ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2008Hospizgruppe Horizont in Brüssel: Sterbehilfe ist keine Alternative

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Hospizgruppe Horizont in Brüssel: Sterbehilfe ist keine Alternative

Dtsch Arztebl 2008; 105(7): A-326 / B-293 / C-289

Spielberg, Petra

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LNSLNS Deutschsprachige leisten seit zehn Jahren in Brüssel Hospizhilfe.
Im liberalen Belgien werben sie so für einen ehrlichen Umgang mit dem Tod.

Claudia Reichert hat sich einen Traum erfüllt. 1997 gründete die gelernte Krankenschwester mit drei weiteren Frauen am östlichen Stadtrand von Brüssel eine kleine deutschsprachige Buchhandlung. Für viele der knapp 17 000 Deutschen, die in der belgischen Hauptstadt leben, ist das „Lesezeichen“ inzwischen zu einer Kulturinstitution geworden, in der sie nicht nur deutschsprachige Bücher kaufen, sondern auch Ausstellungen und Lesungen besuchen können.

Um die Bedeutung der Muttersprache für im Ausland Lebende weiß Reichert auch durch ihr privates Engagement in der Begleitung Schwerkranker und Sterbender. „In der letzten Phase ihres Lebens verfallen viele Menschen wieder in ihre Muttersprache, selbst wenn sie jahre- oder jahrzehntelang eine fremde Sprache gesprochen haben“, so Reichert. Diese Erkenntnis führte vor zehn Jahren dazu, dass in Brüssel die deutschsprachige Hospizgruppe „Horizont“ entstand. Mittlerweile umfasst der gemeinnützige Verein rund 30 Mitglieder. Ein gutes Dutzend von ihnen arbeitet ehrenamtlich als Hospizhelfer.

Sie sehen ihre Aufgabe vor allem darin, ein offenes Ohr für die Sorgen und Nöte Schwerkranker oder sterbender Patienten und ihrer Familienmitglieder zu haben. Außerdem helfen sie bei Fragen, zum Beispiel zur Kranken- oder Pflegeversicherung oder bei der Suche nach geeigneten Alten- beziehungsweise Pflegeheimen und stehen den Angehörigen im Todesfall bei. Der Verein finanziert sich ausschließlich aus Spenden. „Die Mittel gehen vor allem für Kilometergeld sowie Porto- und Telefonkosten drauf“, sagt Sigrun Kreienbaum, die Schatzmeisterin des Vereins. Eigene Büroräume hat Horizont nicht. Bei Bedarf kann der Verein auf Räumlichkeiten der evangelischen oder katholischen Gemeinde in Brüssel zurückgreifen.

Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn die Aus- und Fortbildungen der aktiven Vereinsmitglieder anstehen. In einem 36-stündigen Kurs, verteilt auf drei Wochenenden, machen sich die angehenden Hospizhelfer zunächst mit den Grundbegriffen der Schmerztherapie und Krankenpflege vertraut. Die Ausbildung erfolgt durch eine deutsche Ärztin und eine Krankenschwester. Einmal im Jahr frischt darüber hinaus eine Psychotherapeutin die Kenntnisse der Helfer in der Hospizbegleitung auf.
„Im Vordergrund unserer Arbeit stehen das Gespräch und die menschliche Zuwendung“, sagt Claudia Reichert (links), Gründerin des Vereins „Horizont“. Rechts: die Schatzmeisterin des Vereins, Sigrun Kreienbaum Foto: Petra Spielberg
„Im Vordergrund unserer Arbeit stehen das Gespräch und die menschliche Zuwendung“, sagt Claudia Reichert (links), Gründerin des Vereins „Horizont“. Rechts: die Schatzmeisterin des Vereins, Sigrun Kreienbaum Foto: Petra Spielberg

Zurzeit sind alle Aktiven weiblich. „Wir haben aber regelmäßig auch Männer unter den Hospizhelfern“, betont Reichert. Drei bis vier von ihnen sind in der Regel immer im Einsatz. Laut Kreienbaum hat die Nachfrage nach Unterstützung in den letzten Jahren zudem eher zu- als abgenommen. „Im Vordergrund unserer Arbeit stehen das Gespräch und die menschliche Zuwendung“, sagt Reichert. Die Basisausbildung diene lediglich dazu, die Helfer darin zu schulen, medizinisch-pflegerische Missstände, wie ein sich abzeichnender Dekubitus oder eine unzureichende Schmerztherapie, zu erkennen, um die Betroffenen oder ihre Angehörigen darauf aufmerksam machen zu können. So weit komme es aber eigentlich nie. „Im Idealfall betreuen wir die Patienten zu Hause“, bemerkt Reichert. Die Dienste der Hospizbegleiter sind aber auch im Krankenhaus, Altenheim oder auf einer Palliativstation gefragt.

Die Zeitdauer, die ein Helfer mit einem Patienten verbringt, ist sehr unterschiedlich. „Das reicht von einer Stunde pro Woche bis hin zu täglichen Besuchen“, so Kreienbaum. Auch kann sich eine Betreuung im Einzelfall über mehrere Jahre erstrecken. „Eine Patientin haben wir beispielsweise elf Jahre lang begleitet“, sagt Kreienbaum. Die schwer nierenkranke Frau war von ihrer Tochter zur Betreuung nach Brüssel geholt worden, weil es so aussah, als ob sie nicht mehr lange leben würde. „Das war ein ständiges Auf und Ab.“ Inzwischen, so Kreienbaum, sei die alte Dame mit ihrer Tochter sogar wieder nach Deutschland zurückgekehrt.

Allerdings sind solch lange Betreuungsfälle die Ausnahme. Dennoch begleiten die Helfer unheilbar Kranke oft schon ab einem recht frühen Zeitpunkt, noch bevor sie unmittelbar im Sterben liegen. „Insofern unterscheidet sich unsere Arbeit ein wenig von der klassischen Hospizhilfe“, erläutert Reichert. Ihre Erfahrungen im Umgang mit dem Tod haben sie dennoch gelehrt, dass es grundsätzlich möglich ist, auf natürlichem Weg würdevoll zu sterben. Aktive Sterbehilfe, die in Belgien seit gut fünf Jahren erlaubt sei, lehne sie ab. Viel sinnvoller sei es, bereits Kinder zu einem offenen Umgang mit Sterben und Tod zu erziehen, so Kreienbaum.
Petra Spielberg
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