ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2008Deutsche Gesellschaft für innere Medizin: „Leitlinien dürfen Ärzte nicht einengen“

POLITIK

Deutsche Gesellschaft für innere Medizin: „Leitlinien dürfen Ärzte nicht einengen“

Dtsch Arztebl 2008; 105(7): A-317 / B-286 / C-282

Rabbata, Samir

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LNSLNS Behandlungsempfehlungen können die Patientenversorgung verbessern – solange sie nicht „politisiert“ werden.

Noch immer fehlen in Deutschland hochwertige evidenzbasierte Leitlinien, die gleichermaßen den Ansprüchen von Wissenschaft und Praxis gerecht werden. Darauf wies in Berlin die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM) hin. „Richtig angewandt verbessern Leitlinien die Therapie, erhöhen die Lebenserwartung und die Lebensqualität“, sagte Prof. Dr. med. Georg Ertl, Vorsitzender der DGIM. Doch gebe es immer mehr wissenschaftsfremde Einflüsse auf Leitlinien. Besonders im Rahmen der Disease-Management-Programme (DMP) würden aus Empfehlungen strenge Verpflichtungen. Weiche ein Arzt von einer Vorgabe ab, komme er vor der Krankenkasse des Patienten unter Rechtfertigungsdruck. „Leitlinien dürfen Ärzte nicht einengen“, warnte Ertl. Auch sollten Behandlungsempfehlungen nicht „politisiert“ werden.

Aber auch jenseits der DMP bereitet die Umsetzung von Leitlinien bei den häufig alten und multimorbiden Patienten Probleme. „Oft bestimmt die Summe der Nebenerkrankungen die Lebensqualität stärker als eine einzelne Grunderkrankung, für welche die Leitlinie gilt“, so Ertl. Die Patientenversorgung erfordere daher nach wie vor solide Kenntnisse und Erfahrungen der gesamten Inneren Medizin.

Ausbau des nationalen Leitlinienprogramms nötig
Ebenso wichtig sei es, dass Leitlinien „die Besonderheiten unserer Gesellschaft und unseres Gesundheitssystems berücksichtigen“. Der DGIM-Vorsitzende forderte daher den weiteren Ausbau des nationalen Leitlinienprogramms der Ärzteschaft. Ziel des 2002 unter der Schirmherrschaft der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) gestarteten Programms ist es, bundeseinheitliche Leitlinien-Empfehlungen vorzulegen, die dem Stand der Wissenschaft entsprechen. Mittlerweile ist auch die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften an dem Projekt beteiligt. Das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin koordiniert das Projekt für die BÄK und die Kassenärztliche Bundesvereinigung.

Weitgehend unerforscht: Seltene Erkrankungen
Bislang erarbeiteten die Fachleute Versorgungsleitlinien zu den Themen Asthma und COPD, Typ-II-Diabetes (Netzhaut- und Fußkomplikationen) und koronare Herzkrankheit. Noch in Arbeit sind Empfehlungen zu Depression, Herzinsuffizienz, Kreuzschmerz sowie Typ-II-Diabetes-Nephropathie und Typ-II-Diabetes-Neuropathie.

Nach Meinung Ertls werden Leitlinien künftig vor allem für die Behandlung von Volkskrankheiten entwickelt. „Dies liegt auch daran, dass klinische Studien nur dann erfolgreich sein können, wenn auch genügend Patienten an der entsprechenden Erkrankung leiden.“ In Deutschland seien etwa vier Millionen Menschen von einer sogenannten seltenen Erkrankung betroffen. Für diese Krankheiten fehlten nicht nur Leitlinien, „es findet auch wenig Austausch zwischen Grundlagenforschung und klinischen Fragestellungen statt“. Der DGIM-Vorsitzende kündigte an, dass diese Problematik beim diesjährigen Internistenkongress Ende März in Wiesbaden ein Schwerpunktthema sein wird.
Samir Rabbata
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