ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2008Hausärztemangel: Regionale Rezepte gegen die Krise

POLITIK

Hausärztemangel: Regionale Rezepte gegen die Krise

Dtsch Arztebl 2008; 105(8): A-371 / B-333 / C-329

Rieser, Sabine

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Zu wenig Geld, zu viel Bürokratie: Beides hält den hausärztlichen Nachwuchs fern. Die Landesregierungen werkeln an Zukunftskonzepten. Und die KVen bemühen sich, den Mangel zu beheben. Vier Beiträge stellen Beispiele vor, in denen individuelle Unterstützung zum Erfolg führte.

Am 1. Mai geht es los“, freut sich Andreas Schwenn. Vor lauter Elan vergisst der 44-jährige Allgemeinmediziner, dass sein erster Tag als niedergelassener Hausarzt in Gotha sehr entspannt verlaufen wird. Denn es ist ein Feiertag. Doch das ist nicht die einzige Besonderheit. Schwenn wird als angestellter Arzt in einer Eigeneinrichtung der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Thüringen arbeiten. Sie finanziert sein Gehalt, das des Personals, Miete und Ausstattung der Praxis für maximal zwei Jahre. Danach kann er sich dort selbstständig machen, sofern er die Ausgaben der KV als Starthilfe zurückzahlt.

Schwenn, der derzeit noch eine Sanitätseinrichtung der Bundeswehr nahe Leipzig leitet und am Wochenende nach Gotha pendelt, wollte gern eine Praxis führen. Doch ihn schreckten – wie so viele Jüngere – die Begleiterscheinungen: hohe Kreditverpflichtungen, eine unsichere Honorarlage, ungewohnte Aufgaben wie Vertragsverhandlungen oder Buchführung. Von der Eigeneinrichtung ist er angetan: „Das ist wie eine Art Fahrschule für Berufsanfänger.“

Natürlich gebe es bei Ärzten wie Schwenn „im Hinterkopf einen Niederlassungswunsch“, weiß Matthi-as Zenker, Vorstandsreferent für Grundsatzfragen bei der KV Thüringen. Eine Eigeneinrichtung sei aber eine gute Option, wenn Ärzte zögerten, sich niederzulassen. Thüringen ist allerdings das einzige Bundesland, das dieses Modell umgesetzt hat. Die Gothaer Praxis ist die zweite Eigeneinrichtung. Die erste, noch mitfinanziert von den Krankenkassen, übernahm im April 2006 die Allgemeinmedizinerin Ramona Heß (47) in Ohrdruf/Landkreis Gotha. Sie wollte sich gern niederlassen, aber „ohne sich groß finanziell ins Unglück zu stürzen“, wie sie ironisch anmerkt. Stürzen musste sie sich in die Arbeit: „Ich konnte mich vor Patienten nicht retten.“ Die gebürtige Südthüringerin übernahm nach einem Jahr die Praxis in Eigenregie.

Eigeneinrichtungen sind auf der Liste dessen, was KVen gegen den Hausärztemangel unternehmen, ganz sicher Exoten. Und doch passen sie zum Trend: Dass nämlich mehr und mehr KVen auf der Suche nach Lösungen individuelle Rezepte in Abstimmung mit niederlassungswilligen Kollegen sowie Vertretern von Kommunen und Krankenkassen bevorzugen. In Thüringen hat die KV lange gezögert, das zu tun, was andere KVen bereits als Lockmittel anbieten: Umsatz- und Punktwertgarantien oder Investitionshilfen. Das Dilemma ist immer dasselbe: Um Nachwuchs anzulocken, müsste man im Grunde sehr viel Geld in die Hand nehmen. Dagegen wehren sich allerdings die Ärzte, die es bislang zumindest zur Hälfte von ihrem knappen Honorar mitfinanzieren mussten. Doch zum 1. Januar 2008 hat der Landesausschuss der Ärzte und Krankenkassen in Thüringen ein umfangreiches Förderpaket gegen bestehenden oder drohenden Ärztemangel aufgelegt. Die Finanzmittel kommen ausschließlich von den Kassen. Denn gemäß § 105 SGB V müssen mittlerweile in erster Linie sie Sicherstellungszuschläge bezahlen.

Im Einzelnen werden nun Praxisneugründungen durch Investitionspauschalen mit bis zu 30 000 Euro gefördert, ebenso Praxisübernahmen und Zweigpraxen. Außerdem zahlt die KV je Patient und Quartal 8,75 Euro, wenn ein Arzt eine überdurchschnittlich hohe Patientenzahl behandelt. (Infos online: www.kv-thueringen.de/Publikationen). Die Krankenkassen haben in Thüringen zudem einer viel kleinräumigeren und damit realistischeren Betrachtung von Planungsbereichen zugestimmt. Die Erkenntnis: 19 Verwaltungsgemeinschaften droht Unterversorgung. Was tun?

„Unserer Ansicht nach ist das Problem des Hausärztemangels nur durch größtmögliche Unterstützung des eigenen Nachwuchses zu lösen“, sagt Zenker. Werbekampagnen außerhalb von Thüringen seien allesamt versandet: „Wer keinen Bezug zur Region hat, der hat kein Interesse.“ Zenker verweist darauf, dass sich längst nicht nur die KVen und Krankenkassen anstrengen: „Es ist spürbar, dass auch die Kommunen viel tun.“ Und nicht nur die KV, Lan­des­ärz­te­kam­mer und Krankenhäuser in Thüringen planen derzeit eine zügige Blockweiterbildung Allgemeinmedizin über vier Jahre in den Kliniken. „Die Kliniken denken um“, sagt Zenker. Erstens brauchen sie Ärzte im Haus – und zweitens Einweiser in der Region.
Sabine Rieser
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema