ArchivDeutsches Ärzteblatt8/2008Kinderärztliche Notfallversorgung: Wenn die Hilfesuche zur Odyssee wird

STATUS

Kinderärztliche Notfallversorgung: Wenn die Hilfesuche zur Odyssee wird

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Ein Unfall auf dem Spielplatz: In Zeiten, in denen ökonomische Zwänge die medizinische Versorgung prägen, kann es bis zur Erstbehandlung des Kindes dauern. Foto: vario images
Ein Unfall auf dem Spielplatz: In Zeiten, in denen ökonomische Zwänge die medizinische Versorgung prägen, kann es bis zur Erstbehandlung des Kindes dauern. Foto: vario images
Ein erschütternder Erfahrungsbericht eines Vaters

Es ist ein Samstag im Juni 2007, 16.15 Uhr. Ich befinde mich mit meinen Kindern auf einem Spielplatz. Es wird gespielt, gelacht, getobt und geturnt. Doch durch einen markerschütternden Schrei meiner kleinen Tochter, fünf Jahre alt, wird die Idylle jäh zerstört. Sie hat auf etwa 50 Zentimeter hohen Holzpflöcken balanciert und ist dabei ausgerutscht. Ungebremst landet sie mit dem Bauch auf den Holzpflock. Abfangen konnte sie sich nicht, denn die kleinen Arme und Beine sind einfach zu kurz. Sie schreit, wie ich es noch nie von ihr gehört habe, und lässt sich nicht beruhigen. Die Prell- und Schürfmarke des etwa zehn Zentimeter großen Durchmessers des Holzpflocks zeichnet sich deutlich auf der Bauchdecke ab. Wir entscheiden uns, unverzüglich in das Krankenhaus A in der Nachbarstadt zu fahren, denn dort gibt es auch eine Kinderstation. Und nun beginnt eine unfassbare Odyssee.

Im Krankenhaus A angekommen, widmen wir uns zunächst den bürokratischen Notwendigkeiten. Meine Tochter hat sich etwas beruhigt. Sie wirkt aber geschockt, teilnahmslos und von den Ereignissen überfordert. Die Notfallambulanz hat viel zu tun. Wir nehmen im Wartebereich Platz und hoffen, dass möglichst schnell ein Arzt wenigstens einen kurzen Blick auf meine Tochter wirft: eine erste Begutachtung, ob innere Organe verletzt wurden – einfach, ob was Schlimmeres passiert ist. Eine Stunde später ist noch nichts passiert. Wir sorgen uns, gehen aber davon aus, dass alles seine Richtigkeit hat. Andere Patienten wollen auch behandelt werden, Notfälle werden bestimmt korrekt priorisiert.

Nach zwei Stunden werden wir desillusioniert: Man teilt uns mit, dass ein Notfall reingekommen sei und die Ärzte sich nun darum kümmern müssten. Bei den Anwesenden gebe es ja offensichtlich keine Notfälle. Wer nicht noch weitere zwei bis drei Stunden warten wolle, solle ein umliegendes Krankenhaus aufsuchen. Unfassbar! Bis zu diesem Zeitpunkt hat noch niemand nach meiner Tochter geschaut. Woher nimmt der Mitteiler die Erkenntnis, dass hier keine Notfälle anwesend sind? Wir sind verzweifelt. Was nun?

Die nächste Idee: Ich rufe die Rettungsleitstelle an. Die können mir bestimmt sagen, was ich jetzt machen soll. Hier ist man zunächst auch überrascht, oder besser gesagt verwundert darüber, dass Krankenhaus A uns unbehandelt weitergeschickt hat. Wir sollen zur ärztlichen Notdienstzentrale kommen. Dort werde ein Arzt meine Tochter untersuchen. Aber auch hier ist viel los. Bei der Anmeldung erhalte ich die Auskunft, dass ich noch ein bisschen warten müsse – und den Hinweis, dass man hier gar nicht die Instrumente und Geräte habe, um meine Tochter gründlich untersuchen zu können. Uns wird empfohlen, das nächstgrößere Krankenhaus B anzufahren. Meine Tochter ist vor knapp drei Stunden schwer gestürzt, und bis jetzt kann mir noch niemand sagen, ob sie ernstlich verletzt ist!

Ein Hoffnungsschimmer: Nach nur eineinhalbminütiger Wartezeit im Krankenhaus B werden wir in den Untersuchungsraum für den Ultraschall geführt. Doch hier müssen wir wieder eine halbe Stunde warten. Es ist gerade ein Notfall angekommen: ein akuter Asthmaanfall. Dann kommt ein Arzt und untersucht endlich per Ultraschall den Bauchraum meiner Tochter. Die ist mittlerweile völlig irritiert. Das Untersuchungsergebnis ist für uns sehr besorgniserregend: Der Arzt erkennt „eine unklare Flüssigkeit“ an einer Niere, die er nicht deuten kann. Nun kommt aber für mich absolut unverständlich noch hinzu, dass der Arzt mir erklärt, dass er „normalerweise“ nur Erwachsene untersuche und sich bei den kleinen Organen der Kinder nicht so auskenne. Sicherheitshalber (?!) sollen wir die nächstgelegene Kinderuniklinik anfahren – sofort.

Also doch – es ist das eingetreten, was wir befürchtet hatten. Ich als medizinischer Laie schließe aus der Tatsache, dass eine Flüssigkeit im Bauchraum meiner Tochter festgestellt wurde, dass etwas Schlimmeres passiert ist. Warum sonst sollen wir unverzüglich zur Uniklinik fahren? Angst und Sorge nehmen zu. Der behandelnde Arzt schickt uns zunächst aber noch einmal zurück in den Warteraum der Unfallambulanz. Hier eröffnet uns eine Krankenschwester, dass für die Uniklinik erst noch ein Arztbrief geschrieben werden müsse. Das werde aber noch „etwas dauern“, weil die Ärztin anderweitig auf der Intensivstation beschäftigt sei. Das ist zu viel! Meine Tochter ist vor fast fünf Stunden gestürzt, und der Ultraschall zeigt eine unklare Flüssigkeit an der Niere. Ich bringe der Krankenschwester gegenüber sehr deutlich mein Unverständnis darüber zum Ausdruck. Ich werde hier keine Minute länger auf einen Arztbrief warten.

Nach kurzer Diskussion mit der Krankenschwester über für mich banale Formalitäten fahren wir ohne Arztbrief zur Uniklinik. Dort kommen wir gegen 22.00 Uhr an. An der Anmeldung erklären wir die Situation, werden aber trotzdem nicht von Anmeldeformalitäten verschont. In der Notaufnahme der Kinderklinik warten bereits drei Kinder. Aber nachdem wir der diensthabenden Krankenschwester den Sachverhalt und unsere Sorge erklären, kommen wir zügig dran. Erstmals an diesem Nachmittag oder Abend fühlen wir uns gut aufgehoben.

Um 22.30 Uhr wird von einem Facharzt der Ultraschall gemacht. Mit dem Nervenkostüm ist es nicht mehr zum Besten bestellt, und in großer Sorge warten wir auf das Ergebnis der Untersuchung. Aber wir können aufatmen. Der Arzt im Krankenhaus B hat etwas falsch gedeutet. Es sind keine inneren Organe verletzt. Außer der oberflächlichen Abschürfung und der Prellung der Bauchdecke ist nichts Schlimmeres passiert, und wir können beruhigt nach Hause fahren. Als wir mit unserer nun im Auto eingeschlafenen Tochter zu Hause ankommen, ist es 0.15 Uhr.

In meinen Ausführungen habe ich bewusst keine Daten oder Namen eingebracht, weil ich niemanden denunzieren will. Eine medizinische Beurteilung des Dilemmas liegt mir fern. Nein, ich möchte ausschließlich um Verständnis für besorgte Eltern bitten und mein Unverständnis über sechs Stunden banger Ungewissheit zum Ausdruck bringen. Ärztinnen und Ärzte, die sich angesprochen fühlen, aber auch Krankenhausleitungen und Politiker, sollten ihr Möglichstes tun, um medizinische Notfallodysseen, wie die hier geschilderte, zum Einzelfall werden zu lassen. Die kinderärztliche Notfallversorgung scheint mir in vielen Regionen nicht (mehr) optimal geregelt zu sein.
Ein besorgter Vater*

* Der Verfasser ist der Redaktion namentlich bekannt.

Kommentare

Die Kommentarfunktion steht zur Zeit nicht zur Verfügung.

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote