ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2008Kinder und Jugendliche in einrichtungen der Jugendhilfe: Bessere Versorgung gefordert

WISSENSCHAFT

Kinder und Jugendliche in einrichtungen der Jugendhilfe: Bessere Versorgung gefordert

PP 7, Ausgabe Februar 2008, Seite 76

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Heimkinder haben ein besonders hohes Risiko, an psychischen Störungen zu erkranken oder sind bereits davon betroffen. Ein niedrigschwelliges Interventionsprogramm soll gegensteuern.

Rund 62 000 Kinder und Jugendliche in Deutschland leben in Einrichtungen der stationären Jugendhilfe. Viele haben ein hohes Risiko, an psychischen Störungen zu erkranken oder sind bereits davon betroffen. Wissenschaftler des Universitätsklinikums für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie in Ulm haben jetzt ein multimodales, ambulantes Behandlungsprogramm entwickelt und evaluiert, mit dem psychische Störungen bei Heimkindern verhindert beziehungsweise rechtzeitig behandelt und längere stationäre Aufenthalte vermieden werden können.
An der bundesweiten Studie nahmen 781 auffällige Kinder und Jugendliche im Alter zwischen vier und 18 Jahren aus 26 Heimen teil, die in jeder Einrichtung in eine Interventions- und eine Kontrollgruppe eingeteilt wurden. Im weiteren Verlauf wurden 228 Teilnehmer aus den Interventionsgruppen und 336 Teilnehmer aus den Kontrollgruppen in die Beobachtungsphase der Studie eingeschlossen und über zwölf Monate begleitet. Mehr als 85 Prozent der Kinder und Jugendlichen zeigten klinisch auffällige Verhaltensmuster wie etwa aggressiv-dissoziales Verhalten, externalisierende Störungen, hyperkinetisches Syndrom, Ängste oder Depressivität. Bei 45 Prozent erreichten diese Verhaltensauffälligkeiten ein weit überdurchschnittliches Ausmaß. Die Teilnehmer der Interventionsgruppen waren zu Beginn der Untersuchung stärker symptombelastet als diejenigen der Kontrollgruppen.
Die Kinder und Jugendlichen aus den Kontrollgruppen wurden im Rahmen der üblichen Regelversorgung behandelt, wohingegen die Kinder und Jugendlichen aus den Interventionsgruppen individuelle, störungsspezifische Behandlungen durch Fachärzte für Kinder- und Jugend-psychiatrie aus fünf Studienzentren erhielten. Die Fachärzte suchten dazu die Jugendhilfeeinrichtungen regelmäßig auf und führten die Behandlungen in eigens zu diesem Zweck eingerichteten „Sprechzimmern“ durch. Während der Behandlung, die unter anderem Psychoedukation, psychotherapeutische Elemente, Beratung und Medikation umfasste, waren auch die Betreuer der Heimkinder anwesend. Die Betreuer, die die Funktion eines Elternersatzes innehatten, wurden nicht nur in die Behandlungen einbezogen, sondern erhielten zusätzliche Fortbildungen, unter anderem zur Früherkennung, zum Umgang mit Verhaltensauffälligkeiten und psychischen Störungen und zur Medikation. Dass die Behandlung vor Ort in den Heimen stattfand und den Kindern und Jugendlichen dadurch eine eventuell stigmatisierende „Fahrt zur Psychiatrie“ erspart blieb, zeichnet dieses Versorgungsangebot als besonders niedrigschwellig aus.
Symptombelastung reduzierte sich signifikant Untersuchungen nach sechs und zwölf Monaten zeigten, dass beide Gruppen von der Behandlung profitiert hatten, denn die Symptombelastung reduzierte sich signifikant, während das Funktionsniveau und die Lebensqualität der Kinder und Jugendlichen deutlich zunahmen. Die Teilnehmer der Interventionsgruppen erzielten noch größere Behandlungserfolge als die Kontrollgruppen, was sich unter anderem anhand der Dauer stationärer Behandlungszeiten feststellen ließ. „Es zeigte sich, dass bei den Kindern und Jugendlichen, die im Modellprojekt früher und vernetzt behandelt wurden, kürzere stationäre Aufenthalte in psychiatrischen Einrichtungen nötig waren“, erklärt der Projektleiter Priv.-Doz. Dr. Lutz Goldbeck.
Das Ulmer Interventionsprogramm kann nicht nur zur individuelleren und intensiveren Behandlung psychisch erkrankter und auffälliger Heimkinder eingesetzt werden, sondern auch zur frühzeitigen Erkennung und Prävention. Letzteres ist dringend nötig, denn noch werden viele betroffene Heimkinder nicht ausreichend oder zu spät fachgerecht behandelt; die meisten gelangen erst in einer Krisensituation, beispielsweise nach einem Selbstmordversuch, in psychiatrische Behandlung. Das Interventionsprogramm zeichnet sich nach Meinung der Wissenschaftler auch durch eine gute Machbarkeit aus, da es ohne zusätzliche finanzielle oder personelle Ressourcen durchgeführt wurde. Ein weiterer Vorteil des Programms liegt in der engen Vernetzung und Zusammenarbeit unterschiedlicher Regionen und Versorgungsstrukturen, zu denen Fachkliniken, Fachärzte und Einrichtungen der Jugendhilfe zählen.
Die Ulmer Wissenschaftler schlagen vor, Anreize für frühe, niedrigschwellige Hilfsangebote für Heimkinder zu schaffen, die komplexen Versorgungsstrukturen im Zusammenspiel von Jugendhilfe und Fachärzten zu vereinfachen und die Zusammenarbeit zu fördern.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Kontakt:
Dipl.-Psych. Priv.-Doz. Dr. Lutz Goldbeck, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie Ulm, Steinhövelstraße 5, 89075 Ulm, Telefon: 07 31/ 5 00-6 16 61, E-Mail: lutz.goldbeck@uniklinik-ulm.de
Prof. Dr. Jörg M. Fegert, Ärztlicher Direktor, Universitätsklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie/Psychotherapie Ulm, Steinhövelstraße 5, 89075 Ulm, Telefon: 07 31/ 5 00-6 16 00, E-Mail: joerg.fegert@uniklinik-ulm.de

Weitere Informationen im Internet unter www.uniklinik-ulm.de
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