ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2008Mindestquote für ärztliche Psychotherapeuten: Die Sitze werden gebraucht

EDITORIAL

Mindestquote für ärztliche Psychotherapeuten: Die Sitze werden gebraucht

PP 7, Ausgabe Februar 2008, Seite 49

Bühring, Petra

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LNSLNS Was macht man mit einer gesetzlichen Regelung, die in hehrer Absicht eingeführt wurde, ihre Wirkung aber nicht wie beabsichtigt entfaltet? Abschaffen, wäre der erste Gedanke – doch so einfach ist es nicht.
Es geht um die Mindestversorgungsquote nach § 101 Absatz 4 SGB V. Danach soll ein Versorgungsanteil von 40 Prozent ärztlichen Psychotherapeuten vorbehalten werden. Eingeführt wurde diese Quote mit dem Psychotherapeutengesetz 1999, als erstmals unterschiedliche Professionen in der Bedarfsplanung zu einer Arztgruppe zusammengefasst wurden. Der Gesetzgeber wollte damals verhindern, dass Psychologische Psychotherapeuten (PP) die Versorgung dominieren und zudem herausfinden, inwieweit sich medizinische und psychologische Ansätze in der Behandlung decken oder ergänzen. Die als Übergangsregelung eingeführte Quote läuft nach zehn Jahren zum 31. Dezember dieses Jahres aus.
Zeit für eine Bilanz: Bundesweit sind nach Angaben der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) rund 1 800 Vertragsarztsitze für ärztliche Psychotherapeuten (ÄP) nicht besetzt. Das sind 30 Prozent der für sie reservierten Plätze. Diese offenen Sitze liegen nicht nur in den neuen Bundesländern, wo es auch noch einige offene Plätze für PP und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) gibt, zum Beispiel 425 in Sachsen. ÄP hätten in diesem Jahr noch die Gelegenheit, sich zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen (274), Westfalen-Lippe (172), Berlin (156) oder Baden-Württemberg (134) niederzulassen – begehrte, aber gesperrte Gebiete für psychologische Kollegen.
Der Grund für die nicht besetzten Arztsitze liegt im Nachwuchsproblem der Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Dass sich deren Anzahl weiter verringern werde, wenn nicht gegengesteuert wird, wurde bereits beim Deutschen Ärztetag 2006 in Magdeburg prophezeit. Eine Trendwende ist nicht abzusehen.
Die Bundes­psycho­therapeuten­kammer fordert nun den Gesetzgeber auf, die Mindestquote, wie geplant, zum Jahresende auslaufen zu lassen und die Zulassungen für PP und KJP zu öffnen. Die frei werdenen Plätze werden für die Versorgung psychisch Kranker dringend gebraucht, heißt es in einer Stellungnahme. Die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) dagegen strebt an, die Regelung über das Jahr 2008 hinaus weiterlaufen zu lassen. Dies wurde auch bereits in Magdeburg beschlossen. Werden die freien Vertragsarztsitze bis zum Jahresende nicht durch Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie besetzt, sollten sich auch Psychiater und andere psychotherapeutisch kompetente Ärzte darauf niederlassen können, so die Vorstellung der BÄK.
Die Mindestquote unter den derzeitigen Regelungen der Bedarfsplanung einfach auslaufen zu lassen, ist jedenfalls keine gute Idee. Auf Nachfrage der Redaktion gaben sechs große Kassenärztliche Vereinigungen (KVen) an, dass die für Ärzte reservierten Sitze nur dann der Versorgung zur Verfügung gestellt werden, wenn in dem jeweiligen Planungsbereich der Versorgungsgrad unter 110 Prozent liegt. Dieser wird zum Jahresende neu ermittelt, liegt er höher, gilt der Bereich als „überversorgt“ und die fiktiven Sitze fallen weg. Nach Angaben der KV Berlin beispielsweise, werden dort die 156 fiktiven Plätze ersatzlos gestrichen – die Hauptstadt gilt als überversorgt. Die KV Nordrhein erwartet, das ein Drittel der reservierten Plätze „der Bedarfsplanung zum Opfer fällt“. Doch die Wartelisten sind überall lang. Gefragt sind nicht simple Streichungen, sondern sinnvolle Lösungen zugunsten der zunehmenden Zahl psychisch Kranker.
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