ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2008Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie: „Es hat sich ein Wandel im Denken vollzogen“

POLITIK

Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie: „Es hat sich ein Wandel im Denken vollzogen“

Dtsch Arztebl 2008; 105(9): A-433 / B-389 / C-385

Korzilius, Heike

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Der Freizeitcharakter darf bei ärztlichen Fortbildungen nicht im Vordergrund stehen.
Der Freizeitcharakter darf bei ärztlichen Fortbildungen nicht im Vordergrund stehen.
Über ein ethisch einwandfreies Pharmamarketing will der FSA wachen. Der Jahresbericht 2007 belegt seiner Ansicht nach die erfolgreiche Arbeit des Vereins.

Zur Fortbildung im Spreewald hatte das Pharmaunternehmen Novartis im vergangenen Jahr 24 Ärzte samt Begleitung eingeladen. Doch angesichts des üppigen Rahmenprogramms mit Kahnfahrt und Grillparty geriet die Wissenschaft ins Hintertreffen. Diese dubiose Art des Pharmamarketings kommt das Unternehmen jetzt teuer zu stehen. Der Verein Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie (FSA), dessen Mitglied Novartis ist, hat ein Ordnungsgeld von 50 000 Euro verhängt – Imageschaden inklusive. Denn der Verhaltenskodex des Kontrollgremiums sieht vor, dass Ärztinnen und Ärzte nur noch dann zu Reisen eingeladen werden dürfen, wenn der berufsbezogene wissenschaftliche Charakter der Veranstaltung eindeutig im Vordergrund steht. Noch nicht entschieden hat der FSA über Vorwürfe, wonach Novartis auch mit hohen Honoraren Einfluss auf die Therapieentscheidungen von Ärzten genommen haben soll. Das Unternehmen hat die vom FSA verhängte Strafe akzeptiert.

„Der Fall Novartis zeigt, dass sich in der Branche ein Wandel im Denken vollzogen hat“, sagt der FSA-Geschäftsführer, Michael Grusa. Die gegenseitige Kontrolle der Wettbewerber untereinander funktioniere. Und das Argument, dass der Verhaltenskodex ein Wettbewerbsnachteil für diejenigen Firmen sei, die sich daran hielten, habe inzwischen ausgedient.

Verein mit 120 Mitgliedern
Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der Beanstandungen, die der FSA bearbeitet hat, um 20 Prozent von 50 auf 62 gestiegen. Das belegt der Jahresbericht 2007, den der Verein Anfang März veröffentlichen wird. Abgeschlossen wurden im vergangenen Jahr 34 Verfahren, von denen 23 mit einer Abmahnung oder einem Urteil endeten. Elf Verfahren wurden eingestellt.

„Das ist eine positive Entwicklung“, findet Grusa. „Sie verdeutlicht das Streben nach ethisch einwandfreiem Pharmamarketing.“ Erfreulich sei zudem, dass die Hälfte der Beanstandungen von Dritten eingereicht worden sei. Das belege, dass der FSA und sein Anliegen auch von der Öffentlichkeit aktiv unterstützt würden. Ärztinnen und Ärzte seien für fünf Prozent der Meldungen verantwortlich, erklärt Grusa gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.

Seit der Verein, dem inzwischen 120 Pharmaunternehmen angehören, im Jahr 2004 seine Arbeit aufgenommen hat, sind – wie im Fall Novartis – die Fortbildungen für Ärztinnen und Ärzte ein Schwerpunktthema. Dabei urteilt der FSA über die Angemessenheit des Tagungsorts, die Hotelauswahl, die Bewirtung oder das Rahmenprogramm. Zugenommen hat nach Angaben von Grusa die Zahl der Fälle, in denen sich der Verein mit Anwendungsbeobachtungen (AWB) beschäftigen musste. „Was die angemessene Vergütung betrifft, empfehlen wir eine Orientierung an der Amtlichen Gebührenordnung für Ärzte“, sagt Grusa. „Da haben wir jetzt eine klare Vorgabe.“ Inzwischen erhalte der Verein aber auch zunehmend Beschwerden über das mangelhafte Studiendesign vieler AWB. So hat der FSA im vergangenen Jahr entschieden, dass die Durchführung von Anwendungsbeobachtungen zur Umsatzsteigerung einen schwerwiegenden Verstoß gegen den Kodex darstellt und ein Ordnungsgeld von 50 000 Euro rechtfertigt. Außerdem dürfen Ärztinnen und Ärzte durch das Design einer AWB in ihrer Therapieentscheidung nicht beeinflusst werden. In einer dritten Beanstandung stellt der FSA fest, dass AWB unzulässig sind, wenn aus der Erhebung keine konkreten wissenschaftlichen Daten gewonnen werden können.

Konkurrenz im Kontrollmarkt
Anfang dieses Jahres hat in Berlin ein zweites Gremium zur freiwilligen Selbstkontrolle seine Arbeit aufgenommen. Der Verein Arzneimittel und Kooperation im Gesundheitswesen (AKG) geht auf eine Initiative des Bundesverbandes der Pharmazeutischen Industrie (BPI) zurück und hat sich das Motto „Prävention vor Sanktion“ auf die Fahnen geschrieben. „Das Ziel war nicht, eine Selbstkontrolle light einzuführen“, betont BPI-Sprecher Wolfgang Straßmeir gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. „Wir verfolgen das gleiche Ziel wie der FSA.“ Man wolle vor allem kleinen und mittelständischen Firmen Beratung und Service in einem größeren Umfang anbieten, als dies der FSA geleistet habe. Ende März wird die erste Mitgliederversammlung des AKG ein Schiedsverfahren beschließen.
Heike Korzilius
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