ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2008Einsatz in Tansania: Als deutscher Chirurg in Afrika

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Einsatz in Tansania: Als deutscher Chirurg in Afrika

Dtsch Arztebl 2008; 105(7): A-361 / B-325 / C-321

Beier, Frank

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Der Autor gab seine Oberarztstelle auf und lebte fünf Jahre mit seiner Familie am Viktoriasee – eine Entscheidung, die er nicht bereut hat.

Noch liegt es kein halbes Jahr zurück, dass wir aus unserem vollgeladenen Toyota Landcruiser das letzte Mal einen Blick auf unser Haus, das zwischen dem Krankenhaus von Ndolage und dem 90 Meter hohen Wasserfall liegt, geworfen haben. Fünf Jahre wohnten wir mit unseren beiden Kindern in 1 500 Metern Höhe mit Blick auf den in der Ferne gelegenen Viktoria- see bei angenehmem Klima in einer ruhigen, friedlichen Umgebung mit freundlichen Nachbarn.
Auf Visite – Frank Beier half mit, das Krankenhaus der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Ndolage zur Überweisungsinstanz in der Region auszubauen.
Auf Visite – Frank Beier half mit, das Krankenhaus der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Ndolage zur Überweisungsinstanz in der Region auszubauen.

Hier in Deutschland werde ich immer wieder von Kolleginnen und Kollegen angesprochen, die sich früher auch einmal mit dem Gedanken getragen haben, in der „Dritten Welt“ zu arbeiten, oder dies im Ruhestand anstreben. So will ich die Gelegenheit nutzen, von meinem Einsatz im ostafrikanischen Tansania zu berichten.

Ja, es gibt sie noch, die kleinen Buschkrankenhäuser vom Typ „Lambarene“, aber sie werden immer seltener. Nach der Unabhängigkeit ist es vielen afrikanischen Staaten gelungen, überall im Land Ambulanzen aufzubauen, in denen mit einfachen Mitteln versucht wird, die Basisversorgung der Bevölkerung zu sichern und die Erkrankungen mit den häufigsten Todesfolgen zurückzudrängen. Zunehmend steht qualifiziertes einheimisches Personal zur Verfügung, wegen der Armut der Bevölkerung fehlt aber gerade auf dem Land das Geld, dieses zu bezahlen. Kleine Krankenhäuser mit einem Einzugsgebiet von circa 100 000 bis 200 000 Menschen, in denen meist ein bis drei Ärztinnen und Ärzte ihren Dienst tun, folgen als nächsthöhere Versorgungsstufe. In den Großstädten gibt es große Überweisungskrankenhäuser mit Fachärzten. Hier erfolgt auch hauptsächlich der Einsatz von ausländischen Ärztinnen und Ärzten.

Ndolage liegt im Nordwesten Tansanias in der Kageraregion. Diese grenzt an Ruanda und Uganda und hat zwei Millionen Einwohner. In der gesamten Region gibt es 13 Krankenhäuser und 25 Ärztinnen und Ärzte, von denen nur der leitende Arzt von Ndolage über einen Facharzttitel (Gynäkologie und Geburtshilfe) verfügt. Obwohl 56 Kilometer von der Provinzhauptstadt Bukoba entfernt, dient Ndolage aufgrund seiner relativ guten ärztlichen Besetzung als Überweisungskrankenhaus für die gesamte Region. Eigentümer des Krankenhauses ist die Evangelisch-Lutherische Kirche von Tansania, die bei der Vereinten Evangelischen Mission (VEM) in Wuppertal um die Entsendung eines Chirurgen gebeten hat.

Leider reichen die Spenden aus Übersee und die staatliche Unterstützung für Ndolage bei Weitem nicht aus, um die Behandlung kostenlos anzubieten. Trotz der für deutsche Verhältnisse sehr geringen Preise stellen diese im Krankheitsfall oft eine Bedrohung der wirtschaftlichen Existenz für die Bauern der Umgebung dar. Dieser Umstand und der Mangel an höher qualifizierter Gesundheitsversorgung haben zur Folge, dass viele Erkrankungen erst in einem sehr fortgeschrittenen Stadium durch uns behandelt wurden.
Entfernung eines Kreissägesplitters aus dem Thorax Fotos: privat
Entfernung eines Kreissägesplitters aus dem Thorax Fotos: privat
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Wo lag nun meine Rolle als ein aus Deutschland stammender Facharzt für Chirurgie? In einem Umfeld, in dem die wichtigsten Prozeduren wie Kaiserschnitte und Leistenbruchoperationen gut durch die einheimischen Kolleginnen und Kollegen durchgeführt wurden, sah ich eine Aufgabe darin, die Rolle des Krankenhauses als Überweisungsinstanz auszubauen und dabei gleichzeitig tansanische Kollegen anzuleiten. Für mich ist es sehr erfreulich, dass zwei tansanische Kollegen, die den Arztberuf auf einen nur dort anerkannten zweiten Bildungsweg erlangt haben, nun Strumen operieren und transvesikale Prostatektomien durchführen. Sie haben bis jetzt auch alle Komplikationen beherrscht.

Ein weiterer Schwerpunkt für mich war die Traumatologie. Der im Land stark forcierte Kampf gegen die Malaria, Aids und all die anderen tödlichen Infektionskrankheiten hat zur Folge, dass „kleinere“ Probleme, wie Sehnenverletzungen, kaum thematisiert wurden. Viel Energie benötigte ich auch für unsere Intensivstation. Speziell ausgebildete Intensivpflegekräfte gibt es im Land nicht, und es dauerte einige Zeit, bis wir ein Team zusammengestellt hatten, das die Grundsätze der Intensivpflege verstand und mit dem es uns auch gelang, mit geringsten Mitteln Patienten mit schweren abdominellen Erkrankungen, wie fortgeschrittenen Peritonitiden, durchzubekommen. Großen Respekt habe ich da auch vor unseren Anästhesiepflegern gewonnen, die einmal eine Patientin eine ganze Nacht lang per Hand beatmet haben.

Eine weitere wichtige Rolle für „ökumenische Austauschmitarbeiter“, so war mein offizieller Titel, ist die Funktion als „Brückenbauer“. Es gibt ein großes Geflecht von Beziehungen von Ndolage zu Institutionen und Einzelpersonen in der ganzen Welt. Für all die Gäste aus Deutschland waren wir natürlich die Ansprechpartner, und auf diesem Weg konnten wir auch viel Unterstützung für das Krankenhaus organisieren. Zusammen mit der VEM konnten wir einen Poor-Patients-Fund mit Spenden, hauptsächlich aus Deutschland, aufbauen, um die Hilfe für zahlungsunfähige Patienten zu verbessern. Auch war ich Ansprechpartner für die mehrheitlich aus Deutschland stammenden 50 Medizinstudierenden, die während unserer Zeit nach Ndolage kamen. Für all diese administrativen Tätigkeiten waren die sehr gute Zusammenarbeit mit der Krankenhausverwaltung und auch die funktionierende Internetverbindung wichtig.

Im Rückblick kann ich die Zeit in Ndolage trotz mancher Kämpfe und Anstrengungen als einen gelungenen und wichtigen Lebensabschnitt bezeichnen. Bis jetzt bereue ich es nicht, mit 42 Jahren eine Oberarztstelle aufgegeben zu haben. Ich muss jetzt zwar wieder den Anschluss an die technische (und bürokratische) Weiterentwicklung in Deutschland finden, aber das wird durch die fünf erfüllten Jahre in Tansania mehr als aufgewogen.
Dr. med. Frank Beier

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