ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2008Tuberkulose: Mykobakterien weltweit auf dem Vormarsch

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Tuberkulose: Mykobakterien weltweit auf dem Vormarsch

Nickolaus, Barbara

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Mycobacterium tuberculosis: Die Bakterien – als orangefarbene Stäbchen erkennbar – in Kontakt mit einem Makrophagen. Foto: SPL/Agentur Focus
Mycobacterium tuberculosis: Die Bakterien – als orangefarbene Stäbchen erkennbar – in Kontakt mit einem Makrophagen. Foto: SPL/Agentur Focus
Alarmierende Neuerkrankungszahlen in Osteuropa; aufgrund der geografischen Nähe werden auch in Deutschland immer häufiger resistente Stämme identifiziert.

Während man in Deutschland die Tuberkulose (TB) für eine mühelos bekämpfbare und fast schon ausgerottete Infektionserkrankung hält, sprechen die Fakten eine andere Sprache. Jährlich erkranken weltweit 8,8 Millionen Menschen, und 1,6 Millionen versterben an den Folgen der Infektion mit dem Mycobacterium tuberculosis. Alarmierend sind die Neuerkrankungszahlen in Europa: Mit 445 000 Fällen im Jahr 2005, davon 66 000 Todesfällen, ist der höchste Stand seit dem Zweiten Weltkrieg erreicht, sodass das Europa-Regionalbüro der WHO die Tuberkulose als „Gesundheitsnotfall“ einstuft.

Sorge bereitet den Epidemiologen die Ausbreitung von zwei Resistenztypen: einerseits von der MDR-Tuberkulose (multidrug resistant tuberculosis), bei der Tuberkulostatika der ersten Wahl – wie Isoniazid und Rifampicin – wirkungslos sind. Ihre Behandlung erfordert den Einsatz von Zweitlinienmedikamenten, die weniger effektiv, toxischer und oftmals auch teurer sind. Andererseits spricht man von einer XDR-Tuberkulose (extensively drug resistant tuberculosis), wenn zumindest drei Zweitlinienmedikamente wirkungslos sind. Diese Situation ist für den Patienten vital gefährdend. Von den weltweit 20 Staaten mit der höchsten Quote an resistenten TB-Erregern liegen 14 in Europa; daher sei auch Deutschland gefährdet, sagte WHO-Berater Dr. Richard Zaleskis anlässlich einer Konferenz in Berlin.

Prof. Dr. med. Dr. h. c. Robert Loddenkemper (Berlin), Generalsekretär des Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Tuberkulose, wies darauf hin, dass gerade in Osteuropa und den Staaten der ehemaligen Sowjetunion die MDR-Rate bei 9,9 Prozent der Neuerkrankungen liege. Bei Patienten, die als Migranten nach Deutschland kamen, liegt sie bereits bei rund 17 Prozent. Über XDR-Fälle gibt es noch relativ wenig verlässliches Zahlenmaterial.

Diese Resistenzen gegen Medikamente zur Behandlung der MDR-Form und gegen drei Zweitrangmedikamente sowie gegen Fluorchinolon und mindestens ein injizierbares Tuberkulosemedikament zeigten zum Beispiel in Lettland 19 Prozent der MDR-Fälle, die sich als eine XDR-Form erwiesen. Mittlerweile taucht auch schon vermehrt eine XXDR-Form gegen alle Erst- und Zweitrangmedikamente auf.

Einer Infektion mit Mycobacterium tuberculosis folgt nicht zwingend eine akute Erkrankung. Nur etwa fünf bis zehn Prozent der Infizierten erkranken an Tuberkulose, betroffen sind vor allem Menschen mit einem geschwächten Immunsystem (HIV-Infizierte). Aus der Tatsache, dass ein Infizierter circa zehn bis 15 Menschen pro Jahr anstecke, lasse sich die Infektionsproblematik in den am stärksten betroffenen Regionen nachvollziehen, erklärte Dr. Marcos Espinal von STOP TB Partnership.

Wie Dr. med. Timo Ulrichs (Berlin) vom Bundesgesundheitsministerium berichtete, lassen sich in Deutschland 81 Prozent aller TB-Fälle mit einem sechs bis acht Monate dauernden zweiphasigen Antibiotika-Behandlungsregime heilen. Hier gingen die TB-Fälle von mehr als 9 000 im Jahr 2000 auf 5 400 im Jahr 2006 kontinuierlich zurück. Regionale Unterschiede sind hervorstechend: Hamburg und Berlin weisen die höchste, Sachsen und Schleswig-Holstein die geringste Fallzahl auf. Im Jahr 2005 starben in Deutschland 188 Patienten an Tuberkulose.

Das WHO-Ziel, die Tuberkulose bis zum Jahr 2050 weltweit zu eliminieren, scheint in immer weitere Entfernung zu rücken, wenn nicht die „STOP-TB-Strategie“ konsequent durchgesetzt werden kann. Hierzu gehören unter anderem der vermehrte Aufbau von Testlabors, verbesserte und schnellere TB-Diagnostika, die Entwicklung neuer und die Therapie verkürzender Medikamente sowie wirkungsvollere Impfstoffe, umfangreiche Aktivitäten in der Ausbildung von Gastärzten, beispielsweise aus Russland und China in Deutschland zum Thema Infektionsbekämpfung. Wie immer kranken diese durchaus erreichbaren Ziele an einer mangelhaften Finanzierung und oft auch am politischen Willen in den besonders betroffenen Hochprävalenzländern.
Dr. phil. Barbara Nickolaus

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