ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2008Randnotiz: Scham – das tägliche Tabu

AKTUELL

Randnotiz: Scham – das tägliche Tabu

Dtsch Arztebl 2008; 105(9): A-429 / B-385 / C-381

Korzilius, Heike

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS „Sie können sich schon mal frei machen.“ Ein alltäglicher Satz in deutschen Arztpraxen. Wer denkt schon über seine Folgen nach? Patientinnen und Patienten legen ihre Kleidung ab, sitzen halbnackt in kühlen Sprechzimmern und warten auf ihre Untersuchung. Wenn sie Pech haben, schauen in größeren Abständen wechselnde Sprechstundenhilfen hinein und wundern sich, dass die Ärztin oder der Arzt noch immer nicht erschienen sind. Die Frage, ob die Nacktheit oder die Exponiertheit den Patienten peinlich sein könnte, stellt man sich lieber nicht. Das kostet Zeit, und Zeit ist Geld.

Doch auch Ärztinnen und Ärzte sind ebenso wie ihre Helferinnen nicht ohne Schamgefühl. Anblicke,Gerüche oder Themen können unangenehm sein und dadurch das Verhältnis zum Patienten belasten. Doch thematisiert wird dies kaum. Von den Gesundheitsberufen erwartet man Professionalität, sprich das ungerührte Hinnehmen solcher Situationen. Vom Patienten erwartet man die stille Duldung. Ihm oder ihr wird schließlich geholfen.

Scham ist das am meisten tabuisierte Gefühl, zitiert die „Taz“ den Ethnologen Hans Duerr, obwohl es zum menschlichen Wesen dazugehört. Dem Thema wollte sich auch eine Tagung der Caritas-Akademie für Gesundheits- und Sozialberufe in Freiburg widmen. Zielgruppe waren Ärzte, Pflegekräfte und Studierende. Eine Auseinandersetzung mit dem Schamgefühl in Medizin und Pflege sollte das Ziel sein. 3 000 Einladungen wurden laut „Taz“ verschickt, doch nur neun Personen sagten ihre Teilnahme zu. Die Tagung wurde abgesagt. Es ist das Verdienst der alternativen Tageszeitung aus Berlin, dass dennoch über das Thema berichtet wurde.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema