ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2008Psychoanalyse: Auseinandersetzung mit der eigenen Identität

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Psychoanalyse: Auseinandersetzung mit der eigenen Identität

PP 7, Ausgabe Februar 2008, Seite 84

Hanke, Angela

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Ein fabelhaftes Büchlein legt die österreichische Psychoanalytikerin Annemarie Laimböck hier vor. Auf nur 130 Seiten gelingt es ihr, das Spezifische psychoanalytischer Arbeit jenseits klinischer Theorien oder bestimmter Settings herauszuarbeiten. Indem sie die psychoanalytische Methode in den Mittelpunkt ihrer ebenso stringenten wie luziden Ausführungen stellt, zeigt sie, wie man mit deren konsequentem Gebrauch auch schwierige Passagen im Behandlungsverlauf meis-tern kann, ohne auf andere Hilfs-mittel und Techniken, mit denen die problematische Situation mitsamt ihrer Entwicklungschance oft eher vermieden als genutzt wird, auszuweichen. Damit wendet sich Laimböck gegen eher aus theoriegeleiteten Kurzschlüssen erfolgenden Deutungen – was heute manchmal mit „klassischer Psychoanalyse“ verwechselt wird. Aber auch gegen Techniken, die jeder Behandlungsstunde voraussetzen, dass alles, was der Patient mitteilen wird, aus seiner Beziehung zum Analytiker motiviert ist, sowie gegen Interventionsformen, in denen sich der Analytiker zum hilfreichen Menschenfreund macht, der allerdings übersieht, wie er dabei den Patienten zum passiven Opfer seiner Umstände degradiert.
Laimböck begreift die psychoanalytische Methode als Tiefenhermeneutik „zum Zweck des Erkennens der aktuellen unbewussten Beziehungsgestalt“ der Gesamtszene einer therapeutischen Situation. Die Aufgabe des Analytikers ist immer eine zweifache, da er stets zum Teilhaber der „Modellszene“ (Lichtenberg) wird und sich zugleich „trotz seiner eigenen Verwicklung immer wieder der Szene als ,Material‘, das es zu verwenden gilt, versichern muss“. Den Begriff „Material“ verwendet Laimböck als Metapher für die unterschiedlichen Aspekte der Szenerie, die wie in einer „Werkstatt“ (Reik) zu einer Neu- oder Erstinterpretation verarbeitet werden müssen. Wichtig an dieser Methode ist, dass der Analytiker sein Tun nicht im Licht irgendeiner Theorie, sondern stets im Kontext der aktuellen Szene zu verstehen sucht und sich dabei immer wieder vergegenwärtigt, „dass sein Tun eine Antwort auf sie ist und eine Veränderung in diesem Beziehungskontext bewirkt“.
In dieser Haltung ist also Psychoanalyse nicht durch die Anwendung bestimmter technischer oder theoretischer Vorgaben charakterisiert, sondern durch ein besonderes Denken und Verstehen. Verblüffend ist, wie diese Methode in der Praxis der angeführten Fallbeispiele umgesetzt wird. Laimböck zeigt Schritt für Schritt, wie auch Interventionen, von denen behauptet wird, dass sie über das „klassische Deuten“ hinausgingen, sehr wohl aus einer konsequenten Anwendung der psychoanalytischen Methode hervorgehen. Gerade in stagnierenden oder turbulenten Momenten einer Behandlung, in denen sich der Analytiker irritiert, herausgefordert, unangenehmen Gefühlen ausgeliefert fühlt und weiß, dass er scheitern kann, entscheidet sich, ob er in der Lage ist, „das Kunststück zu vollbringen, trotz erhöhtem Druck frei schwebend aufmerksam zu bleiben, sich von dem Ereignis berühren und in Gang setzen zu lassen, in der Hoffnung, dass ihm eine Deutung einfällt, die diese Situation entschärft und dem Patienten mehr Freiheit und Einsichten eröffnet, oder ob er zu anderen Techniken greift“.
Die Ergebnisse, die in den dargestellten Fallbeispielen erzielt werden, sind jedenfalls ermutigend. So ist dieses Buch letztlich auch eine Auseinandersetzung mit der psychoanalytischen Identität – und zugleich eine Einladung an Psychotherapeuten, die psychoanalytisch orientiert arbeiten möchten, sich mit der Methode der freischwebenden Aufmerksamkeit vertraut zu machen. Angela Hanke

Annemarie Laimböck: Schwierige Passagen. Herausforderungen an die psychoanalytische Methode. Brandes & Apsel, Frankfurt/Main, 2007, 136 Seiten, kartoniert, 14,90 Euro
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