ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2008Victor-Emil von Gebsattel: „Werden und Handeln“

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Victor-Emil von Gebsattel: „Werden und Handeln“

PP 7, Ausgabe Februar 2008, Seite 70

Goddemeier, Christof

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LNSLNS Vor 125 Jahren wurde der Philosoph und Psychiater geboren.

Von Gebsattels Ruf als Kliniker und tiefenpsychologischer Forscher begründeten vor allem seine Arbeiten über Zwangsneurose, Angst, Depression und sexuell abweichendes Verhalten. Wie Ludwig Binswanger, Eugène Minkowski und Erwin Straus suchte er die Grenzen materialistisch-positivistischer Grundannahmen in der Medizin und Psychologie zu erweitern. Ähnlich wie Viktor E. Frankl bezog er sich dabei wesentlich auf einen philosophischen „Personalismus“, der von Max Scheler inspiriert war. Etwa zur selben Zeit wie Viktor von Weizsäcker formulierte er eine „biografische Medizin“ und eine „anthropologische Psychotherapie“, in denen er philosophisches und wissenschaftliches Denken zusammenfügte.
Dem freudschen Denken folgt er mit Vorbehalten Victor-Emil von Gebsattel wird am 4. Februar 1883 in München geboren. Zunächst studiert er Jura, doch bald fühlt er sich mehr zur Philosophie hingezogen. In Paris, Berlin und München setzt er seine Studien fort und promoviert mit einer Arbeit zur Gefühlstheorie. Er nimmt freundschaftliche Beziehungen zu Dichtern, Malern und Philosophen auf und tritt mit Max Scheler und Martin Heidegger in engeren Kontakt. 1910 nimmt er am Psychoanalytischen Kongress in Weimar teil und lernt in der Folge die psychoanalytische Praxis kennen. Erst danach studiert er Medizin. Seine fachärztliche Ausbildung durchläuft er unter anderem bei Emil Kraepelin in München.
Dem freudschen Denken folgt von Gebsattel mit Vorbehalten. Insbesondere kritisiert er, dass die Psychoanalyse den Menschen als animalisches Wesen beschreibe, das quasi mechanisch auf biologische Bedingungen und Umwelteinflüsse reagiere. Ihm zufolge ist die Tiefenpsychologie „geneigt, die apersonalen Zusammenhänge auf Kosten der personalen Seinsordnung zu unterstreichen und die immanente Zielstrebigkeit der menschlichen Natur auf Kosten der Verantwortung und des Willens“ (Prolegomena einer medizinischen Anthropologie, 1954). So akzeptiert von Gebsattel zwar die Neurosentheorien Sigmund Freuds, Alfred Adlers und Carl Gustav Jungs, doch ihm zufolge bedarf die Tiefenpsychologie einer Ergänzung durch die „Höhenpsychologie“. Neben die „Froschperspektive“ mechanistischer Anschauungsweise müsse die „Vogelperspektive“ einer Analyse des Geistigen im Menschen treten: „Darauf kommt es an, die apersonale Sicht der Tiefenpsychologie und die personale der höheren Seelenführung aufeinander abzustimmen.“
Doch auch die Psychoanalyse enthält einen latenten Personalismus: Freud brachte das Werden des Menschen auf die trockene Formel: „Wo Es war, soll Ich werden.“ Wo ein nicht integriertes Es statt des Ichs handelt, „wird“ das Ich nicht. In existenzphilosophischer Sicht ist die Person nicht gegeben wie der Körper, sondern aufgegeben als etwas, das erst verwirklicht wer-den muss. Dies geschieht, indem der Mensch seinem Dasein durch Entscheidungen, durch Übernahme von Freiheit und Verantwortung und durch Orientierung an „Norm- und Richtbildern des menschlichen
Existierens“ einen Sinn gibt. Dabei kann er scheitern. Die Neurose ist, mit von Gebsattel verstanden, ein solches Scheitern auf dem Weg zur Selbstverwirklichung, zur „Selbstauszeugung der Person“, wie er es in Anlehnung an den Phänomenologen Alexander Pfänder formuliert. Wesentlicher psychopathologischer Befund ist demnach die „Werdenshemmung“, ein Stillstand der „Werdensbewegung“. Normalerweise ist diese Werdensbewegung niemals abgeschlossen. Mit Friedrich Nietzsche sieht von Gebsattel den Menschen als das „nicht festgestellte Tier“, dessen Wesen einem festlegenden Totalentwurf dauerhaft entzogen bleibt und das „immerzu über seine angebbaren Wesenszüge hinaus ist“.
Angst als Reifungskrise
Angst ist, existenzphilosophisch gesprochen, eine Konfrontation mit dem Nichts. Heidegger fasst dieses Nichts, das sich von allem Seienden radikal unterscheidet, als das Sein: In der Angst bekundet sich das Sein als solches. Sie reißt den Menschen aus seiner Eingenommenheit durch das Seiende und macht damit klar, dass er in seinem Grunde einsam und heimatlos ist. Während etwa Kurt Goldstein in der Angst eine Desintegration des Selbst sieht, ist Angst für Heidegger das Grundphänomen menschlicher Existenz, Ausdruck der radikalen Vereinzelung. Von Gebsattel interpretiert die Angst vor allem als Reifungskrise. Er betont das Verhältnis von Angst und „symbolischer Raumqualität“ und sieht den Menschen „in der Kommunikation mit dem Symbolgehalt der Weite“, entweder als Überwältiger oder als Überwältigten. Dabei ist die Raumqualität der Weite „ein Bild für das auf uns zukommende Schicksal“ (Imago Hominis, 1964). Der Gesunde überwindet seine Angst, stößt in diese Weite vor und ergreift von ihr Besitz. In der Therapie der Angststörung soll man laut von Gebsattel von der quälenden Symptomatik möglichst absehen und die anstehenden Entwicklungsschritte in den Blick nehmen.
Die Welt des Zwangskranken ist eine „Gegen-Welt“, angefüllt mit „gestaltwidrigen Potenzen“. Von Gebsattel sieht ihn vor allem im Kampf gegen seine Selbstwertverminderung. Auch wehre er sich gegen die vermeintliche Vernichtung absoluter Ideale und Wertmaßstäbe.
Auf die enge Beziehung der Zwangskrankheit zur magischen Welt ist immer wieder hingewiesen worden. Mit der Deutung dieser Erkrankung als „unverändertes Wiederaufleben einer archaischen Wirklichkeit“ ist von Gebsattel jedoch nicht einverstanden. Ihm zufolge geht „nur das Form-Feindliche, das sich auf Ungestalt zubewegt (. . .), bestimmend in die anankastische Welt ein“.
Alfred Adler hat Liebe und Sexualität als „zweite Lebensaufgabe“ verstanden. Nach von Gebsattel erfährt der Mensch sich als Geschlechtskörper. Dieser werde transformiert in den „Geschlechts-und Liebesleib“, eine Existenzweise, in der man nicht bloß einen Körper hat, sondern ganz Leib ist. Das Du ist dann nicht mehr Hilfsmittel zur Behebung eines Libidostaus, sondern echtes Gegenüber, Partner, Beziehungsperson. Die vielfältigen Sexualstörungen interpretiert von Gebsattel als Aufstand gegen diese normative existenzielle Möglichkeit des Menschseins. Psychologisch sind sie charakterisiert durch eine Vermeidung und Anonymisierung des Partners und die damit verbundene Reduktion von Welt.
Therapie „vom Geistigen her“
Nachdrücklich hebt der Psychiater die Bedeutung hervor, die dem ärztlichem Engagement, der Begegnung mit dem Patienten und der menschlichen Zuwendung im psychotherapeutischen Geschehen zukommt. Seine „Therapie vom Geis-tigen her“ ist der Logotherapie Frankls verwandt. Hier wie dort besteht die Möglichkeit, dass geistige Führung dem Ratsuchenden die Weltanschauung des Therapeuten suggeriert.
Seit 1924 lebte von Gebsattel in Berlin und leitete Privatkliniken. Da er politisch verdächtig war, be-schlagnahmten die Nationalsozia-listen seine Klinik; 1943 zog er nach Wien. Ab 1947 lehrte er Psychotherapie und medizinische Anthropologie in Freiburg, 1949 ging er als Professor nach Würzburg. Am 22. März 1976 ist Victor-Emil von Gebsattel im Alter von 94 Jahren gestorben.
Christof Goddemeier
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