ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2008Postmenopausale Hormontherapie: Unnötige Aufregung?

MEDIZINREPORT

Postmenopausale Hormontherapie: Unnötige Aufregung?

Dtsch Arztebl 2008; 105(6): A-266

Hinney, Bernd

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LNSLNS Vor fünf Jahren hat die WHI-Studie weltweit zu einer Neubeurteilung der Hormontherapie (HT) im Klimakterium und in der Postmenopause geführt. Inzwischen mehren sich Stimmen, die den Eindruck erwecken, im Grunde sei die ganze Aufregung unnötig gewesen. Bei oberflächlichem Lesen der Artikel könnte man tatsächlich vermuten, alle Vorbehalte gegen eine Hormontherapie seien haltlos, und daher seien die empfohlenen Einschränkungen der Verordnung nicht mehr aktuell.

Diese Einschätzung wurde auch auf der Pressekonferenz der International Menopause Society zum Thema „HRT and the Menopause: Time for Re-Evaluation“ vermittelt. Danach ist das Brustkrebsrisiko für symptomatische Frauen durch eine Hormontherapie nur geringfügig erhöht, wenn die Therapie in der frühen Postmenopause begonnen wird. Es bleibt aber unbestritten, dass eine kombinierte Östrogen-Gestagen-Therapie das Brustkrebsrisiko erhöht. In einer Auswertung von Colditz aus dem Jahr 2005 heißt es: „Es ist eindeutig dokumentiert, dass Östrogene das Brustkrebsrisiko erhöhen und dass die Zugabe von Gestagenen zu den Östrogenen das Risiko weiter erhöht.“ (1)

Ein weiterer Punkt ist die Neueinschätzung der kardiovaskulären Ereignisse unter einer Hormontherapie (2). Wenn die Hormontherapie im Alter von 50 bis 59 Jahren begonnen wird, gibt es zumindest kein erhöhtes Risiko kardiovaskulärer Ereignisse. Kurz nach der Menopause hat die Hormontherapie diesbezüglich offenbar einen neutralen Effekt, in späteren Jahren führt sie aber zu einem Anstieg ungünstiger Ereignisse. Anders verhalten sich die Risiken eines Schlaganfalls. Im Zeitraum von bis zu zehn Jahren nach der Menopause steigt das Risiko durch HT um 77 Prozent.

Die Schlussfolgerung lautet daher: „Die Ergebnisse stützen die aktuellen Empfehlungen, dass eine HT kurzfristig zur Linderung mittlerer oder schwerer vasomotorischer Symptome verwendet werden sollte, aber nicht längerfristig zur Prävention kardiovaskulärer Erkrankungen.“ Dies entspricht exakt den derzeitigen Empfehlungen: Die HT bedarf einer Indikation, das heißt, sie sollte nur zur Linderung ausgeprägter klimakterischer Beschwerden verordnet werden, und zwar nur so niedrig wie möglich und nur so lange wie nötig.

Ein weiterer Aspekt wird bei den derzeitigen Diskussionen meist außer Acht gelassen: Die Reanalyse der „Million Women Study“ hat frühere Ergebnisse zum Einfluss einer HT auf das Ovarialkarzinomrisiko bestätigt (3). Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass Frauen unter einer HT ein erhöhtes Ovarialkarzinomrisiko haben. Seit 1991 habe die HT-Einnahme in Großbritannien zu 1 300 zusätzlichen Ovarialkarzinomen und zu 1 000 zusätzlichen Todesfällen durch ein Ovarialkarzinom geführt.

Unter Berücksichtigung dieser Daten gibt es keinen Grund, von den derzeitigen Empfehlungen abzuweichen. Wenn eine Frau unter schweren klimakterischen Symptomen leidet, muss man ihr die Hormontherapie nicht vorenthalten. Eine Aufklärung über die möglichen Risiken sollte jedoch nicht unterlassen werden.
Universitätsfrauenklinik Göttingen
1.
Colditz GA: Estrogen, estrogen plus progestin therapy, and risk of breast cancer. Clin Cancer Res 2005; 11(2 Pt 2): 909s–17s. MEDLINE
2.
Rossouw JE et al.: Postmenopausal hormone therapy and risk of cardiovascular disease by age and years since menopause. JAMA 2007; 297(13): 1465–77. MEDLINE
3.
Beral V et al.:Ovarian cancer and hormone replacement therapy in the Million Women Study. Lancet 2007; 369(9574): 1703–10. MEDLINE
1. Colditz GA: Estrogen, estrogen plus progestin therapy, and risk of breast cancer. Clin Cancer Res 2005; 11(2 Pt 2): 909s–17s. MEDLINE
2. Rossouw JE et al.: Postmenopausal hormone therapy and risk of cardiovascular disease by age and years since menopause. JAMA 2007; 297(13): 1465–77. MEDLINE
3. Beral V et al.:Ovarian cancer and hormone replacement therapy in the Million Women Study. Lancet 2007; 369(9574): 1703–10. MEDLINE

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