ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2008Erfahrungsaustausch in Qualitätszirkeln: kein Stammtisch, sondern anerkannte Fortbildung

THEMEN DER ZEIT

Erfahrungsaustausch in Qualitätszirkeln: kein Stammtisch, sondern anerkannte Fortbildung

PP 7, Ausgabe Februar 2008, Seite 64

Quasdorf, Ingrid

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Aus einem anderen Blickwinkel die eigene Arbeit als Ärztin oder Arzt betrachten – das ist ein wesentliches Thema in Qualitätszirkeln. Foto: fotolia/Endostock
Aus einem anderen Blickwinkel die eigene Arbeit als Ärztin oder Arzt betrachten – das ist ein wesentliches Thema in Qualitätszirkeln. Foto: fotolia/Endostock
Qualitätszirkel haben sich etabliert: 2006 bestanden mehr als 4 600. Längst ist die Teilnahmepflicht auch Bestandteil von Verträgen. Befragt man Moderatoren nach ihren Erfahrungen, zeigt sich: Qualitätszirkel fördern das Wissen, den kollegialen Zusammenhalt – und die Selbsterkenntnis.

Seit mehr als zehn Jahren finden sich Ärzte und Psychologische Psychotherapeuten auf freiwilliger Basis in Gruppen zusammen, um im Rahmen von Qualitätszirkeln (QZ) die eigene Tätigkeit kritisch zu hinterfragen und Kompetenzen weiterzuentwickeln. Das zunächst in der Industrie angewandte Instrumentarium der Qualitätssicherung und Qualitätsverbesserung hat in der vertragsärztlichen Versorgung einen festen Platz gefunden. Mit den Richtlinien der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) für Verfahren zur Qualitätssicherung nach § 75 Absatz 7 SGB V wurde 1994 die Basis geschaffen, um die Gründung und Arbeit von Qualitätszirkeln bundesweit weitgehend einheitlich zu gestalten.
QZ zeichnen sich durch interkollegialen Erfahrungsaustausch und hohen Praxisbezug aus. Unter der Leitung eines geschulten Moderators und in der Regel gestützt auf eine valide Datenbasis, erarbeiten die Teilnehmer zu selbst gewählten Themen Handlungsstrategien für den Praxisalltag. Mittlerweile stellen Qualitätszirkel auch eine Form der anerkannten Fortbildung dar, die durch die jeweiligen Kammern oder Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) gemäß den Vorgaben der Bundes­ärzte­kammer und der Bundes­psycho­therapeuten­kammer zertifiziert wird.
Längst haben auch Politik und gesetzliche Krankenkassen dieses zunächst rein innerärztliche Instrument entdeckt. In verschiedenen Fällen ist die Teilnahme an QZ für Ärzte eine Voraussetzung, um zum Beispiel an Verträgen zu Disease-Management-Programmen (DMP) oder Sonderverträgen teilzunehmen. Ein Engagement in QZ wurde zuletzt auch durch das GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz als Qualitätskriterium der hausarztzentrierten Versorgung im SGB V festgeschrieben. Zudem haben KVen und Krankenkassen eine Vielzahl von Sonderverträgen abgeschlossen, die eine kontinuierliche fachspezifische Fortbildung der Leistungserbringer als Zugangskriterium festlegen. QZ stellen dabei eine mögliche Umsetzungsform dar.
Beispielweise setzen regionale Onkologie-, Akupunktur-, Pflegeheim- und Rheumatologie-Vereinbarungen sowie Verträge über ambulante Kataraktoperationen die Teilnahme an einem Qualitätszirkel voraus. Andere Verträge sehen allgemeiner die Teilnahme an einer strukturierten Fortbildung vor. Im Bereich der KV Berlin beispielsweise (Stand: Juni 2007) beinhalten alle 17 Sonderverträge Regelungen zur Fortbildung, darunter die Teilnahme an themenspezifischen Qualitätszirkeln. Im Bereich der KV Niedersachsen waren es zum selben Stichtag 19 Sonderverträge mit Vorgaben zur Fortbildung. Darüber hinaus sehen derzeit sieben von acht Modellverträge, die die KBV für die Versorgung von Patienten in ausgewählten Krankheitsbildern entwickelt hat, die Teilnahme an einem Qualitätszirkel als Zugangsvoraussetzung vor. Diese Entwicklungen belegen, dass Qualitätszirkel ein Erfolgsmodell sind.
Den Qualitätszirkel-Moderatoren kommt wesentliche Bedeutung zu. Sie sind Garanten einer kontinuierlichen und erfolgreichen Zirkelarbeit. Die KVen unterstützen Moderatoren auf der Grundlage regionaler Grundsätze beziehungsweise Richtlinien. Die Arbeit in Qualitätszirkeln wird in der Regel dann von den KVen anerkannt und gefördert, wenn sich dabei ein fester Kreis von fünf bis 20 Teilnehmern regelmäßig, das heißt mindestens viermal jährlich, unter der Leitung eines ausgebildeten Moderators trifft und seine Arbeit dokumentiert.
Für das Jahr 2006 kann man bundesweit folgende Bilanz ziehen 1:
- Von den KVen waren mehr als 4 600 QZ mit rund 57 000 Teilnehmern (ohne Externe) anerkannt und wurden gefördert. Das entspricht statistisch gesehen einem Engagement von circa 40 Prozent aller an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmenden Ärzte und Psychologischen Psychotherapeuten in QZ. Allerdings ist nicht bekannt, wie viele an mehr als einem QZ teilnehmen. Durchschnittlich arbeiten QZ mit elf Teilnehmern.
- Mittlerweile wurden rund 6 000 QZ-Moderatoren ausgebildet; allein 2006 kamen 967 hinzu. Für sie wurden bundesweit 83 Fortbildungen veranstaltet, und zwar zu Themen wie Patientenfallkonferenz, evidenzbasierte Medizin, QEP2 im QZ, Pharmakotherapie, DMP, Fehlermanagement/Patientensicherheit, Methodenkompetenz; ebenso zu ausgewählten Krankheitsbildern.
- Derzeit gibt es 128 aktive Qualitätszirkel-Tutoren, das heißt Ärzte und Psychotherapeuten, die Moderatoren fortbilden.
- Die von den KVen anerkannten QZ beschäftigen sich mit fachbezogenen Themen aus 18 Gebieten (56 Prozent) und 14 Zusatzweiterbildungen (30 Prozent). Darunter fallen QZ zum ambulanten Operieren oder zur Ophthalmologie ebenso wie solche zur evidenzbasierten Medizin oder Kommunikation. Grundsätzlich werden auch psychotherapeutische Fragestellungen und zahlreiche fachübergreifende Themen behandelt, wie beispielsweise chronische Erkrankungen oder Qualitätsmanagement.
Bereits 2004 hat die KBV bewährte Ansätze regionaler QZ-Arbeit aufgegriffen und ein Konzept zur bundesweiten Ausbildung von Qualitätszirkel-Tutoren entwickelt. Tutoren sollen ihre Moderatoren-Kollegen nach dem Train-the-Trainer-Prinzip methodisch-didaktisch und fachlich begleiten und weiterbilden. Tutoren schulen vor Ort zu neuen QZ-Instrumenten, Methodenkompetenz und aufbereiteten QZ-Themen („Dramaturgien“). Dazu dienen unter anderem jährliche Moderatorentreffen. Darüber hinaus begleiten die Tutoren Moderatoren durch Supervisionen und unterstützen KVen bei der Weiterentwicklung der QZ-Arbeit.
In vier Ausbildungsstaffeln wurden bisher 68 Tutoren aus neun KVen qualifiziert. Ihre Fortbildung wiederum erfolgt im Rahmen jährlicher nationaler Treffen. Die KVen Nordrhein und Westfalen-Lippe haben im Rahmen ähnlicher Konzepte ebenfalls Tutoren ausgebildet. Ergänzend dazu hat die KBV im Jahr 2006 gemeinsam mit QZ-Tutoren und Experten wissenschaftlicher Institutionen weitere Dramaturgien entwickelt. Sie enthalten alle inhaltlichen und methodischen Informationen, um ein Thema vorbereiten und moderieren zu können. Hierfür werden Arbeitsziele, Themenhintergrund, sinnvolle Gestaltung der Moderation und der QZ-Arbeit einschließlich der einzelnen Phasen und Schritte einer Sitzung dargelegt.

Anschrift der Verfasserin
Ingrid Quasdorf
Dezernat Versorgungsqualität
und Sicherstellung
Kassenärztliche Bundesvereinigung
Herbert-Lewin-Platz 2
10623 Berlin

1 Die Angaben basieren auf einer Umfrage der KBV in den Kassenärztlichen Vereinigungen.
2 Qualität und Entwicklung in Praxen – QEP® ist das von KBV und KVen entwickelte Qualitätsmanagementsystem für Vertragsärzte und
-psychotherapeuten.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema