ArchivDeutsches Ärzteblatt6/2008Opiatabhängige: Im Stich gelassen
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Eine prekäre Versorgungssituation gibt es nicht nur auf dem Land. Selbst in einer Großstadt mit 225 000 Einwohnern im Ruhrgebiet konnte ein Substitutionsarzt nach Erreichen der Altersgrenze einen Nachfolger nur für die hausärztlich-internistische Praxis finden, nicht aber für die Substitutionsbehandlung . . . Wer neben der Substitution seine „normale“ Praxis fortführen will, hat allergrößte Probleme mit der Akzeptanz durch Patienten und Kollegen. Für jeden Substitutionsfall gehen einer Praxis fünf „normale“ Patienten verloren. Die überbordende Bürokratie feiert in der Substitutionsbehandlung fröhliche Urständ, in einer größeren Substitutionspraxis fordern alleine der Druck der Rezepte und das Abheften der Durchschläge wöchentlich zwei Helferinnenstunden. Während die „International Guidelines on Methadone“ eine Arztkonsultation alle zwei bis vier Wochen für ausreichend erachten, darf der Arzt in Deutschland die Vergabeziffern nur ansetzen, wenn ein direkter Arzt-Patienten-Kontakt erfolgt – die Abgabe darf zwar an Arzthelferinnen, Apothekenangestellte oder Pflegekräfte delegiert werden, ist dann aber nicht abrechenbar. Obwohl die Suchtmedizin klar darlegen kann, dass sowohl die Haltequote als auch das Erreichen der primären Behandlungsziele (gesundes Überleben etc.) mit niederschwelligen, wenig kontrollierten Angeboten besser sind, werden deutsche Ärzte durch die BUB-Richtlinien dazu gezwungen, suchtmedizinisch kontraproduktive Kontrollen durchzuführen und Druck auf die Patienten auszuüben, sekundäre Behandlungsziele zu erreichen. Obwohl die Psychotherapie-Richtlinien erlauben, substituierte Drogenabhängige zu behandeln, werden die Substitutionsärzte von den Psychologischen und ärztlichen Psychotherapeuten bei den oft erschreckenden psychischen Problemen der Suchtkranken schmählich im Stich gelassen. In der oben genannten Großstadt behandeln nur drei (!) Psychotherapeuten in Einzelfällen Substitutionspatienten, ein Gespräch im Kollegenkreis ergab kürzlich, dass von 200 Substitutionspatienten gerade mal zwei eine Psychotherapie erhielten, einer davon als Selbstzahler (die Mutter übernahm die Kosten von 100 Euro pro Woche!) . . .
Ulrich Hammerla, Schlägelstraße 31 a,
46045 Oberhausen
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