ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2008Forschung: Unzulässige Schlussfolgerungen
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LNSLNS Die GEK will mit ihrem „Report 2007“ einen Beitrag zur Versorgungsforschung leisten. Dagegen ist nichts einzuwenden, sie ist in Deutschland noch deutlich unterentwickelt. Obwohl umfangreichste Daten über ambulante Psychotherapien vorliegen, werden sie nicht sinnvoll zusammengefügt und interpretiert . . .
Der GEK-Report zieht allerdings Schlüsse, die nicht nachvollziehbar sind. Das Fazit, ambulante Psychotherapie wirke sich nicht nennenswert auf den Gesundheitszustand der Behandelten aus, steht im Widerspruch zu den von der GEK selbst erhobenen Daten. Untersucht hat die GEK zum einen, wie oft ambulante Psychotherapie in Anspruch genommen wird und wie sie sich auf die Häufigkeit von Arztbesuchen, Medikamentenverschreibungen und Krankenhausverweiltagen auswirkt.
Zunächst wird festgestellt, ein „erheblicher Bevölkerungsanteil“ sei von einer Psychotherapie betroffen. Tatsächlich war 2006 aber weniger als ein Prozent der Versicherten in einer Psychotherapie. Eine häufigere Inanspruchnahme psychotherapeutischer Behandlungen kann von daher nur erwünscht sein. Der Weg zu einer Psychotherapie ist nach wie vor schwierig. Hatte nicht schon der damalige Sachverständigenrat in seinem Gutachten 2000/2001 „die enorme Resistenz insbesondere der Organfächer, überhaupt psychische Fragen in ihre Konzepte nicht nur rhetorisch beziehungsweise abwertend oder abwartend zu integrieren“ beklagt?
Der GEK ging es jedoch hauptsächlich um die Frage, ob sich Psychotherapie „positiv auf den Gesundheitszustand“ der Patienten auswirkt. Als Indikatoren wurden die Häufigkeit von Arztkontakten, Medikamentenverordnungen und Krankenhausverweildauern vor der Psychotherapie und nach Beginn der Psychotherapie betrachtet, wobei der kurze Beobachtungszeitraum bis zwei Jahre nach Beginn der Psychotherapie noch viele Fragen über die Effekte längerer Psychotherapien offenlässt (was die GEK auch einräumt). Nicht untersucht wurde die Wirkung von Psychotherapie auf den psychischen Gesundheitszustand der Patienten – eigentlich die wichtigste Frage. Schon von daher sind so weitgehende Schlussfolgerungen, wie sie der GEK-Report trifft, unzulässig.
Unabhängig davon zeigt aber die nähere Betrachtung der Ergebnisse deutliche positive Effekte auf die drei untersuchten Parameter. Zusammengefasst zeigt sich, dass sowohl Arztbesuche als auch Krankenhaustage und Medikamentenverordnungen direkt mit Beginn der Psychotherapie zurückgehen. Die GEK hat diese Effekte zwar untersucht, aber nicht positiv hervorgehoben. Nach allem zeigt sich, dass psychische Krankheiten sich offensichtlich circa ein Jahr vor Beginn der Psychotherapie krisenhaft entwickeln und innerhalb der ersten beiden Jahre einer Psychotherapie deutlich zurückgehen. Die alleinige Vorher-Nachher-Betrachtung der GEK verdeckt diesen Effekt vollständig. Es zeigt sich außerdem, dass Psychotherapie kostengünstig und zielgerichtet eingesetzt wird, denn recht schnell nach Beginn einer Psychotherapie geht die Anzahl der Kontakte beim Psychotherapeuten (inklusive der Kontakte beim Psychiater) zurück, und zwar von 8,3 Sitzungen im ersten Quartal nach Psychotherapiebeginn auf circa 2,6 Kontakte nach zwei Jahren.
Dipl.-Psych. Dieter Best, Bundesvorsitzender der Deutschen PsychotherapeutenVereinigung, Am Karlsbad 15, 10785 Berlin
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