SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Brief an mein Stethoskop

Dtsch Arztebl 2008; 105(8): [108]

Böhmeke, Thomas

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Sehr geehrtes Stethoskop,

seit nunmehr zwei Jahrzehnten baumeln Sie an mir. Ich könnte nicht sagen, dass Ihre äußere Gestalt ein Freudenfest auf der Netzhaut wäre, halte ich Sie doch für eine Kreuzung zwischen einer Mamba und einem Hammerhaikopf, der im Rahmen einer Tankerkollision flach geklopft wurde. Dafür erheischen Sie bei unseren Mitmenschen, wie ebendiese Tierarten, jede Menge Respekt, was allerdings im Gegensatz zu Ihrer diagnostischen Leistungsfähigkeit steht. Im Grunde ist Ihre Unfähigkeit, hinreichend exakte Diagnosen zu stellen, schuld an dieser Flut von Röntgengeräten, Computertomogrammen, Szintigrafien und so weiter. Wenn Sie nur ein bisschen besser wären, könnten wir auf all dieses Zeugs verzichten und uns sogar vor Strahlenschutzkursen drücken. Auf der anderen Seite sind Sie nicht kleinzukriegen. Keine Arztserie kommt ohne Sie als plakatives Deko aus, als lässig um den Hals geschwungenes Billigteil oder konservativ in der Kitteltasche getragenen, höchsten Intellekt signalisierenden Doppelschlauch. Niemand will auf Sie verzichten, Ihr Ruf ist praktisch unzerstörbar. Jede Schokolade, jede Strumpfhose würde nach solch einer Markenidentität lechzen. Sie glauben mir nicht? Haben Sie denn schon mal jemanden mit „Sie Stethoskop!“ beschimpft? Noch nicht einmal zu Kraftwörtern taugen Sie, so gut ist Ihr Ruf. Sie sind dermaßen untadelig, dass Sie schon wieder langweilig sind. Leider geht es nicht ohne Sie. Sie sind wie die Nebenwirkung, die jedes Medikament adelt. Sie sind wie der Strahlenspätschaden, der jede Röntgenaufnahme und jeden Interkontinentalflug einzigartig und kostbar macht. Na gut, so schnell verschwinden Sie nicht aus meiner Praxis. Auch wenn mein Verhältnis zu Ihnen so dissonant ist wie das Kratzen einer Pleuritis sicca.
Ihr T. Böhmeke


Sehr geehrter Herr Doktor Böhmeke,

nachdem Sie mich in kakofoner Weise beschimpft haben, möchte ich Sie höflichst daran erinnern, dass Sie immer wieder froh darüber waren, dass Sie mittels meiner Hilfe sich ein wenig Distanz zu olfaktorisch bedenklichen Patienten verschaffen konnten. Wie häufig, sehr geehrter Herr Doktor Böhmeke, unterbrachen Sie unerwünschte Diskussionen mit Ihren Patienten, indem Sie mich einfach in Ihre Ohren stöpselten? Außerdem war ich eines der wenigen diagnostischen Instrumente, die noch funktionierten, wenn bei Ihnen mal der Strom ausfiel. Geben Sie es doch zu: Egal, ob Pneumonie, AV-Fistel, Aortenstenose oder Lungenstauung – ich bringe Sie doch erst mal auf die richtige Tonspur. Insofern bin ich taub für Ihre Kritik. Ich könnte Ihnen jetzt böse sein, mich durch Ihren Affront geschlaucht fühlen. Ich könnte durch Verstopfung meiner inneren Hörwege abgeschwächte Atemgeräusche vortäuschen. Dies könnte einen Menschen wie Sie, der über eine ohrenscheinlich mindere akustische Auffassungsgabe verfügt, sicher in ernsthafte Schwierigkeiten stürzen. Das tue ich aber nicht. Daher will ich Ihrem ohrensichtlichen Banausentum einmal auf die Quartensprünge helfen: Mich dürfen Sie gebrauchen, ohne dass Sie regelmäßige Wochenendlehrgänge zu absolvieren haben, einschließlich qualitätskontrollierter Prüfungen. Keine externen Auditoren fallen regelmäßig über Sie her, um zu überprüfen, ob Sie beim Abhorchen gehorchen. Und das bekommen Sie doch kaum noch von einem diagnostischen Gerät geboten, nicht wahr?

Ich bin mir sicher, damit ist unsere Beziehung wieder im Einklang.

Ihr Stethoskop

Dr. med. Thomas Böhmeke ist
niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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