ArchivDeutsches Ärzteblatt7/2008Prognose kardiopulmonal reanimierter Patienten – ein Diskussionsbeitrag: Grenze der Intensivtherapie

MEDIZIN: Diskussion

Prognose kardiopulmonal reanimierter Patienten – ein Diskussionsbeitrag: Grenze der Intensivtherapie

Prognosis Following Cardiopulmonary Resuscitation: The Limits of Intensive Care

Dtsch Arztebl 2008; 105(7): 130; DOI: 10.3238/arztebl.2008.0130

Janzen, Rudolf Wihelm Christian

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LNSLNS Seit den ersten Untersuchungen zum anoxischen Koma (1, 2) nach kardiopulmonaler Reanimation (nach Safar) sollten neben den tragenden neurologischen Verlaufsuntersuchungen zunehmend die besprochenen Untersuchungen (EEG/somatosensibel evozierte Potenziale [SEP]/neutronenspezifische Enolase [NSE]/MRT) eigentlich seit 20 Jahren intensivmedizinischer Standard sein. Nur so sind zeitgerecht unter kontrollierten Bedingungen auch die Grenzen der Behandlung des postanoxischen Komas zu erkennen.

Die zeitgerechte Prognosestellung bei Komapatienten mit schwersten Hirnschädigungen bedarf einer vertieften, interdisziplinären Diskussion. So weisen zum Beispiel beim posttraumatischen Bulbärhirn-Syndrom, das sich auf den vollständigen Hirnfunktionsverlust zu entwickelt, die diagnosebasierende Bildgebung, ein isoelektrisches EEG, fehlende frühe SEP und/oder frühe akustisch evozierte Potenziale auf die Grenze der Intensivtherapie hin – schon vor der Manifestation des Hirntodes. Auch in dieser Situation, die man als terminale Komaphase bezeichnen könnte, wird die oben beschriebene Befundkonstellation einen bei Fortführung der Therapie unumkehrbaren Verlauf voraussagen: hier den nahen, kommenden Hirntod, dort das spätere permanente postanoxische apallische Syndrom (oder Tod). Der letztverantwortliche Arzt darf geforderten Entscheidungen nicht aufgrund lückenhafter diagnostischer Erkenntnisse ausweichen oder sie auf nachgelagerte Versorgungsstrukturen verschieben. Jede berechtigte Unsicherheit allerdings muss herausgearbeitet werden und zu einer erweiterten Beobachtung und Diagnostik führen. Bei klarer Befundkonstellation sollte frühzeitig eine klare Entscheidung, auch über die Einstellung der Therapie getroffen werden.

Der Beitrag fällt in eine Zeit, wo Limitationen der intensivmedizinischen Behandlung erarbeitet werden, die den Zugang zur Intensivstation begrenzen, aber auch den „Exit“ neu definieren sollen, um ressourcen-adaptierte Versorgungswege zu formulieren. Die automatisierte Verlagerung wesentlicher ärztlicher Entscheidungen auf technische Befunde ist eine ernste Gefahr. Dieser neurologisch-internistische Beitrag erfahrener Kliniker beschwört diese Gefahr nicht herauf, er verweist auf die eigentlich selbstverständliche Integration der Angehörigen in eine syndromspezifische palliative Intensivmedizin.
DOI: 10.3238/arztebl.2008.0130

Interessenkonflikt
Der Autor ist Studienleiter für die BRD Asprera „ MMF in der Therapie der
Myasthenia gravis“.

Prof. Dr. med. Rudolf Wihelm Christian Janzen
ehem. Chefarzt Neurologische Klinik
Krankenhaus Nordwest
Landwehrweg 12c
61350 Bad Homburg

Die Autoren des Beitrags haben auf ein Schlusswort verzichtet.
 1.
Brierley JB, Adams JH, Graham C, Simpson JA: Neocortical death after cardiac arrest: a clinical, neurophysiological, and neuropathological report of two cases. Lancet 1971; 7724: 560–5.
 2.
Ingvar DH, Brun A, Johansson L: Survival after severe cerebral anoxia with destruction of the cerebral cortex: the apallic syndrome. Ann NY Acad Sci 1978; 315: 184–214.
 1. Brierley JB, Adams JH, Graham C, Simpson JA: Neocortical death after cardiac arrest: a clinical, neurophysiological, and neuropathological report of two cases. Lancet 1971; 7724: 560–5.
 2. Ingvar DH, Brun A, Johansson L: Survival after severe cerebral anoxia with destruction of the cerebral cortex: the apallic syndrome. Ann NY Acad Sci 1978; 315: 184–214.

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