ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2008Zensus 2011: Volkszählung mit neuer Methodik

POLITIK

Zensus 2011: Volkszählung mit neuer Methodik

Dtsch Arztebl 2008; 105(7): A-308 / B-279 / C-275

Jachertz, Norbert

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LNSLNS Mittels einer Bevölkerungsstichprobe werden die Melderegister korrigiert. Haus- und Wohnungseigentümer werden vollständig erfasst. Wie weit geht der Datenschutz?

Nach fast 25 Jahren soll es in Deutschland 2011 erstmals wieder eine Volkszählung geben. Die letzte Volkszählung fand 1987 in der alten Bundesrepublik statt, in der ehemaligen DDR 1981. Demografische Daten wurden seitdem anhand der Melderegister fortgeschrieben. Die aber dürften die beträchtlichen Bevölkerungsverschiebungen der letzten Jahrzehnte nur unvollständig erfasst haben. So vermutet das Statistische Bundesamt, dass die aktuelle Einwohnerzahl von 82,2 Millionen im Zensusjahr um mindestens 1,3 Millionen nach unten korrigiert werden muss.

Mit der Volkszählung reiht sich Deutschland in die EU-Zensusrunde 2011 ein. In der EU ist ein Zehnjahresrhythmus üblich. Das Nachhinken Deutschlands erklärt das Statistische Bundesamt damit, dass man bei der letzten Runde in Deutschland noch an einer neuen Methodik gefeilt habe und dass bei der Runde davor die deutsche Volkszählung (jedenfalls die von 1987 im Westen) noch relativ frisch gewesen sei. Wie auch immer, den Statistikern dürfte auch die jahrelange Protestwelle gegen die Volkszählung von 1987 in den Knochen gesteckt haben. Diese kam erst zustande, nachdem das Bundesverfassungsgericht 1983 die Kriterien für Datenerfassung und -weitergabe verschärft hatte.

Beim Zensus 2011 kann auch eine neue Methodik zur Beruhigung beitragen. Direkt erfasst wird nämlich nur noch rund ein Drittel der Bevölkerung: eine Stichprobe von sieben bis neun Prozent aller Bundesbürger sowie (sämtliche) Haus- und Wohnungseigentümer, schätzungsweise 17,5 Millionen. Bei der Stichprobe werden die ausgewählten Bürger von Interviewern besucht, die Eigentümer antworten per Fragebogen.

Basis der Erhebung sind die Melderegister der Kommunen sowie die Register der Bundesanstalt für Arbeit. Diese werden anhand der Stichprobe korrigiert. Bei der Stichprobe soll auch nach Merkmalen gefragt werden, die in den Melderegistern nicht stehen, zum Beispiel nach Erwerbstätigkeit von Selbstständigen, nach geringfügiger Beschäftigung und nach dem Bildungsstatus.

Der Zensus 2011 soll dank des Stichprobenverfahrens preiswerter werden als eine Vollerhebung und nur 500 Millionen Euro statt mutmaßlicher 1,5 Milliarden Euro kosten. Die Erhebung wird wissenschaftlich „begleitet“. Dazu wurde eine Zensuskommission eingerichtet. Sie ressortiert beim Bundesinnenminister, dem auch das Statistische Bundesamt zugeordnet ist. Der Vorsitzende der Kommisssion, der Volkswirt Prof. Gert G. Wagner (Technische Universität Berlin sowie Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung) kündigte anlässlich der Etablierung seines Gremiums im September 2007 an, die Ergebnisse des Zensus sollten wissenschaftlich unabhängig analysiert werden. Die Kommissison werde Vorschläge „für einen geeigneten Datenzugang und zugleich strikten Datenschutz“ vorlegen.

Am Datenschutz ist vor allem auch dem Statistischen Bundesamt gelegen. Bei einem Hintergrundgespräch Ende Januar in Berlin versicherte dessen Vertreterin, Dr. Sabine Bechtold, der Datenschutz habe oberste Priorität, die Anonymität aller Antwortenden werde voll gewahrt, deren Angaben würden „nicht in die Verwaltung fließen“, auch nicht an Finanzämter oder Strafverfolgungsbehörden.

Bechtold deutete an, beim Zensus 2011 könnten über die von der EU vorgeschriebenen Pflichtmerkmale hinaus weitere Merkmale erhoben werden. Die Kommission beim Bundesinnenminister werde dazu Vorschläge machen. Bei einer Anhörung des Bundestags-Innenausschusses zum Zensusvorbereitungsgesetz am 17. September 2007 kamen zwei zusätzliche Merkmalskomplexe zur Sprache: die Religionszugehörigkeit sowie eine detaillierte Erfassung der Sozialstruktur. Thomas Schwarz (Statistisches Amt Stuttgart) wünschte sich für die Wohnungszählung „Daten, die bis auf die Ebene der Straße und Hausnummer gehen“.

Sämtliche Merkmale müssen in einem „Zensusdurchführungsgesetz“ aufgeführt werden, das in diesem Jahr eingebracht werden soll. Das „Zensusvorbereitungsgesetz“, das zum Beispiel die Datenlieferung aus den Registern regelt, ist bereits seit dem 13. Dezember 2007 in Kraft. Es ging nahezu unbemerkt über die Bühne.
Norbert Jachertz

Merkmale
Die folgenden Merkmale, „das Pflichtprogamm der EU“ (Dr. Sabine Bechtold), sollen erhoben werden:
Demografische und geografische Merkmale
Geschlecht, Alter, Familienstand, Staatsangehörigkeit, Geburtsort und -staat, üblicher Aufenthaltsort, vorheriger üblicher Aufenthaltsort und Datum der Ankunft, früherer Wohnsitz im Ausland und Jahr der Ankunft in Deutschland
Erwerbs- und bildungsstatistische Merkmale
aktueller Erwerbsstatus, ausgeübter Beruf, Wirtschaftszweig, Stellung im Beruf (selbstständig oder angestellt), Arbeitsort, höchster Bildungsabschluss/praktische Ausbildung
Haushalts- und familienstatistische Merkmale
Haushaltstyp (zum Beispiel Einfamilienhaushalt, Nichtfamilienhaushalt), Haushaltsgröße, Stellung in der Familie (zum Beispiel Eltern, Kind), Kernfamilientyp (etwa Eltern mit Kind), Größe der Kernfamilie
Gebäude- und wohnungsstatistische Merkmale
Gebäudetyp (zum Beispiel freistehend, Reihenhaus), Nutzung, Baujahr, Zahl der Bewohner, Wohnfläche, Nutzung als Eigentümer oder Mieter, Ausstattung, Heizungsart
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