ArchivDeutsches Ärzteblatt9/1996Die DDR in der Ära Honecker: eine kommode Diktatur?

POLITIK: Aktuell

Die DDR in der Ära Honecker: eine kommode Diktatur?

Müller, Klaus-Dieter

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LNSLNS Je weiter die Wende und die konkrete Erinnerung an die DDR zurückliegen, desto mehr haben sich Tendenzen anscheinend verstärkt, die untergegangene DDR entweder totzuschweigen oder in einem merkwürdig milden Licht zu betrachten. Eigentlich sei die DDR doch eher eine kommode Diktatur gewesen (Günter Grass), eine Nischengesellschaft (Günter Gaus) denn eine strenge Diktatur. Viele würden sicher zugestehen, daß in der sowjetischen Besatzungszeit und in den ersten Jahren vielfach brutale Verfolgung betrieben wurde – aus welchen Gründen auch immer –, doch in den 70er und 80er Jahren?
Übersehen wird dabei, daß auch in den 70er und 80er Jahren
l Stasi- und Spitzelapparat weiter in monströser Weise ausgedehnt wurde;
l Tausende von Biographien "zersetzt" (so der Ausdruck der Stasi) wurden oder berufliche Karrieren aus politischen Gründen abbrachen, ohne daß der einzelne die Hintergründe durchschaute;
l Hunderttausende Ausreiseanträge stellten und dafür gemaßregelt wurden;
l Tausende über die Grenzen zu fliehen versuchten und dafür mit Haftstrafen belegt wurden;
l innerdeutsche Entspannung von verschärfter ideologischer Abgrenzung begleitet war.
Wie war die Wirklichkeit in der Ära Honecker? In welchem Maße fanden dort welche politischen Verfolgungen statt? Welche Verhaltensmöglichkeiten hatte der einzelne dort? Hatten Ärzte besondere Bedingungen? War Opposition weniger gefährlich als früher? War Widerstand weniger gefährlich, vielleicht sogar weniger notwendig? Schritt man – wie oftmals behauptet wird – relativ leichtfertig oder gar bewußt und gezielt zur "Republikflucht" in dem Bewußtsein, so nach nur einigen Monaten Haft auf jeden Fall freigekauft zu werden? Läßt sich die Verfolgung in der Ära Honecker überhaupt sinnvoll mit der in der ersten Phase der DDR vergleichen? In welchem Maße hielt sich die DDR an internationale Standards, zum Beispiel in ihrem Strafvollzug und ihrem Haftgesundheitswesen? Was war die DDR in der Ära Honecker, als sie nach dem Abschluß des Grundlagenvertrages und internationaler Anerkennung ein scheinbar stabiler zweiter deutscher Staat geworden war?
Solche Fragen sollen in dem Projekt "Untersuchungen zur politischen Verfolgung in der Ära Honecker" unter Leitung des Autors untersucht werden. Manche Leser mögen sich daran erinnern, daß 1992 – ebenfalls unter Leitung des Verfassers – an der Universität Hannover mit Unterstützung der Bundes­ärzte­kammer sowie der Ludwig-Sievers-Stiftung und der Hans-Neuffer-Stiftung ein Forschungsprojekt begonnen hatte, welches sich mit dem politischen Verhalten von Ärzten und speziell deren politischer Unterdrückung in der SBZ und DDR befaßte ("Ärztliches Handeln und politische Verfolgung von Ärzten in der SBZ und DDR"). Erste Ergebnisse sind 1994 unter anderem in der Monographie "Zwischen Hippokrates und Lenin. Gespräche mit ost- und westdeutschen Ärzten aus der SBZ und DDR" im Deutschen Ärzte-Verlag veröffentlicht worden.
Das oben skizzierte neue Projekt steht im Zusammenhang mit einem übergreifenden Veröffentlichungsvorhaben des Bundesinnenministeriums zum Thema "Am Ende des realen Sozialismus – Beiträge zu einer Bestandsaufnahme des SED-Regimes", in dem 1997 erste Ergebnisse veröffentlicht werden sollen.
Ziel des Vorhabens ist es, Aussagen und Erkenntnisse über Formen und Mechanismen politisch motivierter Unterdrückungsmaßnahmen zu gewinnen. Es geht insbesondere um Haft und Hafterfahrungen sowie um alle Formen politischer Unterdrückung im Vorfeld von Inhaftierungen. Fragebögen sind bereits an Teilnehmer des früheren Projektes verschickt worden. Die Bundes­ärzte­kammer unterstützt das Anliegen auch dieses neuen Projektes. Leser, die sich damals nicht beteiligt haben, aber zu dem beschriebenen Personenkreis gehören und bereit zur Auskunft (Fragebogen und/oder Interview) sind, werden gebeten, sich direkt beim durchführenden Institut zu melden und einen Fragebogen anzufordern:
1 Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung an der TU Dresden, Forschungsprojekt "Verfolgung in der Ära Honecker", Mommsenstraße 13, 01062 Dresden, Telefon 03 51/4 63 28 02, Fax 03 51/ 4 63 60 79.
Dr. Klaus-Dieter Müller
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