ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2008Nichtrauchen: Ärztlicher Rat wirkt motivierend

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Nichtrauchen: Ärztlicher Rat wirkt motivierend

Dtsch Arztebl 2008; 105(8): A-380 / B-341 / C-337

Brösicke, Karin; Kunstmann, Wilfried

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Foto: VISUM
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Tabakentwöhnung durch Ärzte bietet viele Vorteile und ist wissenschaftlich belegt – wird aber noch nicht ausreichend angeboten. Das (Muster-)Curriculum der Bundes­ärzte­kammer soll Abhilfe schaffen.

Vorbei sind die Zeiten, in denen man sich in der Öffentlichkeit mit größter Selbstverständlichkeit eine Zigarette anzünden konnte. Das Nichtraucherschutzgesetz sieht Rauchverbote in öffentlichen Räumen, im Nah- und Fernverkehr und in Sport- und Kultureinrichtungen vor. Inzwischen haben fast alle Bundesländer außerdem Rauchverbote für die Gastronomie erlassen.

Ein Rauchverbot ist der wirk-samste Schutz vor den gesundheitlichen Schäden des Tabakkonsums, denn wenn nicht geraucht werden darf, schaden weder Raucher sich selbst noch werden andere durch den gefährlichen Nebenstromrauch geschädigt. Allerdings berücksichtigen Rauchverbote nicht die Schwierigkeiten der Mehrzahl der Betroffenen, den Tabakkonsum einzustellen. Wenn Rauchverbote eingeführt werden, muss dies mit konkreten Hilfsmaßnahmen einhergehen, die den Rauchern dabei helfen, das Rauchen aufzugeben und sich damit vor tabakbedingten Begleiterkrankungen und vorzeitiger Mortalität zu schützen.

Nachweislich werden die höchs-ten Effekte in der Tabakentwöhnung durch Entwöhnungshilfen erzielt, die verhaltenstherapeutische Interventionen (Motivationsförderung, soziale Unterstützung, Schulung von Fertigkeiten im Umgang mit Versuchungssituationen) mit einer medikamentösen Therapie kombinieren (1). Dabei sind die Vorteile einer Tabakentwöhnung durch den Arzt offensichtlich: Die ärztliche Beratung ist niedrigschwellig, Ärzte sind örtlich und zeitlich gut erreichbar, die Häufigkeit des Arztkontakts unterscheidet sich schichtenspezifisch kaum – wodurch gerade auch Angehörige unterer sozialer Schichten, bei denen die Raucherprävalenz besonders hoch ist, gut erreicht werden können (2). Da der Kontakt zum Patienten in der Regel längerfristig ist, können geeignete Motivationsfenster für die Einleitung einer Entwöhnungsmaßnahme abgepasst werden. Zudem liegt ein enormer Vorteil darin, dass Arztbesuche im Kontext gesundheitlicher Probleme stattfinden, sich hierüber also für den Arzt ein begründeter Gesprächseinstieg zum Thema Rauchen ergibt. Beim Arzt besteht außerdem die Möglichkeit, Patienten hinsichtlich ergänzender medikamentöser Therapien zu beraten, diese gegebenenfalls zu verschreiben und zu begleiten. Internationale Studien zeigen zudem, dass der ärztliche Rat zum Rauchstopp für den Patienten motivierend wirkt (3).

Bisheriger Hinderungsgrund: zu zeitaufwendig
Ärztliche Tabakentwöhnung bietet also viele Vorteile und ist wissenschaftlich belegt, findet aber noch nicht ausreichend statt. So zeigt beispielsweise die SNICAS-Studie (4), die mit mehr als 800 niedergelassenen Ärzten im gesamten Bundesgebiet und an mehr als 28 000 Patienten durchgeführt wurde, dass zwar 50 Prozent der teilnehmenden rauchenden Patienten schon einmal von einem Arzt auf das Rauchen angesprochen wurden, jedoch lediglich bei zehn Prozent nach Auskunft der Patienten eine gezielte Tabakentwöhnung durchgeführt wurde. Allerdings sagten 90 Prozent der Ärzte zu Studienbeginn, dass sie eine Tabakentwöhnung für wichtig hielten. Als Hinderungsgründe für die praktische Durchführung gaben 47 Prozent der teilnehmenden Ärzte an, dass die Tabakentwöhnung letztlich zu zeitintensiv sei, 37 Prozent hielten sie für wenig effektiv und 33 Prozent bemängelten die schlechten Abrechnungsmöglichkeiten.

Zu ähnlichen Ergebnissen kommt eine Untersuchung des Heidelberger Zentrums für Alternsforschung. Neben den bereits genannten Hindernissen erwähnten hier 57 Prozent außerdem, dass es ihnen an einem adäquaten Training fehle (5).

Ausgehend von diesen Überlegungen hat der Vorstand der Bundes­ärzte­kammer auf Vorschlag des Sucht- und Drogenausschusses im April 2005 eine Qualifikationsmaßnahme für ärztliche Tabakentwöhnung verabschiedet. Diese hat einen Umfang von 20 Stunden, von denen zwölf Stunden in einem Präsenzkurs und acht Stunden im Selbststudium zu absolvieren sind. Hinsichtlich der Umsetzung entschied sich die Bundes­ärzte­kammer für ein Blended-Learning-Konzept, bei dem für das Selbststudium onlinegestützte Lernmodule bereitgestellt werden.

Durch das Blended Learning werden die Präsenzzeiten verkürzt, zudem ermöglicht es zeit- und ortunabhängiges Lernen. Die Vermittlung umfangreicher Propädeutik im Onlinekurs bringt die Teilnehmer zudem auf einen gemeinsamen Wissensstand, sodass der Präsenzkurs intensiv für ein praktisches Training genutzt werden kann. Der evaluierte Blended-Learning-Kurs kann anschließend inklusive Onlinelernmodulen auch von anderen Lan­des­ärz­te­kam­mern übernommen und angeboten werden. Die Lerninhalte sind in Zusammenarbeit mit Experten in der Tabakentwöhnung erstellt worden. Dem verantwortlichen Autorenteam gehören Prof. Dr. med. Anil Batra, Universitätsklinik Tübingen, Dr. Thomas Hering, Stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbandes der Pneumologen, sowie Peter Arbter, Arzt für Allgemeinmedizin, Krefeld, an. Als Experte für Blended Learning ist Dr. Peter Lösche, Nordrheinische Akademie für ärztliche Fort- und Weiterbildung, an der konzeptionellen Entwicklung der Maßnahme beteiligt.

Die Qualifikation vermittelt Ärzten propädeutisches Faktenwissen zur Tabakproblematik im gesellschaftlichen Kontext, zu gesundheitlichen Folgen des Tabakkonsums, zu Grundlagen der Tabakabhängigkeit sowie zu Methoden der Tabakentwöhnung. In einem Präsenztraining wird Handlungskompetenz für die Patientenansprache und Intervention erworben. Ein besonderer Schwerpunkt wird auf die Implementierung der Tabakentwöhnung in Klinik und Praxis gelegt. Denn um die Qualifikation Tabakentwöhnung zu einem erfolgreichen Instrument bei der Eindämmung des Tabakkonsums werden zu lassen, muss nicht nur Wissen zur Tabakentwöhnung vermittelt, sondern auch ihre praktische Anwendung im eigenen Arbeitskontext sichergestellt werden.

Die verstärkte Ansprache und Qualifizierung der Ärzteschaft für die Raucherberatung ist jedoch nur ein Baustein bei der Eindämmung des Tabakkonsums. Eine regelhafte intensive Beratungsleistung durch qualifizierte Ärzte erfordert allerdings auch eine entsprechende Vergütung. Zudem sollte bei der Diagnose einer Tabakabhängigkeit, die eine Krankheit nach der ICD-10 darstellt, die Behandlung mit evidenzbasierten Mitteln in den Leistungskatalog der Krankenkassen aufgenommen werden. Dazu gehört auch eine Kostenerstattung der medikamentösen Therapie.
Karin Brösicke, Dr. Wilfried Kunstmann
Bundes­ärzte­kammer
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1.
Batra A, Schütz CG, Lindinger P: Tabakabhängigkeit. In: Schmidt LG, Gastpar M, Falkai P, Gaebel W (Hrsg.): Evidenzbasierte Suchtmedizin. Behandlungsleitlinie Substanzbezogene Störungen. Deutscher Ärzte-Verlag 2006; 91–142.
2.
Statistisches Bundesamt 2006: Leben in Deutschland – Ergebnisse des Mikrozensus 2005; 64.
3.
Silagy C, Stead LF: Physicians advice for smoking cessation (Cochrane Review). In: The Cochrane Library, Issue 4/2002. Oxford: Update Software. Lancaster T, Stead LF 2004.
4.
Hoch E, Mühlig S, Höfler M, Sonntag H, Pittrow D, Wittchen HU: Raucherentwöhnung in der primärärztlichen Versorgung: Ziele, Design und Methoden der ,Smoking and Nicotine Dependence Awarness and Screening (SNICAS)‘-Studie. In: Suchtmed 2004; 6(1): 47–51.
5.
Twardella D, Brenner H: Lack of training as a central barrier to the promotion of smoking cessation: a survey among general practitioners in Germany. In: Eur J Public Health April 2005; 15: 140–5. MEDLINE
1. Batra A, Schütz CG, Lindinger P: Tabakabhängigkeit. In: Schmidt LG, Gastpar M, Falkai P, Gaebel W (Hrsg.): Evidenzbasierte Suchtmedizin. Behandlungsleitlinie Substanzbezogene Störungen. Deutscher Ärzte-Verlag 2006; 91–142.
2. Statistisches Bundesamt 2006: Leben in Deutschland – Ergebnisse des Mikrozensus 2005; 64.
3. Silagy C, Stead LF: Physicians advice for smoking cessation (Cochrane Review). In: The Cochrane Library, Issue 4/2002. Oxford: Update Software. Lancaster T, Stead LF 2004.
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