ArchivDeutsches Ärzteblatt15/1997Dilemma bei HIV-Studien in Entwicklungsländern

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Dilemma bei HIV-Studien in Entwicklungsländern

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LNSLNS Die Zahl von HIV-Infizierten, die sich durch heterosexuellen Kontakt anstecken, steigt in Entwicklungsländern kontinuierlich an. So erhöhte sich der Anteil von nachgewiesenen HIV-Infektionen bei südafrikanischen Frauen, die eine Geburtsklinik aufsuchten, von 1,35 Prozent im Jahr 1991 auf 7,57 Prozent 1994. Die hohe Prävalenz von HIV und die befriedigend organisierte medizinische Grundversorgung in Südafrika sind gute Voraussetzungen, um Studien mit neuen Anti-HIV-Medikamenten durchzuführen. Diese Möglichkeit wird von multinationalen Pharmaunternehmen auch genutzt. Hierbei ergibt sich ein Interessenkonflikt zwischen den beteiligten Pharmafirmen einerseits und den Ethik-Kommissionen sowie den Betroffenen andererseits. Diese Problematik wurde von Vertretern verschiedener Interessengruppen diskutiert und im folgenden zusammengefaßt. Das Hauptproblem der HIV-Studien ist, wie Peter Cleaton-Jones von der University of the Witwatersrand ausführt, der Geldmangel im öffentlichen Gesundheitswesen. So kann ein neues Medikament, das sich in einer Studie als erfolgreich herausgestellt hat, nach dessen Abschluß nicht vom Gesundheitssystem finanziert werden. Um den Patienten nicht ein sicheres Todesurteil durch den Entzug des möglicherweise lebensrettenden oder zumindest lebensverlängernden Medikaments auszustellen, verlangen einige Ethik-Kommissionen von den Pharmaunternehmen, die Therapie der Patienten nach dem Ende der Studie fortzusetzen oder sie an einer neuen Untersuchung zu beteiligen. Die Pharmafirmen hingegen argumentieren, daß die Patienten bereits vor Studienbeginn über die Befristung unterrichtet wurden und ihr zustimmten. Einige Patientengruppen und Ethik-Kommissionen akzeptieren die Position der Pharmaindustrie, da die Möglichkeit besteht, daß in der durch die Behandlung gewonnenen Zeit ein Medikament verfügbar sein könnte, welches wirksam und erschwinglich ist.
Aus der Sicht der HIV-Infizierten bekommen die Studien eher den Stellenwert einer Behandlung als den eines Versuchs, wie Peter Busse von einer südafrikanischen Selbsthilfeorganisation ausführt. Von dieser Gruppe wird gefordert, daß die Ärzte und Pharmaunternehmen keine Informationen zurückhalten. Ferner fordern die Patientengruppen,daß auch Studien durchgeführt werden sollten, die von den Ethikkommissionen abgelehnt wurden.
David Cooper von der University of New South Wales, Sydney, verweist in seinen Ausführungen auf die Helsinkideklaration, nach der jeder Patient, sei er in der Kontrollgruppe oder in der Versuchsgruppe, eine bestmögliche Diagnostik und Behandlung erhalten sollte. Hierzu gehört nach Ansicht des Autors, daß die effektivste antivirale Kombinationstherapie in Verbindung mit aktuellen diagnostischen Methoden, wie beispielsweise PCR, angewendet werden sollte. So soll die Therapie dem Standard der Industrieländer entsprechen, und die zusätzliche ökonomische Belastung sei von den Pharmafirmen zu tragen.
Die Pharmafirmen gehen kein großes ökonomisches Risiko ein, lautet das Fazit von R. McLean, University of the Witwatersrand. Nach seiner Auffassung investieren die Firmen nur unmittelbar in die Studie. Für den Fall, daß die Studie ein Mißerfolg ist, wird sie eingestellt, und es entstehen keine großen Folgekosten; wenn die Studie erfolgreich ist, wird sie danach so viel Profit abwerfen, daß die an der Studie Beteiligten weiter versorgt werden könnten.
Zuletzt kam ein Vertreter der Pharmaindustrie zu Wort. Peter King von Roche Products betonte, daß seiner Meinung nach Pharmafirmen unter bestimmten Umständen verpflichtet sind, die Behandlung fortzusetzen, wobei er dies nicht näher definierte. Allerdings gab er zu bedenken, daß einige Studien wohl nicht unternommen werden würden, wenn die Kosten, die durch die Behandlung der Patienten entstehen würden, zu hoch wären. Ferner betont King, daß Studien nur in Zusammenarbeit mit den Betroffenen und Ärzten durchgeführt werden können. me


Cleaton-Johns PE, Busse P, Emery S, Cooper DA, McLean RG, King P: Availability of antiretroviral therapy after clinical trials with HIV infected patients are ended. Br Med J 1997; 314: 887-891.
Peter E Cleaton-Jones, University of the Witwatersrand, Johannesburg, Südafrika.

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