ArchivDeutsches Ärzteblatt PP2/2008„Neo Rauch – para“: Surreale Momentaufnahmen

KULTUR

„Neo Rauch – para“: Surreale Momentaufnahmen

PP 7, Ausgabe Februar 2008, Seite 87

Wanner, Ernst

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Neo Rauch: „Der nächste Zug“, Öl auf Leinwand, 150 × 200 cm Foto: VG Bild-Kunst Bonn 2008
Neo Rauch: „Der nächste Zug“, Öl auf Leinwand, 150 × 200 cm Foto: VG Bild-Kunst Bonn 2008
Das im Jahr 2005 in Brühl eröffnete Max-Ernst-Museum
präsentiert einen der international bekanntesten deutschen Maler.

Im Jahr 1960 in Leipzig geboren, studierte er an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und war unter anderem Meisterschüler von Bernhard Heisig, der vor allem mit seinem Porträt des früheren Bundeskanzlers Helmut Schmidt bekannt wurde. Heute lehrt Neo Rauch in Leipzig. Die Ausstellung „Neo Rauch – para“ zeigt als einzige Station nach dem Metropolitan Museum of Art in New York die für die dortige Ausstellung eigens geschaffenen Werke. Zur Verdeutlichung des künstlerischen Werdegangs von Neo Rauch sind darüber hinaus sechs weitere Gemälde zu sehen. Neo Rauch empfand die Brühler Museumsräume und die großzügige Hängung als kongenialen Rahmen für seine Gemälde.
Die Brühler Schau bietet die Möglichkeit, den wohl bedeutendsten Maler der Neuen Leipziger Schule in herausragenden Werken kennen- zulernen. Neo Rauch bietet wie kaum ein anderer zeitgenössischer Maler eine hohe malerische Quali-tät durch verantwortungsbewussten Umgang mit Farbe, Form und Komposition. Gleichzeitig besticht sein Werk durch vielfältige inhaltliche Bezüge und Spannungsfelder. Neo Rauch schafft dadurch eine eigenartige Atmosphäre, die Reales, Erzähltes und Erträumtes durcheinanderwirbelt. Fragmente der Erinnerung und eine fliehende Wahrnehmung vereinen sich in rätselhafter Abgründigkeit zu surrealen Momentaufnahmen. Sie werden so zu Symptomen des Verdrängten und Unbewussten. Oft sind seine Protagonisten in Erwartung einer Sache, einer latenten Gefahr oder des Aufbrechens von lange Zeit Unterdrücktem. Diese verstörende, in unterschiedlichen Zeiten und Räumen angesiedelte Malerei verführt den Betrachter zu Ausdeutung und eigener Interpretation, um der Bedeutung des scheinbar Normalen auf die Spur zu kommen. Feuerwehrmänner bei der Arbeit, bewaffnete Männer in Jagdröcken oder rauchende Dandys in einer Bahnhofshalle treten als Figuren einer Zeit auf, die in strahlende Farben der Erinnerung entrückt sind – eine zeitgemäße Ausdeutung der „beunruhigenden Musen“ des Surrealismus. Die Bilder spiegeln die Stimmung von wichtigen Werken Max Ernsts vor und während des Zweiten Weltkriegs wider. Die Beziehungslosigkeit räumlich miteinander verbundener Menschen, die entfremdet aneinander vorbeileben, erinnert an die besten Werke von Edward Hopper. Auch hier eine immense Spannweite von der Leipziger Malerschule, etwa eines Wolfgang Mattheuer oder Bernhard Heisig, zum amerikanischen Künstler Hopper. Ein wichtiger formaler Aspekt im Werk Neo Rauchs sei nicht vergessen: das Prinzip der Collage als direkter Bezug zum Surrealismus und zu Max Ernst, der die Collage zu ihrer Blüte führte. Von daher ist es besonders zu begrüßen, dass die Ausstellung in Brühl, dem Geburtsort von Max Ernst, gezeigt wird. Auch der Ausstellungstitel „para“ scheint glücklich gewählt, da sich neben der „Parabel“ Begriffe wie „parallel“ und auch „paradox“ aus den Werken ablesen lassen.
Keinesfalls vergessen sollte man, nach den Gemälden die Illustrationen Neo Rauchs für das Buch „Der Mittler“ von Botho Strauß. Diese acht Lithografien weisen den Künstler als hervorragenden Grafiker aus. Zu empfehlen ist auch der bei Dumont erschienene Katalog (24 Euro) zur Ausstellung, der von Neo Rauch und seiner ebenfalls künstlerisch tätigen Ehefrau bis in die gewählte Typografie überzeugend mitgestaltet wurde und grundlegende Texte zu Verständnis und Einordnung des Werks enthält. Verfasser sind Gary Tinterow, der Kurator des Metropolitan Museum of Art, und Werner Spies, früherer Direktor des Centre Pompidou in Paris. Informativ ist auch die beigefügte Werkübersicht. Der Besuch der Ausstellung wird jeden Freund moderner Kunst sowie jeden, der an der Weiterwirkung des Surrealismus und dessen psychologischen Ansätzen interessiert ist, erfreuen.
Ernst Wanner
Die Ausstellung „Neo Rauch – para“ ist bis zum 30. März zu sehen. Öffnungszeiten: dienstags bis sonntags 11 bis 18 Uhr, jeden ersten Donnerstag im Monat bis 21 Uhr; geschlossen montags und 31. Januar, 3. Februar, 21. März. Eintrittspreise: Erwachsene fünf Euro, ermäßigt drei Euro, Kinder und Jugendliche (sechs bis 14 Jahre) zwei Euro; Kinder bis sechs Jahre frei.
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