ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2008Berufszufriedenheit: Ärztinnen und Ärzte beklagen die Einschränkung ihrer Autonomie

THEMEN DER ZEIT

Berufszufriedenheit: Ärztinnen und Ärzte beklagen die Einschränkung ihrer Autonomie

Merz, Brigitte; Oberlander, Willi

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Schlechtes Arbeitsklima, Zeitmangel, unzureichende Bezahlung, Arbeitsüberlastung und eingeengte Entscheidungsbefugnisse – eine Studie des Instituts für Freie Berufe Nürnberg zeigt: Nur jeder dritte Befragte ist mit seiner Situation zufrieden.

Junge Ärztinnen und Ärzte beginnen ihre berufliche Laufbahn häufig mit einem hohen Maß an idealistischen Vorstellungen, die der Praxis oft nicht standhalten. Der Wunsch, in ärztlicher Unabhängigkeit Kranke zu heilen, gerät in Konflikt mit ökonomischen Restriktionen, dem wachsenden Kostendruck auf Kliniken und Praxen sowie mit bürokratischen Vorgaben. Das traditionelle Ärztebild gerät zunehmend unter Druck. Die grundlegenden Veränderungen in Berufsbild und Autonomie von Ärzten veranlassten die Ludwig-Sievers-Stiftung, das Institut für Freie Berufe Nürnberg mit einer Untersuchung zu diesem Thema zu beauftragen.

Den Schwerpunkt der Untersuchung bildete die Befragung von 1 500 Ärztinnen und Ärzten1. Im März 2007 erhielten 9 600 Mediziner aus sechs Landesärztekammern (Bayern, Brandenburg, Bremen, Nordrhein, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein) einen Fragebogen. Bis Ende Juni 2007 gingen am Institut für Freie Berufe in Nürnberg 1 476 auswertbare Fragebögen ein. Die Rücklaufquote betrug 15,4 %.

Große Arbeitsbelastung
An der Studie beteiligten sich 44 % Ärztinnen und 56 % Ärzte. Das Durchschnittsalter lag bei 43 Jahren. Den größten Anteil stellten Ärzte zwischen 40 und 49 Jahren (29,2 %). Eine große Gruppe bildeten auch junge Ärzte bis 34 Jahre (28,1 %). Krankenhausärzte waren im Schnitt 38,1 Jahre alt, Vertragsärzte 50,5 Jahre. Mehr als ein Drittel der Studienteilnehmer erhielten ihre Approbation nach dem Jahr 2000. Ärzte der Fachrichtung Innere Medizin (18 %) und der Allgemeinmedizin (16 %) waren bei der Befragung besonders stark vertreten. 43 % der angestellten Ärzte besaßen einen unbefristeten Arbeitsvertrag. Die Stellen von 17,1 % der Befragten sind auf bis zu zwei Jahre befristet, 40 Prozent haben einen zeitlich limitierten Vertrag darüber hinaus.

60,7 % der Ärztinnen und Ärzte waren an Krankenhäusern tätig, 17,6 % übten ihren Beruf in Einzelpraxen und 15,0 % in Gemeinschaftspraxen aus. Andere Formen der Berufsausübung wurden von 10,4 % der Antwortenden genannt.2

Ohne die Einbeziehung von Bereitschafts- und Wochenenddiensten arbeiteten 80 % der Befragten (zum Teil erheblich) mehr als 40 Stunden in der Woche. Über die Hälfte der Krankenhausärzte (53,7 %) arbeiteten mehr als 46 Stunden in der Woche. Bei den niedergelassenen Ärzten gaben mehr als zwei Drittel an, mindestens in diesem Umfang tätig zu sein.

Nur fünf Prozent der befragten Ärzte sind mit ihrer beruflichen Situation sehr zufrieden (Grafik 1). Fast ein Drittel ist unzufrieden. 11,4 % gaben an, sie würden „sicher nicht“ erneut Arzt werden. Eine Befragung des Instituts für Freie Berufe unter jungen Ärzten hat dagegen eine deutlich höhere Berufszufriedenheit ergeben. Die Unzufriedenheit wächst mit der Dauer der Berufsausübung.3

Als ausschlaggebend für die Unzufriedenheit im Beruf werden vorrangig genannt: schlechtes Arbeitsklima, mangelnde Vereinbarkeit von Beruf und Familie, Arbeitsüberlastung, die fehlende Möglichkeit, ein geregeltes Leben zu führen, und Zeitdruck bei der Berufsausübung. Die Auswirkungen sind deutlich: 23,8 % der Ärzte sind hinsichtlich ihrer beruflichen Ziele unentschlossen, 18,7 % wollen ins Ausland, 7,7 % wollen im nicht kurativen Bereich tätig werden, weitere 6,3 % nennen eine „andere ärztliche Tätigkeit“, und noch einmal 4,5 % wollen überhaupt nicht tätig werden (Grafik 2).

Mehr als die Hälfte der Untersuchungsteilnehmer (54,8 %) leiden am Burn-out-Syndrom in unterschiedlichen Abstufungen. Ärztinnen sind deutlich häufiger betroffen (68,4 %) als Ärzte (51,4 %). In ihrer Grundtendenz weisen die Ergebnisse darauf hin, dass viele Ärztinnen und Ärzte an den Grenzen ihrer beruflichen Belastbarkeit angekommen sind.

Als Gefahr für die berufliche Autonomie nennt die überwiegende Mehrheit der Befragten Bürokratisierung, Ökonomisierung und Beschränkung der ärztlichen Entscheidungsbefugnisse. Hinzu kommen die Delegation nicht ärztlicher Aufgaben an Ärzte und die mangelnde Kalkulierbarkeit beruflicher und zeitlicher Belastungen. Zu wenig Zeit für einzelne Patienten und das Missverhältnis zwischen Verantwortung und Bezahlung stellen weitere negative Aspekte dar. Nur ein Viertel aller befragten Ärzte gibt an, genügend Zeit für eine gute Patientenversorgung (Behandlung und Konsultation) zur Verfügung zu haben. Je jünger die Ärzte sind, umso häufiger kritisieren sie, dass die Zeit für die Patientenversorgung nicht ausreicht. Die übergroße Mehrheit der Krankenhausärzte (83,8 %) und fast zwei Drittel der niedergelassenen Ärzte (62,1 %) sind dieser Meinung.

Die Dominanz der Krankenkassen zusammen mit der steigenden Zahl von Staatseingriffen betrachten die Befragten als weitere Bedrohung ihrer beruflichen Autonomie. Die fortschreitende Abhängigkeit von der Technik oder eine etwaige fachliche Überforderung werden dagegen relativ selten als problematisch eingeschätzt.

Auffallend ist, dass mehr als 70 % der Ärztinnen und Ärzte aus allen Tätigkeitsbereichen in der Einführung der Fallpauschalen im Krankenhaus einen Angriff auf ihre berufliche Autonomie sehen. Mehr als ein Drittel aller Befragten halten auch die Disease-Management-Programme für nicht vereinbar mit ärztlicher Unabhängigkeit. Das Gleiche gilt für die Bonus-Malus-Regelung bei Arzneimitteln.

Offen für Neuerungen
Kein eindeutiges Meinungsbild zeichnet sich bei der Beurteilung des Vertragsarztrechtsänderungsgesetzes (VÄndG) ab. Hier halten sich positive Erwartungen und Befürchtungen fast die Waage. Im Gegensatz dazu sehen 55 % der Befragten das GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz überwiegend negativ. Behandlungsleitlinien werden von drei Vierteln aller Antwortenden als vereinbar mit dem Berufsbild und der beruflichen Autonomie der Ärzte eingeschätzt.

Innovative Formen ärztlicher Zusammenarbeit, wie integrierte Versorgung, Ärztenetze oder Medizinische Versorgungszentren, werden tendenziell in Bezug auf das Berufsbild und die berufliche Autonomie positiv bewertet. Ärztinnen und Ärzte lehnen solche Neuerungen im Gesundheitswesen nicht generell ab, sie sehen allerdings die ärztliche Autonomie durch die zunehmende Einflussnahme des Gesetzgebers und der Kassen gefährdet.

Auch nach Ansicht von Experten müssen angestellte Ärzte durchaus Einbußen in der Autonomie hinnehmen. Andererseits heben Fachleute auch die Möglichkeiten und die „neuen Freiheiten“ beispielsweise für wirtschaftliches Handeln hervor. Es wird auch die Auffassung vertreten, die Ärzteschaft sei nahezu zweigeteilt, in eine Gruppe, die den neuen Möglichkeiten eher kritisch gegenüberstehe, und eine Gruppe, die dies als Chance betone.

Das traditionelle Bild des Arztes, der in seiner Einzelpraxis relativ unabhängig agiert und ohne finanzielle Sorgen seinen festen Patientenstamm betreut, kann unter den gegebenen Umständen so nicht mehr bestehen bleiben.

Die Liberalisierung des Berufsrechts und die Gesundheitsreformen erweitern die Möglichkeiten für die ärztliche Berufsausübung. Es wird künftig mehr angestellte Ärzte im ambulanten Bereich geben, die in Medizinischen Versorgungszentren und mit und für niedergelassene Ärzte arbeiten. Ärzte können in einem Krankenhaus und gleichzeitig in einem an das Krankenhaus angeschlossenen Medizinischen Versorgungszentrum tätig sein. Die Möglichkeiten zur Arbeit in Teilzeit wurden erheblich erweitert. Diese Veränderungen bedeuten auch, dass das ohnehin hohe Anforderungsniveau an Ärztinnen und Ärzte noch heraufgesetzt wird.

„Der Arzt der Zukunft“ muss sehr vielen Anforderungen genügen. Fachlich muss er auf dem aktuellen Stand bleiben und seine Teilnahme an Fortbildungsmaßnahmen nachweisen. Leitlinien und die evidenzbasierte Medizin sollten die Basis der ärztlichen Tätigkeit darstellen. Im Interesse der Wissenschaftlichkeit und der Qualität der Medizin muss der Arzt seine Arbeit fortlaufend dokumentieren, diese Verpflichtung rechtfertigt allerdings keineswegs die Bürokratisierung des Berufs.

Betriebswirtschaftliche Kenntnisse müssen die medizinischen Fähigkeiten ergänzen, um die Arztpraxis dauerhaft erfolgreich führen zu können. Auch angestellte Ärzte müssen in der Lage sein, wirtschaftlich zu denken, um zum Erfolg des Krankenhauses oder des Medizinischen Versorgungszentrums beizutragen.

Sehr wichtig ist es, dass Ärzte neben den fachlichen auch die persönlichen Voraussetzungen für diesen Beruf mitbringen. Moderne Ärzte sind patientenorientiert, das heißt, sie betrachten Patienten als „Partner“ im medizinischen Entscheidungsprozess. Gefordert ist zunehmend die ärztliche Persönlichkeit. Die Sozialkompetenz wird immer wichtiger. Ärzte müssen wissen, wann sie an ihre Grenzen stoßen und wann sie gegebenenfalls Hilfe für sich selbst oder Unterstützung bei ihrer Arzttätigkeit benötigen.

Eine weitere Verschlechterung der Arbeitsbedingungen, die zunehmend unbefriedigende Einkommenssituation und die Eingriffe in die berufliche Autonomie der Ärzte machen den Beruf nicht attraktiver. Die Verstärkung der Anreize ist jedoch dringend erforderlich, um die Abwanderung aus dem Beruf oder ins Ausland zu verhindern und eine flächendeckende Versorgung mit ärztlichen Leistungen zu gewährleisten. Nicht nur die demografische Entwicklung und die ökonomischen Bedingungen erfordern seitens des Staates durchgreifende Maßnahmen, sondern vor allem auch die berufliche Lage der Ärzteschaft.

Zitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2008; 105(7): A 322–4

Anschrift der Verfasser
Brigitte Merz: wissenschaftliche Mitarbeiterin
Dr. Willi Oberlander: Geschäftsführer am Institut für Freie Berufe an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Marienstr. 2/III, 90402 Nürnberg

1 Neben der Erhebung mittels Fragebogen wurden Experteninterviews durchgeführt sowie Literaturrecherchen und die Auswertung von Statistiken.
2 Hier waren Mehrfachnennungen möglich.
3 Vgl. Liebig, Kerstin; Oberlander; Willi (2008): Berufseinstieg und Berufserfolg junger Ärztinnen und Ärzte, Hg. Ludwig-Sievers-Stiftung, Köln.
An dieser Erhebung waren nur Berufsangehörige beteiligt, die seit höchstens zehn Jahren approbiert waren.

Weiterhin hohes Ansehen
Ärzte genießen weiterhin ein hohes Ansehen. Die Ergebnisse von Umfragen verdeutlichen dies. Dabei wird in Berichten über das Ärzte-Image zumeist auf die Berufsprestige-Umfrage „Ärzte vorn“ des Instituts für Demoskopie Allensbach verwiesen, bei der Ärzte im Jahr 2005 das höchste Ansehen genossen. In der Allensbacher-Skala wurden die Ärzte mit 71 % (neue Bundesländer 77 %, alte Bundesländer 70 %) deutlich auf dem ersten Rang geführt vor den Krankenschwestern mit 56 %.1
Allerdings sehen sich die Ärzte, die seit Jahrzehnten an der Spitze der Berufsprestige-Skala stehen, immer häufiger öffentlicher Kritik ausgesetzt. Dies führt ungeachtet ihrer dortigen Führungsposition dazu, dass sie allmählich an Prestige verlieren.2 Die Ursachen sind vielfältig. Eine zunehmende „Deprofessionalisierung“ der Ärzte wird diskutiert. Außerdem haben die gesundheitspolitischen Vorgaben sowohl im Krankenhaussektor als auch bei den niedergelassenen Ärzten zu neuen Herausforderungen geführt. Die Veränderungen im Gesundheitswesen beeinflussen das Berufsbild und die berufliche Situation nachhaltig.
Einer anderen Untersuchung zufolge gelten Ärzte, ebenso wie Lehrer in Europa und in den USA, als besonders vertrauenswürdig.3 Eine weitere Befragung, die nach den bevorzugten Berufen bei der Partnerwahl forschte, sah bei 78 % der Frauen und 71 % der Männer den Arzt/die Ärztin vorne.4
Dem Fremdbild der Ärzte kann man das Selbstbild hinzufügen. Im Rahmen der hier berichteten Untersuchung gaben lediglich 8,4 % der Ärztinnen und Ärzte an, dass das Image und die Akzeptanz ihres Berufs bei den Patienten negativ beziehungsweise sehr negativ seien; dem standen 80,8 % mit positiver oder sehr positiver Bewertung gegenüber. Die Befragten waren allerdings der Ansicht, dass sich das Image der Ärzte dramatisch verschlechtert habe: Fast 50 % beklagten einen Verlust des ärztlichen Ansehens seit dem Jahr 2000.

1 Insgesamt werden 22 Berufe abgefragt, wobei Gewerkschaftsführer (5 %), Fernsehmoderatoren (6 %) und Politiker (6 %) am Ende der Rangliste stehen. Vgl. Institut für Demoskopie Allensbach (Hrsg.) (2005): Ärzte vorn. Allensbacher Berufsprestige-Skala 2005, Nr. 12/2005.
www.ifd-allensbach.de/news/prd_0512.html, (5. 10. 2007).
2 Im Jahr 1966 hatten die Ärzte in Westdeutschland noch eine Zustimmung von 84 %.
3 Vgl. Schöneberg, Ulrike (2006): Kaum Vertrauen in Politiker. Internationale GfK-Studie zum Vertrauen der Bürger in verschiedene Berufsgruppen und Institutionen. In: GfK (Hg.): www.gfk.com/group/press_information/press_releases/
new/00841/index.de.html (18. 1. 2008).
4 Es ist nicht bekannt, ob es sich hierbei um eine repräsentative Befragung handelt, vgl. RTL (Hg.): RTLratgeber.de, www.rtl.de/ratgeber/familie_951558.php? (18. 1. 2008).

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