ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2008Chronisch entzündliche Darm­er­krank­ungen: Gestörte Balance

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Chronisch entzündliche Darm­er­krank­ungen: Gestörte Balance

Dtsch Arztebl 2008; 105(7): A-338

Vetter, Christine

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LNSLNS Die aktuellen Forschungen decken immer mehr Faktoren auf, die an der Pathogenese chronisch entzündlicher Darm­er­krank­ungen beteiligt sind. Mutationen im NOD2-Gen spielen eine Rolle, aber auch weitere genetische Faktoren. „Die chronisch entzündlichen Darm­er­krank­ungen stellen heterogene Krankheitsbilder dar, die einen hochkomplexen Hintergrund haben und bei denen wir viele Faktoren der Pathogenese noch nicht verstehen“, erklärte Prof. Stefan Schreiber (Kiel) in Dresden.

Neben den genetischen Grundlagen spielen Umweltfaktoren eine zentrale Rolle. Nach Angaben von Dr. Jan Wehkamp (Stuttgart) ist an dem Dogma ihres Zusammenspiels nicht zu rütteln. Der Stuttgarter Wissenschaftler bringt mit den Defensiven eine neue Komponente ins Spiel: Es handelt sich um antibakteriell wirksame Substanzen, die beim Gesunden von den Paneth-Zellen in der Darmmukosa gebildet werden.

Anders bei Patienten mit Morbus Crohn. Wie Wehkamp in Dresden darlegte, gebe es – möglicherweise auf genetischem Hintergrund – bei den Patienten offenbar Defizite in der Bildung der körpereigenen Antibiotika, was eine gestörte Balance zur Folge habe, mit unkontrollierter Vermehrung von Bakterien der intestinalen Flora. Gepaart mit einer Störung der Barrierefunktion und einer gesteigerten Permeabilität der Mukosa, könne dies zum vermehrten Eindringen von Keimen führen und damit zu verstärkten Entzündungsstimuli, die den Krankheitsprozess triggerten. „Die neuen Erkenntnisse legen die Rationale für die Entwicklung neuer Therapiestrategien“, erklärte Wehkamp.

Gute Nachrichten gab es anlässlich der Tagung für Patienten mit Colitis ulcerosa: Bei ihnen ist nach Meinung von Prof. Wolfgang Kruis (Köln) die nur einmal tägliche hoch dosierte (drei Gramm) Einnahme eines retardierten Mesalazin-Präparats offenbar ebenso effektiv wie die übliche dreimal tägliche Einnahme von einem Gramm des Wirkstoffs, die oft mit Compliance-Problemen verbunden ist. Die hoch dosierte einmal tägliche Einnahme von Retardgranula hat keine Wirksamkeitsnachteile: Das habe eine Studie bei 380 Patienten gezeigt, die entweder mit drei Gramm Mesalazin-Retardgranula einmal täglich oder nach der herkömmlichen Strategie mit täglich dreimal einem Gramm behandelt wurden. In beiden Studiengruppen sei eine gleichwertige Reduktion der Krankheitsaktivität zu sehen gewesen, berichtete der Kölner Gastroenterologe.

In Teilbereichen habe es dabei sogar Vorteile für die Retardgranula gegeben, wie eine mit 83 gegenüber 78 Prozent höhere Remissionsrate zeigt. Auch sei eine mit zwölf statt 16 Tagen raschere Remissionsinduktion durch die einmal tägliche hoch dosierte Mesalazingabe erwirkt worden. Die Patienten wissen laut Kruis die geringere Einnahmefrequenz zu schätzen: Nach ihrer Präferenz befragt, votierten 82 Prozent für die Retardgranula.
Christine Vetter

Pressegespräch „Entzündungsmechanismen in Darm und Leber – Wann profitieren Patienten von neuen Forschungsergebnissen?“ und Falk-Workshop „Mechanismen der intestinalen Inflammation“, im Rahmen der II. Falk-Gastro-Konferenz in Dresden, Veranstalter: Falk-Foundation e.V.
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