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RU 486: Schlußstrich

Dtsch Arztebl 1997; 94(16): A-1017 / B-865 / C-813

Korzilius, Heike

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LNSLNS Der Hoechst-Konzern hat sich von seinem wohl umstrittensten Produkt, der sogenannten Abtreibungspille RU 486, getrennt. Wie der französische Hersteller des Medikaments, Roussel Uclaf, bekanntgab, hat das Unternehmen alle Rechte ohne finanzielle Gegenleistung an den ehemaligen Vorstandsvor -sitzenden von Roussel Uclaf und Mitentwickler von RU 486, Edouard Sakiz, abgetreten. Dieser will das Mittel nun in eigener Regie herstellen und vermarkten. Hoechst hat sich damit eines Produktes entledigt, das ihm vergleichsweise wenig Umsatz (rund sechs Millionen DM pro Jahr), dafür aber erhebliche Imageprobleme eingebracht hat. Radikale Abtreibungsgegner fürchten, mit der Pille werde der willkürlichen Tötung ungeborenen Lebens Tür und Tor geöffnet. In den USA hatten selbsternannte Pro-life-Aktivisten erst kürzlich zum Boykott von Medikamenten des Konzerns aufgerufen. In die Schußlinie radikaler Abtreibungsgegner geraten, entwickelte Hoechst gleich zu Beginn ein gespaltenes Verhältnis zu diesem Produkt. Konzernpolitik war, nie selbst die Zulassung für das Medikament zu beantragen, sondern die Verantwortung dafür an die Regierungen der jeweils interessierten Staaten zu delegieren. Das Unternehmen knüpfte dar-über hinaus einen Zulassungsantrag (sinnvollerweise) an die Voraussetzung, daß in den betreffenden Staaten die Abtreibung gesetzlich geregelt sein müsse und diese über eine medizinische Infrastruktur verfügen. In Europa steht RU 486 nur in Großbritannien, Frankreich und Schweden zur Verfügung. Die emotionsgeladene Diskussion hat vielfach verschleiert, daß es sich bei dem Medikament nicht um einen Freibrief zur Abtreibung handelt, sondern lediglich um eine Methode des Schwangerschaftsabbruchs, der nach medizinischem Ermessen vergleichsweise schonender erfolgen kann als ein chirurgischer Eingriff. An den gesetzlichen Bedingungen oder den Verfahren, denen sich Frauen unterziehen müssen, um legal einen Abbruch vornehmen zu lassen, ändert sich dadurch ebenso wenig wie an der medizinischen Kontrolle. Die hochgeschürte Kritik hat zudem, so Sakiz, dazu geführt, daß die Entwicklungsmöglichkeiten des Mittels beispielsweise zur Schwangerschaftsverhütung oder zur Krebsbehandlung blockiert wurden (vgl. Rubrik "Medizinreport" in diesem Heft). Heike Korzilius
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