ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2008Hausärztemangel in Deutschland: Die große Landflucht

POLITIK

Hausärztemangel in Deutschland: Die große Landflucht

Dtsch Arztebl 2008; 105(8): A-373 / B-335 / C-331

Korzilius, Heike

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Foto: Picture alliance/OKAPIA
Foto: Picture alliance/OKAPIA
Ärzte in strukturschwachen Regionen haben es besonders schwer, einen Nachfolger zu finden. Das gilt für die Uckermark ebenso wie für den Bayerischen Wald.

Wir haben bei der Neubesetzung von Hausarztsitzen immer noch einen Ersatzbedarf von 25 Prozent“, sagt der Vorstandsreferent der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Mecklenburg-Vorpommern, Dan Oliver Höftmann. Werbekampagnen in Österreich und Polen verliefen erfolglos. Die Anwerbung von Ärzten aus dem Ausland war einer der Punkte, die der Masterplan vorsah, den das Land vor gut zwei Jahren aufgelegt hat, um die ärztliche Versorgung zu sichern. Er muss seine volle Wirkung allerdings erst noch entfalten. Denn er sieht auch die frühzeitige Bindung von Medizinstudierenden an das Land vor. Die KV Mecklenburg-Vorpommern beschloss deshalb damals, für die Dauer von sechs Jahren zwei Stiftungsprofessuren für das Fach Allgemeinmedizin an den Universitäten Rostock und Greifswald zu finanzieren. 2,4 Millionen Euro stehen inzwischen für einen Lehrstuhl in Rostock bereit. Die Professur soll im Frühjahr 2008 besetzt werden.

Außerdem stellte die KV für niederlassungswillige Hausärztinnen und Hausärzte Umsatzgarantien bis zu 40 000 Euro sowie Investitionszuschüsse für Sicherstellungspraxen von bis zu 25 000 Euro in Aussicht. Auch Landkreise und Gemeinden sollten das Ihre dazu beitragen, günstige Rahmenbedingungen für den ärztlichen Nachwuchs zu schaffen. Außerdem versprach die Landesregierung, sich weiter für die Honorarangleichung zwischen Ost und West einzusetzen.

Das ist nach Ansicht von Höftmann einer der großen Standortnachteile Mecklenburg-Vorpommerns: „Wir haben nach wie vor nur 80 Prozent der Mittel im Vergleich zum Westen. Wir brauchen dringend einen Honorarausgleich.“

„Viele Mediziner gehen in den Westen, weil sie dort für die gleiche Arbeit 20 Prozent mehr Geld bekommen“, sagt auch der Hauptgeschäftsführer der KV Sachsen-Anhalt, Martin Wenger. „Bei der Zahl der Ärztinnen und Ärzte über 60 Jahre sind wir Spitzenreiter. Wir können zwar Leute für deren Nachfolge motivieren, aber nicht genug.“ Als Erfolg versprechend hat es sich in Sachsen-Anhalt allerdings erwiesen, niederlassungswilligen Hausärzten eine Umsatzgarantie zu gewähren. „Das nimmt die Startangst“, meint Wenger.

Darüber hinaus versucht man dort, wie in vielen anderen KVen in den neuen und alten Bundesländern, die Weiterbildungsbedingungen im Fach Allgemeinmedizin zu verbessern. Denn vielfach schrecken auf kurze Zeit befristete Arbeitsverträge und häufige Stellenwechsel junge Mediziner davon ab, die hausärztliche Laufbahn einzuschlagen. In den Regionen versucht man deshalb, die allgemeinmedizinische Weiterbildung im Verbund zu organisieren.

In Sachsen-Anhalt plant man, die Assistenten künftig mit einem Arbeitsvertrag über die gesamte Laufzeit der Weiterbildung auszustatten.
Um dem drohenden Hausarztmangel entgegenzuwirken, setzt man auch in Bayern auf die Aus- und Weiterbildung der Mediziner. Die dortige KV unterhält beispielsweise einen Vermittlungspool für Weiterbildungsstellen, um einen möglichst reibungslosen Ablauf der Weiterbildungszeit zu gewährleisten. Gemeinsam mit der AOK hat sie darüber hinaus an der Technischen Universität München einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin eingerichtet. Die Ausschreibungsfrist der W-3-Professur läuft bis Ende Februar.

„Zwar können wir derzeit noch nicht von einem Hausärztemangel sprechen, aber ohne wirksame Gegenmaßnahmen droht ein solches Szenario in einigen Regionen schon in wenigen Jahren“, erklärt Dr. med. Gabriel Schmidt. Er ist Bereichsvorstand Hausärztliche Versorgung der KV Bayerns. Die Analysen der KV zeigten, dass zwischen 350 und 550 Hausärzte jedes Jahr neu ins KV-System einsteigen müssten, um die flächendeckende hausärztliche Versorgung auf dem derzeitigen Niveau aufrechtzuerhalten.

Am anderen Ende der Republik fällt die Diagnose ähnlich aus wie in Bayern. „Wer sich niederlassen will, geht heutzutage ein finanzielles Risiko ein. Das gilt besonders für die ländlichen Gebiete“, sagt Marco Dethlefsen, Sprecher der KV Schleswig-Holstein. Bürokratie, massive Arbeitsbelastung und eine unangemessene Bezahlung lockten kaum noch Nachwuchskräfte an. Außerdem mache der demografische Wandel auch vor den Ärzten nicht halt. „Das Durchschnittsalter der Hausärzte liegt hier bei 50 Jahren“, betont Dethlefsen. Ähnlich wie in vielen anderen KVen setzt man auch hier zur Lösung des Problems bei den Studierenden an. Gemeinsam mit den Krankenkassen will die KV an der Universität Lübeck einen Lehrstuhl für Allgemeinmedizin einrichten. „Das bietet die Chance, mehr Medizinstudierende mit der hausärztlichen Tätigkeit vertraut zu machen und das Interesse für eine Niederlassung hier im Land zu wecken“, meint der KV-Sprecher. Ganz pragmatisch hat die KV darüber hinaus im vergangenen Jahr den Notdienst neu organisiert. „Das senkt die Arbeitsbelastung der Ärzte und trägt dazu bei, die Landarzttätigkeit attraktiver zu machen“, betont Dethlefsen.

Alle KVen – auch diejenigen, die derzeit noch nicht akut vom Hausärztemangel betroffen sind wie Nordrhein und Baden-Württemberg oder die KVen der Stadtstaaten Bremen und Berlin – fördern seit 1999 die Weiterbildung des hausärztlichen Nachwuchses mit bis zu 1 020 Euro je Stelle in den Praxen niedergelassener Ärzte. Im Rahmen des „Initiativprogramms zur Sicherstellung der allgemeinmedizinischen Versorgung“ legen die Krankenkassen den gleichen Betrag noch einmal obendrauf. Sie bezuschussen gemeinsam mit der privaten Kran­ken­ver­siche­rung auch Assistentenstellen in den Krankenhäusern. Jährlich können auf diese Weise bis zu 6 000 Stellen gefördert werden. Doch die Kontingente wurden in all den Jahren nur jeweils zu gut zwei Dritteln ausgeschöpft. „Das Problem ist die Höhe der Förderung“, sagt Martin Wenger von der KV Sachsen-Anhalt. „Wir zahlen zurzeit rund 2 000 Euro. Da kommen die Weiterbildungsassistenten im Krankenhaus auf ein höheres Gehalt.“

Inzwischen hat sich auch die Politik des Themas Hausärztemangel angenommen. Im Auftrag der Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz der Länder hat die Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesgesundheitsbehörden ein Konzept zur Sicherstellung der hausärztlichen Versorgung vorgelegt. Die Autoren gehen davon aus, dass in zehn bis 15 Jahren in Deutschland 15 000 Hausärzte fehlen. Da es insbesondere in strukturschwachen Gebieten nicht gelingen werde, die Primärversorgung allein mithilfe von Hausärzten sicherzustellen, müssten die Gesundheitsberufe in diese Aufgabe einbezogen werden. Das Länder-Papier sieht darüber hinaus besondere Fördermaßnahmen für unterversorgte und strukturschwache Gebiete vor, wie sie zum Teil heute bereits praktiziert werden. Dazu gehören Sicherstellungszuschläge, besondere Vergütungsanreize für niederlassungswillige Hausärzte sowie die gezielte Förderung des Nachwuchses in der Aus-, Weiter- und Fortbildung.

Zurzeit werden die Stellungnahmen der betroffenen Organisationen und Verbände ausgewertet. „Es sind überraschend viele positive Stellungnahmen eingegangen“, erklärt Dr. Matthias Gruhl, Leiter Gesundheitswesen beim Gesundheitssenat der Stadt Bremen. Das Land ist bei diesem Projekt federführend. Allerdings zeichneten sich bei den Lösungsvorschlägen des Entwurfs noch Änderungen ab. Das endgültige Papier soll im Sommer vorliegen.

Für Diskussionen mit der Ärzteschaft dürften vor allem die vorgeschlagene Einführung eines Primärarztsystems und die Übertragung weitreichender Aufgaben auf die Gesundheitsberufe sorgen. Davon abgesehen halten die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) und die Bundes­ärzte­kammer den Bedarf von 15 000 Hausärzten, den die Länder ermittelt haben, für überzogen. Realistischere Zahlen glaubt die KBV durch den Aufbau regionaler, kleinräumiger Arztregister erhalten zu können.
Heike Korzilius
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