ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2008Erstgespräche in der Suchthilfe: Der erste Kontakt

WISSENSCHAFT

Erstgespräche in der Suchthilfe: Der erste Kontakt

PP 7, Ausgabe Februar 2008, Seite 77

Böhringer, Daniela

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LNSLNS Unter dem mikroskopischen Blick der Konversationsanalyse zeigt sich das komplexe interaktionelle Wechselspiel in Beratungssituationen der Suchthilfe.

Das Gespräch beziehungsweise die Interaktion zwischen dem Berater/Therapeuten und dem Klienten im Rahmen einer Beratung hat in der Ausbildung einen hohen Stellenwert. Die Reflexion der eigenen Gefühle und die Vorgehensweisen sind Gegenstand der Supervision, und im Fall der motivierenden Gesprächsführung (1) hat sich auch eine spezifische Gesprächsführungstechnik in der Beratung Suchtkranker herausgebildet. Daneben gibt es inzwischen einige empirische Arbeiten aus der qualitativen Psychotherapieforschung, die das konkrete Gespräch, oder allgemeiner die Interaktion zwischen Klienten und Therapeuten, in den Blick nehmen (2). Methodischer Bezugspunkt ist dabei häufig die sozialwissenschaftliche Konversationsanalyse, die auch der vorliegenden Untersuchung zugrunde liegt*.
Was aber nach wie vor fehlt, ist die Analyse konkreter Beratungsgespräche, also eine Rekonstruktion der professionellen Praxis in der Suchtkrankenhilfe, wie es sie beispielsweise für die Aidsberatung schon gibt (3).
Was tun Klient und Berater eigentlich, wenn sie sich in einer Suchthilfeeinrichtung zum ersten Mal begegnen? Sie reden miteinander – so weit, so alltäglich. Aber auf eine Weise, die für alle zufällig Mithörenden und natürlich auch ihnen selbst kenntlich macht, dass es sich nicht um ein „normales“ Gespräch handelt. Eine Besonderheit solcher Gespräche ist es, dass sich in der Interaktion zwischen Klienten und Berater etwas entwickelt, entwickeln muss, das sich als Gegenstand für die Beratung oder auch Therapie „eignet“ – eine spezifische Problemlage der hilfesuchenden Person. So gesehen ist das „Problem“ auch das Ergebnis der Interaktion zwischen Berater und Klienten. Sehr häufig ist die Problemkonstitution in einen spezifischen Interaktionsstil eingebettet, der für eine Beratung überhaupt kennzeichnend ist, den Interview-Stil (3). Solche Frage-Antwort-Ketten, obwohl sie natürlich auch in alltäglichen Gesprächen vorkommen, sind sehr typisch für Beratungsgespräche, gerade für Erstgespräche.
Die Problemdefinition
Im Folgenden wird exemplarisch dargestellt, wie ein Problem im Rahmen der Interaktion im Erstgespräch von Klient und Berater entstehen kann.

- Problem-Relativierung durch den Berater (B) – Bestehen auf dem Problem durch Fokusverschiebung durch die Klientin (K)
B: ((rascheln, Berater hustet)) ja bitte,
K: wie soll i des sagn i hab a problem mitn alkohol,
B: ja, [((hustet))]
K: und ja trink halt oft zwei drei mal in der woche, und in der letztn zeit einmal in der woche des halt am wochenend immer.ge,
B: mhm das heißt sie haben schon reduziert,
K: .hh jo (.),jo. irgendwie jo.(.)u:nd(.)des problem is halt des (.) wenn i trink brauch i den VOLLrausch ge, früher kann i net auf[hörn].
B: [mhm]
K: i trink holt solang bis halt, (.) bis
i nix mehr weiß nochher,
B: mhm, (Beispiel 1, vereinfacht)

Am Beginn des Beratungsgesprächs schildert die Klientin ihr Problem und der Berater reagiert darauf mit der Formulierung: „mhm das heißt Sie haben schon reduziert“. Das birgt eine gewisse Problemrelativierung in sich. Die Klientin reagiert darauf mit Zurückhaltung, sie lehnt die Formulierung des Beraters allerdings nicht explizit ab. Formulierungen zwingen das Gegenüber dazu, Stellung zu beziehen (6), was sie hier auch tut, und zwar in der Art und Weise, dass sie ihrerseits den Fokus des Problems verschiebt, von der Trinkfrequenz zur Trinkmenge. Sie widerspricht so der Formulierung des Beraters zwar nicht offen, besteht aber darauf, ein Problem zu haben. In der Folge verzichtet der Berater darauf, sie durch weitere Formulierungen zu „stören“. Er unterstützt ihre Problemdarstellung mit minimalen Redeannahmen oder Hörersignalen („mhm“). Die Klientin kann so ihre eigene Problemdefinition weiterentwickeln.

- Versuch, ein Problem durch eine Präzisierungsfrage zu konstitutieren durch den Berater – Abwehr des Problems durch die Klientin
B: ((schnieft)) wie gehts ihnen so mit einem mann?
K: mit einem mann,
ich war verheiratet,
B: as- aha?
K: mhm,
B: nein i mein jetzt als berater das,
K: also des is für mich kein problem nein überhaupt nicht.
B: des is kein problem. aha.
K: des is kein problem i mog männer
i mein,
B: mhm.
K: des is kein problem, ja ) is so,
(Beispiel 2, vereinfacht)

Dieses Beispiel zeigt ein sehr interessantes Missverständnis. Der Berater fragt nach, wie es der Klientin „mit einem Mann gehe“. Sie versteht das offensichtlich zunächst als eine Frage nach ihrem Familienstand und gibt an, verheiratet gewesen zu sein. Dann folgt ein „Schlagabtausch“ minimaler Redeannahmen: „as- aha?“ „mhm,“ wobei der Berater mit der fragenden Intonation signalisiert, dass seine Frage damit noch nicht beantwortet ist. Als keine weitere Reaktion der Klientin erfolgt (das minimale Hörersignal reicht anscheinend nicht aus) präzisiert er seine Frage: „nein, i mein jetzt als berater das,“, woraufhin sie antwortet, dass Männer für sie kein Problem seien. Der Berater bringt hier den Rahmen des Gesprächs wieder mit ins Spiel, indem er sein Fragen als das eines Beraters kennzeichnet. Und offensichtlich versteht das die Klientin als Aufforderung, seine Frage als eine auf Probleme gerichtete aufzufassen.
Sie weist seine „themeninitiierende Handlung“ zurück (6): „also des is für mich kein problem nein überhaupt nicht“. Die Beratung wird damit gleichzeitig von beiden Handelnden als ein Ort konstituiert, an dem über Probleme gesprochen wird. Dinge, die als unproblematisch definiert werden (auch wenn das wie hier von der Klientin ausgeht), sind daher folgerichtig kein Gesprächsgegenstand.

- Präzisierungsfrage des Beraters und die Reaktion der Klientin generieren einen neuen Aspekt des Problems
B: mhm (.) was machn sie beruflich?
K: a::h i war vor kurzm bei der caritas (.) als transitkraft des is vom ams (Arbeitsamt) ausgegangen. die zeit is jetzt vorbei. des geht nur sechs monat neun monat und ein jahr, u:nd, bei den puchwerken war i, und derzeit bin i ohne arbeit.(.)
B: des hob i jetzt nicht verstanden,
K: und derzeit bin i ohne,
B: mhm,also, arbeitslose, ((schnieft))
K: [.hh hh]
B: [is des] a problem für sie?
K: jo:: irgendwie schon, (.) schon ja,
B: ((hustet))
K: weil mir doch die beschäftigung fehlt. [und des ge],
B: [mhmhm],
K: des is des problem,
(Beispiel 3, vereinfacht)

An dieser Stelle fällt zunächst auf, dass der Berater die Klientin bei der Darstellung ihrer beruflichen Situation nicht mit „minimalen Redeannahmen“ unterstützt (6), obwohl in ihrem Beitrag einige kleinere Pausen sind, die dazu einladen. Am Ende versickert ihre Antwort und wird nahezu unhörbar, möglicherweise weil seine Hörersignale ausbleiben. Nach einer Pause von drei Sekunden atmet sie hörbar ein und aus, was er offensichtlich als Seufzen, als Anzeichen für eine gefühlsmäßige Belastung deutet. Denn er fragt in ihr Seufzen hinein, ob das ein Problem für sie sei. Das Gespräch hat an dieser Stelle ein hohes Maß an „Kontiguität“ (7). Das heißt, seine Frage schließt sehr dicht an ihr Ein- und Ausatmen an und macht genau dieses zum Thema. Die Klientin reagiert darauf zustimmend, wenn auch etwas verhalten: „jo – irgendwie schon (. . .) schon ja;“. An anderen Stellen des Gesprächs geht der Berater auf solches Ein- und Ausatmen nicht ein, macht es also nicht zum Seufzen. Man könnte überspitzt formulieren, dass ihr hörbares Ein- und Ausatmen erst durch seine Reaktion zu einem Anzeichen von Belastung wird. Und erst in der Folge, als sich beide darauf geeinigt haben, dass die Arbeitslosigkeit auch ein Problem ist, kann es die Klientin als solches formulieren. Damit steht am Ende dieser winzigen Sequenz ein neues „Problem“, die Beschäftigungslosigkeit der Klientin.
Zusammenfassung
Unter dem mikroskopischen Blick, den die Konversationsanalyse nahe legt, zeigt sich das komplexe interaktionelle Wechselspiel in einer Beratungssituation. Es wird deutlich, wie viel Arbeit von beiden Seiten erforderlich ist, damit so etwas wie eine Einigung darüber, „was der Fall ist“, zustande kommt. So hat beispielsweise die Klientin einige kommunikative Mittel, um ein Problem mit zu entwickeln, es als solches nicht gelten zu lassen oder es zu modulieren. Sie kann ein Problemangebot des Beraters ablehnen (das kommt vor, als sie ihr Verhältnis zu Männern als nicht „problemtauglich“ bezeichnet, Beispiel 2). Sie kann ihr eigenes Problem mitbringen und den Berater davon überzeugen beziehungsweise es so modulieren, dass es für ihn überzeugend ist (Beginn des Gesprächs, Beispiel 1). Und schließlich zeigt Beispiel 3, dass die Entwicklung eines Problems einer guten interaktiven Einbettung bedarf, damit es zur Sprache kommen kann: So ist das Wechselspiel von (möglichen) Belastungssignalen der Klientin (hörbares Ein- und Ausatmen) und vorsichtigem Nachfragen des Beraters auf ein solches Signal hin gewissermaßen der Auftakt zu einer eigenen Problemdefinition der Klientin.
Mit Empfehlungen für „gute“ Beratungsgespräche sollte man vorsichtig sein. Denn schließlich dienen Erstgespräche in unterschiedlichen Einrichtungen unterschiedlichen Zwecken. Wenn es aber das Ziel eines Beratungsgesprächs ist, nicht nur Informationen bei dem Empfänger „abzuliefern“, sondern auch die aktive Beteiligung von Klienten anzuregen, dann sind sicher Fragen gut, die ein hohes Maß an Kontiguität besitzen.
Daniela Böhringer
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 1.
Miller W, Rollnick S: Motivierende Gesprächsführung. Übersetzt von Rigo Brueck. 2. Auflage. Freiburg i. Br.: Lambertus 2004.
 2.
Streeck U: Auf den ersten Blick. Psychotherapeutische Beziehungen unter dem Mikroskop. Stuttgart: Klett-Cotta 2004.
 3.
Silverman D: Discourses of Counselling. HIV Counselling as social Interaction. London u. a.: Sage Publications 1997.
 4.
Goffman E: Rede-Weisen. Formen der Kommunikation in sozialen Situationen. Herausgegeben von Hubert Knoblauch, Christine Leuenberger und Bernt Schnettler. Konstanz: UVK-Verlagsgesellschaft 2005; 146.
 5.
Schlobinski P: Empirische Sprachwissenschaft. Opladen: Westdeutscher Verlag (WV-Studium ; 174 : Linguistik), 1996: 60–6.
 6.
Wolff S, Meier C: Das konversationsanalytische Mikroskop: Beobachtungen zu minimalen Redeannahmen und Fokussierungen im Verlauf eines Therapiegespräches. In: Buchholz, Michael (Hrsg.): Psychotherapeutische Interaktion. Qualitative Studie zu Konversation und Metapher, Geste und Plan. Opladen: Westdeutscher Verlag 1995.
 7.
Liddicoat A: An introduction to conversation analysis. London: Continuum 2007; 111.
 1. Miller W, Rollnick S: Motivierende Gesprächsführung. Übersetzt von Rigo Brueck. 2. Auflage. Freiburg i. Br.: Lambertus 2004.
 2. Streeck U: Auf den ersten Blick. Psychotherapeutische Beziehungen unter dem Mikroskop. Stuttgart: Klett-Cotta 2004.
 3. Silverman D: Discourses of Counselling. HIV Counselling as social Interaction. London u. a.: Sage Publications 1997.
 4. Goffman E: Rede-Weisen. Formen der Kommunikation in sozialen Situationen. Herausgegeben von Hubert Knoblauch, Christine Leuenberger und Bernt Schnettler. Konstanz: UVK-Verlagsgesellschaft 2005; 146.
 5. Schlobinski P: Empirische Sprachwissenschaft. Opladen: Westdeutscher Verlag (WV-Studium ; 174 : Linguistik), 1996: 60–6.
 6. Wolff S, Meier C: Das konversationsanalytische Mikroskop: Beobachtungen zu minimalen Redeannahmen und Fokussierungen im Verlauf eines Therapiegespräches. In: Buchholz, Michael (Hrsg.): Psychotherapeutische Interaktion. Qualitative Studie zu Konversation und Metapher, Geste und Plan. Opladen: Westdeutscher Verlag 1995.
 7. Liddicoat A: An introduction to conversation analysis. London: Continuum 2007; 111.

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