ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2008Arzneimittelausgaben: Punktlandung

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Arzneimittelausgaben: Punktlandung

Dtsch Arztebl 2008; 105(6): A-243 / B-219 / C-215

Rabbata, Samir

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Samir Rabbata Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin
Samir Rabbata Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin
Die Ausgabenentwicklung für Medikamente genau vorherzusagen, ist angesichts enormer Veränderungen auf dem Arzneimittelmarkt und ständig neuer gesetzlicher Vorgaben kaum möglich. Dennoch gelang den Krankenkassen und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung mit ihren Rahmenvorgaben für die Arzneimittelausgabenentwicklung 2007 eine Punktlandung. Nach Zahlen der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) beträgt das Ausgabenplus bei Arzneimitteln 2007 moderate 3,4 Prozent. Addiert man die politisch induzierte Mehrwertsteuererhöhung hinzu, beträgt die Kostensteigerung für die Kassen im Arzneimittelsektor 6,1 Prozent. Genau diesen Wert hatten die Selbstverwaltungspartner 2006 prognostiziert. Allerdings müssen noch Zusatzausgaben der Kostenträger für Impfstoffe in Höhe von zwei Prozent hinzugerechnet werden. Dieser Kostenblock konnte bei der Erstellung der Rahmenvorgaben für 2007 nicht miteinbezogen werden, weil Impfungen erst seit der jüngsten Gesundheitsreform von den Kassen als Pflichtleistung übernommen werden müssen.

„Die Gesundheitsreform hat zur Stabilisierung der Arzneimittelausgaben beigetragen“, sagte Dr. Hans-Jürgen Seitz, Hauptgeschäftsführer der ABDA, bei der Vorstellung der Zahlen in Berlin. Dies ist richtig, doch trifft das noch mehr auf das bereits im Mai 2006 gestartete Arzneimittelversorgungs-Wirtschaftlichkeitsgesetz zu. Es bescherte den Kassen nicht nur ein Preismoratorium für Arzneimittel, sondern auch einen Abschlag von zehn Prozent auf den Herstellerpreis für Generika sowie neue, überwiegend abgesenkte Festbeträge. Zudem werden bestimmte Medikamente, deren Preise 30 Prozent unter dem Festbetrag liegen, von der Zuzahlung freigestellt.

Während die Steigerung bei den Medikamentenausgaben 2005 noch bei fast 17 Prozent lag, stiegen die Kosten für Arzneimittel 2006 um lediglich 1,8 Prozent. Legt man für 2007 nur die Steigerung bei den „reinen“ Arzneimittelausgaben von 3,4 Prozent zugrunde, kann man von einer relativ stabilen Entwicklung sprechen. Darüber hinaus haben auch die Vertragsärzte ihre Hausaufgaben gemacht. Sie verschreiben weniger Me-too-Präparate und kaum noch sogenannte umstrittene Arzneimittel.

Hinzu kommt, dass in der Untersuchung der ABDA noch nicht die Einsparungen aus den Rabattverträgen der Krankenkassen mit der Pharmaindustrie enthalten sind. Nach unbestätigten Informationen liegen die Minderausgaben der Allgemeinen Ortskrankenkassen durch Rabattverträge bei rund 100 Millionen Euro. Erst in den nächsten Monaten werden die Krankenkassen offiziell bekannt geben, wie viel sie mit ihren Rabattverträgen sparen konnten, teilte der Bundesverband der Betriebskrankenkassen mit. Doch Wunder darf man nicht erwarten. Denn die Rabattverträge gelten vor allem für Generika. Eher zögerlich wagen sich die Krankenkassen an den 16 Milliarden Euro schweren Markt für patentgeschützte Originalpräparate heran.

Drastisch senken lassen sich die Arzneimittelausgaben nach Meinung von Experten ohnehin nur, wenn die freie Preisbildung der Industrie für Medikamente wegfällt. Schlagzeilen machte in diesem Zusammenhang kürzlich das Arzneimittel Lucentis zur Behandlung der feuchten altersbedingten Makuladegeneration. Es ist das einzige zugelassene Medikament für diese Erkrankung. Hersteller Novartis veranschlagte für eine Dosis mehr als 1 500 Euro. Dem Vernehmen nach könnten sich für die Kassen jährliche Gesamtkosten von bis zu sieben Milliarden Euro ergeben. Dagegen sind die moderaten Kostensteigerungen der vergangenen beiden Jahre für den gesamten Arzneimittelmarkt gering. Solche Fälle können sich jederzeit wiederholen. Politik und Selbstverwaltung sollten deshalb vorbeugen und eine Regulierungsinstanz schaffen, die für Hersteller und Kassen akzeptable Preise ermittelt.
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