ArchivDeutsches Ärzteblatt1-2/1996Kuren: Kranke Gesellschaft

SPEKTRUM: Leserbriefe

Kuren: Kranke Gesellschaft

Trautmann, Uwe

Zur vermeintlich ungleichen Behandlung von Armen und Reichen
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LNSLNS Wir leben in einer völlig kranken Gesellschaft. Medizinisch gesehen heißt das: konventionelles Röntgen für die "Armen" und Kernspin für die "Reichen" bei gleicher Indikation! Das ist gerecht. Selbst schuld, wer nicht genug "qualifiziert" ist oder nichts geerbt hat. Frankreich scheint das inzwischen begriffen zu haben. Bei uns wird es wohl auch nicht mehr allzulang auf sich warten lassen. Das Faß ist bereits übergelaufen!
Gesunde bekommen eine Kur. Kranke müssen dafür kämpfen. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich habe fünf Jahre in einer Kurklinik in Oberbayern gearbeitet. Die Betuchten kommen im Sommer mit ihrem Mercedes oder sonstigen noblen Autos zur Kur. Fahrräder bringen sie natürlich mit – im Winter sind es dann Ski –, die auf den Gepäckträgern "strahlen". Sie fahren selbstverständlich vor die Eingangstür der Klinik und fordern natürlich Hilfe beim Tragen, weil sie ja so krank sind. Der "Normalverbraucher" kommt mit einem Kleinwagen oder dem Zug. Der Witz bei der ganzen Sache ist, daß die Betuchten zu mehr als zwei Drittel gesund sind, während die Nichtbetuchten doch tatsächlich krank sind. Die Betuchten müssen also Beziehungen haben, die die Nichtbetuchten nicht vorweisen können. In der Klinik, in der ich gearbeitet habe, gab es durchschnittlich 60 Prozent Betuchte und folglich 40 Prozent Nichtbetuchte.
Ziehen Sie bitte selbst Ihre Schlußfolgerungen daraus! Ich wette, daß der Brief nicht veröffentlicht wird, denn die Betuchten wollen ja wieder zur Kur, um Kraft für einen neuen Aufschwung mit nach Hause zu bringen.
Uwe Trautmann, Guardinistraße 96, 81375 München
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