ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2008Neuer „Darmrezeptor“ für HIV entdeckt

AKTUELL

Neuer „Darmrezeptor“ für HIV entdeckt

Dtsch Arztebl 2008; 105(9): A-430 / B-386 / C-382

Meyer, Rüdiger

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Die rasche Ausbreitung von HI-Viren im Darm wird durch einen Rezeptor gefördert, der Immunzellen miteinander „verkettet“. Die in Nature Immunology 2008; doi:10.1038/ni1566, publizierten Erkenntnisse könnten zu neuen Ansätzen in der Therapie führen. HI-Viren docken mit dem Glykoprotein (GP) 120 an Oberflächenstrukturen der Immunzellen an. Als erster dieser HIV-Rezeptoren wurde 1984 das CD4-Molekül entdeckt. Es folgten 1997 die Korezeptoren CCR5 und CXCR4. Varianten in CCR5 erklären, warum einige Menschen die Infektion ohne Immunschwäche überstehen.

Jetzt beschreibt die Gruppe um Anthony Fauci, dem Leiter des National Institute of Allergy and Infectious Diseases in Bethesda/USA, einen weiteren HIV-Rezeptor. Er könnte erklären, warum sich die HI-Viren im Darm, wo das „gut associated lymphoid tissue“ (GALT) die Abwehr von Krankheitserregern über die Nahrung organisiert, so schnell ausbreiten. Gleich nach einer Infektion kommt es zu einer extensiven Infektion im GALT, das einige Experten sogar als den primären Ort der HIV-Replikation ansehen. Der Grund für die rasche Vermehrung könnte in der Abfolge von drei Aminosäuren im GP 120 liegen.

„Virologische Synapsen“
Ein Tripeptid erkennt dort das Molekül Integrin alpha-4 beta-7 auf der Oberfläche von CD4-positiven T-Zellen im Darm. Die Bindung von HIV an diesem „Darmrezeptor“ führt zur Aktivierung von LFA-1, einem anderen Integrin, das in der Lage ist, einzelne Immunzellen miteinander zu verknüpfen. Über diese Verbindungen können sich die Viren dann besonders rasch ausbreiten. In Analogie zum Nervensystem sprechen die Forscher von „virologischen Synapsen“. Die Forschungsergebnisse erklären nicht nur die rasche Ausbreitung von HIV im Darm. Sie bieten auch Ansatzpunkte für neue Medikamente. Es befindet sich derzeit eine Reihe von Wirkstoffen gegen Integrin-alpha-4-beta-7-Rezeptoren in der klinischen Entwicklung. Angestrebtes Einsatzgebiet sind Autoimmunerkrankungen. Denn die Abwehrzellen nutzen die Integrine, um den Blutkreislauf zu verlassen und beispielsweise in das Gehirn überzutreten.

Dies ist beispielsweise bei Natalizumab der Fall, das zur Behandlung der multiplen Sklerose eingesetzt wird. Natalizumab wird auch als Alpha-4-Integrin-Inhibitor bezeichnet und ist ein IgG4-Antikörper. Die Entdeckung der US-Forscher könnte dazu führen, dass die Wirkung dieser Medikamente auch bei HIV-Patienten untersucht wird. Rüdiger Meyer
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema