ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2008Soziologie: Spannende Perspektiven

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Soziologie: Spannende Perspektiven

PP 7, Ausgabe Februar 2008, Seite 83

Koch, Joachim

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LNSLNS Nichts weniger als eine neue Soziologie will der Autor in seinem neuen Buch aufzeigen. Der Text und die dahinterstehende Theorie stellen einen Generalangriff auf die heutige Sicht in der soziologischen Wissenschaft dar. Die „herrschende“ Soziologie, die Latour als die „Soziologie des Sozialen“ bezeichnet, wird kritisiert, weil die „soziale Erklärung“ kontraproduktiv geworden ist: Danach wird die „Gesellschaft“ für alles verantwortlich gemacht, sie soll jegliches Handeln des Menschen bestimmen. Diese Erklärung hält Latour wissenschaftlich für Unsinn. Ebenso unhaltbar ist das Vorgehen der „Soziologie des Sozialen“, wenn sie Menschen zu Mitgliedern von Gruppen und Milieus macht, in denen die Menschen dann gefangen sind und unter deren Einfluss sie handeln müssen.
Der alten soziologischen Theorietradition stellt der Autor seine neue „Soziologie der Assoziationen“ entgegen und baut sie zu der Akteur-Netzwerk-Theorie aus. Danach besteht die Gesellschaft aus Verbindungen von Akteuren, die ihre Interessen verfolgen und dabei untereinander netzwerkartig Knotenpunkte bilden. Die Akteure treffen sich und gehen wieder auseinander. Sie interagieren, dabei entstehen in der Mehrzahl aber keine stabilen Verbindungen.
Nach Latours Konzeption der „Gesellschaft“ leben wir in einer chaotischen Welt, die sich durch Unbestimmtheiten auszeichnet. Latour sieht die Welt nicht als soliden Kontinent aus Fakten, „sondern als einen riesigen Ozean von Ungewissheiten, durchbrochen von einigen Inseln kalibrierter und stabilisierter Formen“. In dieser Perspektive hat das Globale nicht mehr den Vorrang, die lokalen Gegebenheiten mit ihren sternförmigen Ausarmungen bieten alles Wesentliche. Diese Sichtweise ist auch ein Abgesang auf die „kritische“ Soziologie, die den Schwerpunkt ihrer soziologischen Analyse auf besondere Kräfte, wie beispielsweise „das Kapital“, gelegt hat, diese (willkürlich) herausgegriffen und in ein Erklärungsschema gepresst hat. Nach dem neuen Ansatz kann die Wahrheit gefunden werden, wenn man sich in der Forschung auf die Subjektivität der Akteure einlässt und diesen ohne eine vorgefasste Theorie folgt. In dieser forschungsmethodologischen Sicht ist Latours Ansatz aber nicht neu, wenn man beispielsweise an die Grounded Theory von Glaser und Strauss denkt.
Latours lesenswertes Buch bietet spannende Perspektiven. Das Buch, das schon im Jahr 2005 in Großbritannien unter dem Titel „Reassem-bling the Social. An Introduction to Actor-Network-Theory“ erschienen ist, kann allerdings, entgegen der
Bezeichnung im Untertitel, nicht als Einführung in das Thema gesehen werden, sondern beinhaltet einen anspruchsvollen Text für Fortgeschrittene, der auch wegen der nicht immer gradlinigen Art der Darstellung der Leserschaft einiges abverlangt und verschiedene Fragen offenlässt. Joachim Koch

Bruno Latour: Eine neue Soziologie für eine neue Gesellschaft. Suhrkamp, Frankfurt am Main, 2007, 488 Seiten, gebunden, 32,80 Euro
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