoren mit 59,0 % im Gegensatz zu den Postervorsitzenden (7,7 %) und anderen Kongressteilnehmern (29,2 %) besonders stark vertreten.

Unter den Postervorsitzenden ist die Zahl der an einer Universitätsklinik Tätigen hoch (80,8 %). In ihrer Funktion sind die Postervorsitzenden vor allem den Oberärzten (61,5 %) zuzurechnen. Der Anteil weiblicher Postervorsitzender liegt bei etwa 4 % (n = 1). Unter den Kongressteilnehmern, die weder als Autor noch als Vorsitzender fungieren, sind neben den universitär Beschäftigten 14,1 % in einem Haus der Maximalversorgung, 24,2 % in anderen Kliniken angestellt und 12,1 % sind in einer Facharztpraxis niedergelassen.

Befragt nach der Kenntnis über den Auswahlprozess der Abstracts antworteten 54,1 % der interviewten Posterautoren (n = 121) und 57,9 % der Kongressteilnehmer (n = 98), dass ihnen dieser Prozess „unbekannt“ sei.

Als wichtigste Motive der Postererstellung wurden von den Posterautoren die Förderung der wissenschaftlichen Reputation (94,2 %), die Repräsentation der jeweiligen Klinik (92,6 %), mögliche Anregungen für die Forschungsarbeit (88,5 %), gefolgt von neuen Kontakten (79,5 %) und Ansporn durch den Vorgesetzten (64,8 %) angegeben. Von etwas geringerem Gewicht waren die Ermöglichung der Kongressteilnahme durch den Posterbeitrag (59,8 %) und der Anreiz eines Posterpreises (21,3 %).

Es zeigte sich weiterhin, dass 29,5 % der Poster laut anonymen Angaben der Autoren bereits auf anderen Kongressen vorgestellt wurden. Bei Prüfung der 386 Posterabstracts auf Redundanz zeigte sich, dass 78 Beiträge (20,2 %) bereits auf der DDW in den USA präsentiert wurden. Insgesamt liegt die Quote redundanter Abstracts für die genannten 3 Kongresse bei 21,8 %.

Im Rahmen der Befragung der Kongressteilnehmer gaben 85,9 % an, die Posterausstellung besucht zu haben. An einer Posterbegehung teilgenommen zu haben, bestätigten 39,4 %.

Die Zahl der Beteiligungen an den einzelnen Posterbegehungen lag bei durchschnittlich 12,3 Personen pro Gruppe, wobei im Durchschnitt 10,1 (Spannweite 8–12) Poster pro Begehung präsentiert wurden (Grafik 1). Insgesamt nahmen 467 Personen an den 38 Posterbegehungen teil.

In den Fragebögen wurde auch die Einschätzung des wissenschaftlichen Gesamtnutzens der Posterbegehung erfasst. Postervorsitzende ordnen den Nutzen höher ein als Posterautoren und Kongressteilnehmer. So klassifizierten ihn die Postervorsitzenden zu 15,4 % als „sehr groß“, zu 42,3 % als „eher groß“, wohingegen dies nur 2,6 % beziehungsweise 30,8 % der Kongressteilnehmer taten oder 0 % beziehungsweise 24,4 % der Posterautoren (Grafik 2).

Ähnlich verhält es sich bei der Beurteilung der Wertigkeit der Diskussion während der Posterbegehung (Grafik 3). Postervorsitzende (42,3 % „eher groß“, 15,4 % sehr groß, n = 26) ordnen die Wertigkeit höher ein als Kongressteilnehmer (33,3 % „eher groß“, 2,6 % „sehr groß“, n = 39) und Posterautoren (18,6 % „eher groß“, 1,2 % „sehr groß“, n = 86).

Stellt man die Erfahrung der Autoren mit der Postererstellung ihren Aussagen zur Wertigkeit der Diskussionsbeiträge und zum Gesamtnutzen der Begehung gegenüber, so bewertet der Teil der Befragten, der erst seit weniger als 3 Jahren Poster erstellt, die Posterdiskussion deutlich positiver als der Anteil der Kollegen, die schon seit Längerem Poster präsentieren (Grafik 4).

Die Gesamtzahl der Poster lag bei 388. Befragt nach der Zahl der zu präsentierenden Poster sprach sich ein Großteil der Befragten (73,2 %) für eine Beibehaltung des derzeitigen Umfangs aus. Die übliche Zeitdauer von „5 bis 10 min“ pro Präsentation wurde von der Mehrheit der Befragten (53,1 %) ebenfalls als günstigste Zeitspanne bestätigt.

Auf die Frage nach dem bevorzugten System der Posterdiskussion gaben 91,3 % der Postervorsitzenden an, die Posterbegehung zu bevorzugen und nicht die Variante, Einzelgespräche mit den Posterautoren zu führen (Grafik 5). Unter den Kongressteilnehmern befürworteten jedoch 55,4 %, unter den Posterautoren 49,1 % Einzelgespräche.

Die Rücklaufquote der an die 11 Vorsitzenden der Selektionskomitees versandten Fragebögen lag bei 100 %. 7 Vorsitzende der Selektionskommitees erklärten, dass sie nicht von der DGVS darauf hingewiesen worden waren, die Abstracts auf Publikation der Daten hin zu kontrollieren. Auch hinsichtlich einer Überprüfung, ob Daten bereits auf anderen Kongressen präsentiert worden waren, bestanden laut 9 Vorsitzenden der Selektionskomitees keine Vorgaben der Kongressleitung.

In die Entscheidung über die geeignete Präsentationsform für die Abstracts wurden 9 Vorsitzende nicht miteinbezogen (keine Angaben: 1 Vorsitzender). Von den Befragten gaben 7 der Vorsitzenden an, dass sie sich hierbei mehr Mitsprache gewünscht hätten.

Es zeigte sich, dass 68,3 % der Posterautoren und 65,7 % der Kongressteilnehmer der Prozess zur Festlegung von Posterpreisträgern „nicht bekannt“ ist. Aus jeder Postersitzung wurde von den jeweiligen Postervorsitzenden ein preiswürdiges Poster ausgewählt. Auf einer Versammlung der Postervorsitzenden wurde die Vergabe der Posterpreise festgelegt.

Diskussion
Posterausstellungen sind ein fester Bestandteil medizinischer Kongresse – selbst auf kleinen Tagungen mit weniger als 400 Teilnehmern gibt es regelhaft eine Posterpräsentation. Die Posterausstellungen und die moderierten Begehungen finden meist in der Mittagszeit der Kongresse statt, allenfalls in Konkurrenz zu den Verköstigungen der Industrie-Satellitensymposien. Zudem rufen die Kongresspräsidenten stets zum regen Besuch der Posterausstellung auf. Dennoch findet man zum Teil menschenleere Reihen von Stellwänden. Man trifft einzelne Grüppchen von circa 10 Personen – die Begehungen, die sich von Poster zu Poster vorarbeiten, oftmals mit schwindender Teilnehmerzahl, je länger die Präsentation dauert. Immer wieder ist zu hören: „... das ist doch eine Farce, die Posterausstellung ...“.

Die Beobachtung einer geringen Besucherzahl bestätigte sich bei der systematischen Datenerhebung. So partizipierten pro Posterbegehungsgruppe durchschnittlich 13,6 Teilnehmer am ersten beziehungsweise 10,9 am zweiten Tag des Fachkongresses. Diese Zahlen umfassen sowohl die 2 Postervorsitzenden als auch die Autoren der durchschnittlich 10,2 Poster, die pro Begehung besprochen wurden. Insgesamt waren an beiden Tagen 467 Personen anwesend. Dies entspricht lediglich 22,2 % der registrierten Kongressteilnehmer.

Erstaunlicherweise gaben jedoch 46,4 % der befragten Kongressteilnehmer an, die Posterbegehung wahrgenommen zu haben. Möglicherweise spielt für diese Angaben die Orientierung an gängige Normen und Erwartungen eine gewisse Rolle. Limitierend muss berücksichtigt werden, dass durch die Methode des „zufälligen Herausgreifens“ der Interviewpartner keine Repräsentativität der Gesamtheit der Gastroenterologen oder gar der Ärzte im engeren Sinne gezeigt werden kann.

Auch die unterschiedliche Herkunft von Posterautoren und Besuchern der Ausstellung könnte hierfür bedeutsam sein. Der Anteil der an Universitätskliniken beschäftigten Posterautoren lag bei 93 %. Hingegen gaben nur 45,5 % der Kongressteilnehmer an, in einer Universitätsklinik tätig zu sein. Möglicherweise hat der Großteil der Kongressbesucher andere Interessensschwerpunkte als eine von experimentellen Arbeiten geprägte Posterausstellung.

Dennoch zeigte die Befragung der Posterautoren und Vorsitzenden weitere interessante Daten, die einen Nutzen der Posterbegehung für diese Gruppe der Kongressteilnehmer dokumentiert. So sind 59 % der Posterautoren jünger als 35 Jahre und 45,9 % der Autoren zählen zu den Assistenzärzten. Der Anteil der Assistenzärzte unter allen Kongressbesuchern belief sich auf nur 6 %. Es sind also vor allem überdurchschnittlich viele junge Mediziner, und junge Naturwissenschaftler, die mit der Erstellung eines Posters die Chance zur Präsentation ihrer Forschungsergebnisse nutzen. In der Tat fällt die Einschätzung der persönlichen und wissenschaftlichen Wertigkeit der Posterbegehung insbesondere bei den jüngeren Autoren überwiegend positiv aus – auch die Präsentation der Daten vor einem Vorsitzenden und einer kleinen Gruppe weiterer Experten desselben Forschungsgebietes wird von den jungen Kollegen begrüßt – fast die Hälfte der Autoren befürwortet sogar das „steife“ System der formellen Begehung durch Vorsitzende.

Noch eindrucksvoller war diesbezüglich die Befragung der Vorsitzenden der Posterbegehung. Sie schätzen die wissenschaftliche Wertigkeit ebenfalls positiv ein und möchten mit eindrucksvoller Mehrheit (91,3 %) nicht auf die Aufgabe des Vorsitzes einer Posterbegehung zugunsten von Einzelgesprächen verzichten. Der auch im Programm aufgeführte Vorsitz einer Posterbegehung ist für die betreffende Personen (meist Oberärzte der Universitätskliniken) eine „lieb gewonnene Ehre“ von vielleicht sogar „Karriere-förderndem“ Nutzen.

Ein weiteres Ziel der vorliegenden Untersuchung war die Analyse der Akzeptanz struktureller Eckpunkte der Posterausstellung:

Die Datenerhebung zeigte, dass die Gesamtposterzahl mit 388 Beiträgen für diesen Fachkongress mit über 1 000 Teilnehmern allgemeinen Zuspruch fand. Bei der Beurteilung des Zeitrahmens wurde mehrheitlich die übliche Zeitspanne von 5 bis 10 min pro Poster bestätigt. Die Zeitangaben der Kongressbesucher zum Eigenstudium einzelner Poster bewegen sich ebenfalls in diesem Zeitfenster: 94,1 % der befragten Kongressteilnehmer verbrachten 3 bis 9 min mit der eigenständigen Betrachtung eines Posters.

Einem Großteil aller Befragten war der Auswahlprozess der Abstracts unbekannt. Selbst die Posterautoren, die sich vermutlich intensiver mit der Abstract-Rezension auseinandersetzen, waren nur geringfügig besser informiert als die übrigen Kongressteilnehmer. Die Befragung der Vorsitzenden der Selektionskomitees zeigte, dass diese mehr Mitspracherecht bei der Festlegung der Präsentationsform von angenommenen Beiträgen begrüßen würden. Obwohl der Präsident der DGVS laut Geschäftsordnung „im Benehmen mit der Auswahlkommission“ festlegt, „welche angenommenen Beiträge als Vorträge oder als Poster präsentiert werden“ (Geschäftsordnung der DGVS, Absatz II § 6), wurde ein Großteil der Befragten nicht in diese Entscheidung mit einbezogen. In der Tat erscheint es sinnvoll und angemessen, dass die Selektionskomitee-Vorsitzenden, die sich bereits eingehend mit den Abstracts beschäftigt haben, die jeweils geeignete Präsentationsform für den Kongressbeitrag vorschlagen beziehungsweise festlegen. Andererseits ist es das Privileg aber auch die Verantwortung des jeweiligen Kongresspräsidenten – bei gleichwertigen Beiträgen – die Gestaltung der entsprechenden Vortragsseminare im Sinne des allgemeinen Interesses der Kongressteilnehmer vorzunehmen.

Aufgrund ihrer Kenntnisse sollten die Rezensenten auch bei der Posterpreisvergabe maßgeblich beteiligt werden. Wie dem Programmheft der Tagung des Folgejahres entnommen werden konnte, erfolgte fortan der „Auswahlprozess (...) durch die gewählten Hauptgutachter der einzelnen Selektionskomitees und die jeweiligen Vorsitzenden der Posterbegehung“ (25).

Eine Überprüfung, ob die Beiträge bereits auf anderen Kongressen präsentiert wurden, fand nicht systematisch statt. Laut Befragung der Autoren wurden jedoch 29,5 % der Poster schon auf anderen Tagungen vorgestellt. Dieser hohe Anteil konnte auch durch die eigene Überprüfung bestätigt werden: 21,8 % wurden für identisch befunden mit vormalig auf 2 anderen Tagungen präsentierten Abstracts.

Inwiefern die wiederholte Präsentation von bereits international gezeigten Daten auf Posterausstellungen von nationalen Kongressen mit offizieller Billigung künftig erfolgen darf, sollte in den Fachgesellschaften diskutiert werden. Offenbar nutzen junge Wissenschaftler gerne die Gelegenheit zur Einübung der Präsentationen. Dies hilft möglicherweise, die Qualität der Präsentation deutscher Beiträge auf internationalem Parkett zu verbessern.

Resümee
Die systematische Analyse der Posterausstellung eines nationalen deutschen Fachkongresses hat ergeben, dass diese für junge Wissenschaftler und die Vorsitzenden keineswegs eine Farce sind. Für die meist universitär tätigen jungen Forscher stellt die Posterausstellung eine Plattform dar, die es ihnen erlaubt, die eigenen Daten vor einem kleinen aber fachkundigen Publikum und den Vorsitzenden zu präsentieren – der persönliche und fachliche Nutzen wird als hoch eingeschätzt. Für die Vorsitzenden ist die Posterbegehung ebenfalls eine beliebte und nützliche Plattform, die die Anerkennung im Forschungsfeld und in der Fachgesellschaft dokumentiert. Die geringe Beteiligung des Großteils der Kongressbesucher an der Posterausstellung ist bedauerlich. Sie ist aber auch nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass sich die Interessen der meist praktisch klinisch tätigen Kongressbesucher auf den universitär wissenschaftlich geprägten Posterausstellungen wenig wieder finden. Vielleicht eröffnet die Möglichkeit der Einzelgespräche am Poster mehr Klinikern, selektiv einzelne Posterbeiträge zu betrachten und gleichzeitig ihre Unterstützung für die jungen Forscher der Fachgesellschaften zu zeigen.

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 16. 4. 2007, revidierte Fassung angenommen: 24. 9. 2007

Anschrift für die Verfasser
PD. Dr. med. Johannes Grossmann
Medizinische Klinik
Evangelisches Krankenhaus Bethesda
Ludwig-Weber-Straße 15
41061 Mönchengladbach
E-Mail: Grossmann@bethesda-mg.de


Summary
Poster Exhibitions at National Conferences: Education or Farce?
Introduction: The so-called poster exhibition is an established element of medical meetings which often receives little attention. The aim of this study was to analyze the organization, acceptance and value of poster exhibitions. Methods: Interview based study conducted during the annual meeting of a German specialist medical conference. A total of 247 attendees, poster authors and „poster chairpersons“ were interviewed. Attendance at poster exhibitions was
documented, the poster review and award process analyzed, and
abstracts assessed for redundancy of presentation. Results: Participation in poster exhibitions was very low. Despite this, their scientific value was esteemed high by young authors and the poster chairpersons. Almost a third (29.4%) of posters had been displayed at other meetings. Several attendees (55.4%) and poster presenters (49.1%) say they would welcome the opportunity for personal
one-on-one discussion at the poster in addition to poster viewing.
Discussion: The option of additional personal discussion with the
poster presenter may lead to an increase of the rather modest participation of attendees at poster exhibitions. Poster exhibitions are of
value in particular for young scientists and poster chairpersons.
Dtsch Arztebl 2008; 105(5): 78–83
DOI: 10.3238/arztebl.2008.0078
Key words: congress, poster exhibition, abstract, redundance, quality management

The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de
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Medizinische Klinik, Evangelisches Krankenhaus Bethesda, Mönchengladbach: PD Dr. med. Grossmann
Frauenklinik des Klinikums Weiden in der Oberpfalz: Dr. med. Salzl
III. Medizinische Klinik des Zentralklinikums Augsburg: Dr. med. Gölder
Deutsches Cochrane Zentrum, Institut für Medizinische Biometrie und Informatik, Universitätsklinikum Freiburg: PD Dr. med. Timmer
Abteilung für Nuklearmedizin am Klinikum der Universität Regensburg: PD Dr. med. Marienhagen
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