ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2008E-Learning in der Medizin: „Niemand kann gelernt werden“

POLITIK

E-Learning in der Medizin: „Niemand kann gelernt werden“

Dtsch Arztebl 2008; 105(7): A-316 / B-285 / C-281

Krüger-Brand, Heike E.

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Blended Learning und Elemente des Web 2.0 sind vielversprechende Trends im medizinischen Wissensmanagement. Auch das E-Learning entbindet allerdings nicht von der Anstrengung des Lernens.

Der 30. Juni 2009 könnte spannend werden – zu diesem Zeitpunkt müssen die niedergelassenen Vertragsärzte erstmals die ihnen vom Gesetzgeber auferlegte Fortbildungsverpflichtung anhand 250 erworbener Fortbildungspunkte nachweisen und dies fortan in Fünfjahresabständen erneuern. Zum Aufgabenspektrum der Ärztekammern gehört es, für ein ausreichendes Angebot von Fortbildungsmaßnahmen in hoher Qualität zu sorgen, entsprechende Angebote zu zertifizieren und die Verwaltung der cme-Punkte zu übernehmen – vor dem Hintergrund der Vielzahl von Fortbildungsarten und -veranstaltungen eine komplexe Aufgabe.

„Wir betrachten mit Sorge, was diese formalpolitischen Anforderungen für eine Entwicklung ausgelöst haben“, meinte Karin Brösicke, Referentin im Dezernat Fortbildung der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), bei der Healthcare-Arena 2008, einer Veranstaltung innerhalb der Kongressmesse für Bildungs- und Informationstechnologie Learntec in Karlsruhe. Denn ob der „Punktesammelwahn“ tatsächlich mit einem Lernerfolg und Kompetenzzuwachs einhergeht und zu einer verbesserten Patientenversorgung führt, wie vom Gesetzgeber angestrebt, bleibt dahingestellt.

Blended Learning funktioniert
Vor allem bei der Fortbildung, weniger im Bereich der Weiterbildung, haben sich E-Learning-Angebote in den letzten Jahren durchgesetzt. Der Einsatz multimedialer E-Learning-Angebote, anfangs von den Fortbildungsanbietern mit hohen Erwartungen betrachtet, hat jedoch durchaus seine Tücken, wie Brösicke erläuterte. Fallstricke sind unter anderem die Techniklastigkeit der Angebote, häufig verbunden mit einer Überforderung der Anwender, sowie die Vernachlässigung didaktischer Komponenten.

Um diese Gefahren zu vermeiden, setzt die Bundes­ärzte­kammer beim Einsatz von E-Learning in der ärztlichen Fortbildung vor allem auf Blended Learning, das heißt auf die Kombination von problemorientiertem Lernen mithilfe von Präsenzkursen, computergestütztem Selbststudium und tutorieller Begleitung. Nach dem erfolgreichen Projekt „LearnART“ (Internet: www.learnart-online.de), in dem multimediale Lerneinheiten erstellt und als Blended-Learning-Kurse in der Aus- und Weiterbildung von Medizinischen Fachangestellten erprobt wurden, entwickelt die BÄK gemeinsam mit der Akademie der Lan­des­ärz­te­kam­mer Nordrhein derzeit das Projekt „Qualifikation Tabakentwöhnung“. Das Curriculum umfasst 20 Stunden, von denen zwölf Stunden in Präsenzkursen und acht Stunden im Selbststudium zu absolvieren sind. Es gliedert sich in sechs Module: Vier legen den Schwerpunkt auf propädeutische Inhalte, die sich gut für das onlinegestützte Selbststudium eignen, zwei Module beruhen auf Präsenzkursen und betreffen vor allem den Erwerb von Fertigkeiten und Fähigkeiten durch eigenes Handeln. Die Teilnehmer absolvieren ein vierstündiges Einführungsseminar sowie einen Onlinekurs mit tutorieller Betreuung und ein Praxisseminar von jeweils acht Stunden. Außerdem haben sie über eine Lernplattform Zugriff auf zusätzliche Informationen, Aufgaben und Filmmaterial. Herausforderungen für alle Beteiligten seien vor allem das Know-how im Umgang mit Lernplattformen, eine sinnvolle Didaktik, das Austarieren von Aufwand und Nutzen (etwa bei der Erstellung von Inhalten und der Betreuung von Teilnehmern) und die Akzeptanz bei den Teilnehmern, erläuterte Brösicke und stellte klar: „Niemand kann gelernt werden – jeder muss selbst lernen. E-Learning kann nicht nebenbei laufen. Es ist ein anderes Lernen, aber es wird nichts gespart.“

Auch die Akademie für ärztliche Fortbildung und Weiterbildung der Lan­des­ärz­te­kam­mer Hessen (LÄKH) in Bad Nauheim baut ihr Angebot an
Blended-Learning-Veranstaltungen weiter aus – nicht zuletzt, um die
Zukunftsfähigkeit als Bildungsanbieter zu sichern, denn man habe zunehmend eine Klientel, die neue Medien akzeptiere, erläuterte die Geschäftsführerin der Akademie, Sigrid Blehle. Hürden bei der Realisierung eines qualifizierten Angebots sind vor allem Widerstände bei den Referenten, ihre Lehrinhalte für E-Learning-Module zur Verfügung zu stellen, etwa weil sie den Diebstahl von geistigem Eigentum oder Honorarverluste befürchten. Hinzu kommt der hohe Zeitaufwand für die Erstellung von geeigneten Inhalten. Dabei ist nicht die technische Umsetzung das Problem, sondern die didaktische Aufbereitung. Seit Oktober 2007 besteht eine Kooperation der Akademie mit dem Projekt k-MED (Knowledge in Medical Education; Internet: www.k-med.org) der Universitäten Gießen und Marburg. Die Lernplattform, die für das humanmedizinische Studium konzipiert wurde, nutzen in Hessen derzeit mehr als 7 700 Medizinstudierende pro Jahr. Im Rahmen der Kooperation wurde innerhalb der Plattform ein Bereich für die LÄKH implementiert. Dieser enthält bislang nur Test-Content, soll jedoch mit mehreren Modulen im Herbst 2008 starten. Vorgesehen sind unter anderem ein Modul „Strahlenschutz“ sowie weitere Module im Bereich Arbeits- und Umweltmedizin. Mittelfristig sei der Aufbau einer Datenbank mit Lernmodulen und weiteren Inhalten geplant. Da man jedoch nicht alle Module selbst entwickeln könne, so Blehle, hoffe man sehr auf die Kooperation mit anderen Ländern und Ärztekammern.

Innovative Lernangebote
Podcasts, Wikis und Blogs, Elemente des Web 2.0, die vor allem dem interaktiven Austausch von Internet-Communities dienen, lassen sich auch für das medizinische Wissensmanagement nutzen. Nicole Klein von der Helios-Akademie stellte einen Wikipedia-Hybridansatz vor, den der Klinikkonzern seit Kurzem zur Vernetzung von Wissen einsetzt. Dabei werden die abonnierten Inhalte der Onlineenzyklopädie mit konzerneigenen Inhalten verknüpft, beispielsweise mit einer Datenbank, die Animationen und Onlinefortbildungen enthält, sowie mit einer Datenbank zu Präsenzveranstaltungen. Der Nutzer, der einen Begriff bei Wikipedia, zum Beispiel Asthma, nachschlägt, gelangt mit dem nächsten Klick direkt zu einer Fortbildungsveranstaltung zum Thema, kann sich online gleich dazu anmelden oder bei wiederholten Kursen Onlinebewertungen von Teilnehmern abrufen. „Web 2.0 ist in der Klinik angekommen und wird bereits genutzt“, betonte Klein. Die Akzeptanz solcher innovativen Lernangebote sei in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Dies könne mit dazu beitragen, Wissen zur Qualitätssteigerung und besseren Patientenversorgung zu generieren.
Heike E. Krüger-Brand
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