ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2008Aufbruch 1968 – 40 Jahre später: Siegfried Kischko – Vergessener Künstler

KUNST + PSYCHE

Aufbruch 1968 – 40 Jahre später: Siegfried Kischko – Vergessener Künstler

PP 7, Ausgabe Februar 2008, Seite 50

Kraft, Hartmut

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Siegfried Kischko: o. T. („e“) (1968), Siebdruck in vier Farben, signiert, datiert und nummeriert 11/25. Blatt einer Mappe mit fünf Siebdrucken, Text von Walter Aue, Hake-Verlag, Köln 1968. Foto:Eberhard Hahne
Siegfried Kischko: o. T. („e“) (1968), Siebdruck in vier Farben, signiert, datiert und nummeriert 11/25. Blatt einer Mappe mit fünf Siebdrucken, Text von Walter Aue, Hake-Verlag, Köln 1968. Foto:Eberhard Hahne
Es gibt Bilder und Künstler, die wie alte Bekannte daherkommen: Eine Grafik von Pablo Picasso erkennen viele Menschen auch ohne Signatur und Preisschild. Andere Bilder können wir zumindest einer Zeit, einem Stil zuordnen, auch wenn wir den Künstler nicht zu identifizieren wissen. Ein wesentlicher Teil unseres Kunstgenusses beruht auf diesem Wiedererkennen, der Redundanz. Der hier gezeigte Siebdruck lässt sich eindeutig den Sechzigerjahren zuordnen. Es war die Zeit, als graue Häuserfassaden gelb, orange und grün gestrichen wurden, Türen und Fenster in Blau und Violett erstrahlten. Diese Farbkombinationen wurden auch von vielen Künstlern der deutschen Variante der Pop-Art verwendet, so zum Beispiel von Gernot Bubenik, Werner Berges oder Werner Nöfer. Meist wurden die Farbflächen ohne jede Modulation, ohne eine persönliche Handschrift des Künstlers aneinandergesetzt. Auch inhaltlich wurden neue Wege beschritten. Schemazeichnungen, Landkarten und Schaltpläne wurden zu bildwürdigen Themen oder Teilen der Bildkomposition.
Für das Bild wurde eine Lehrbuchdarstellung zur Lautbildung als Vorlage verwendet. Unsere Sprache ist phylogenetisch zwar an die Entwicklung unseres Kehlkopfs gebunden, erfährt aber eine weitgehende Modulation durch Zungen- und Lippenstellung sowie eine mehr oder weniger umfangreiche Einbeziehung des Nasalraums. Dass dieses Blatt die anatomische Situation bei der Bildung des Vokals „e“ wiedergibt, kann jeder Betrachter leicht nachvollziehen. Es liegt auf der Hand, dass diese Grafik Teil einer Mappe ist, die sich den fünf Vokalen widmet.
Wer aber ist der Künstler? Die Mappe aus dem Hake-Verlag in Köln, der dieser Siebdruck entnommen wurde, nennt Siegfried Kischko. Angaben zur Person fehlen. Eine Recherche im Internet lässt Kischko als Grafiker erkennen, der einen typischen zeitgemäßen Stil entwickelt hat und sowohl für die Edition Tangente in Heidelberg als auch mehrfach für „Luchterhands Loseblatt Lyrik“ arbeitete. Darüber hinaus versagt die Suchmaschine. Kischko gehört zu den vielen vergessenen Künstlern, die das Bild einer Epoche mitgestaltet, aber im Bewusstsein der Nachwelt keinen festen Platz erobert haben. Hartmut Kraft

Biografie Siegfried Kischko
Geburtsjahr und -ort unbekannt. Arbeitete in den Sechziger- und Anfang der Siebzigerjahre des vorigen Jahrhunderts für mehrere Editionen und Verlage.

Literatur
Borchers E, Grass G, Roehler K (Hrsg.): Luchterhands Loseblatt Lyrik. Hermann-Luchterhand-Verlag, Neuwied und Berlin 1966–1970.
(Lieferungen 5, 7, 12, 19, 23, 26) Lippard, L. R.: Pop Art. Droemer- Knaur 1968 (Seite 193).
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