ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2008111. Deutscher Ärztetag vom 20. bis 23. Mai 2008 in Ulm: Öffentliche Einladung an die Ärztinnen und Ärzte in Deutschland

POLITIK

111. Deutscher Ärztetag vom 20. bis 23. Mai 2008 in Ulm: Öffentliche Einladung an die Ärztinnen und Ärzte in Deutschland

Dtsch Arztebl 2008; 105(9): A-434 / B-390 / C-386

Hoppe, Jörg-Dietrich

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: Familie Farr Das Ulmer Münster: 768 Stufen führen über drei Aussichtsplattformen vorbei an 13 Glocken bis in die Spitze des höchsten Kirchturms der Welt. 1890, nach 10-jähriger Bauzeit, wurde der Turmbau vollendet.
Foto: Familie Farr Das Ulmer Münster: 768 Stufen führen über drei Aussichtsplattformen vorbei an 13 Glocken bis in die Spitze des höchsten Kirchturms der Welt. 1890, nach 10-jähriger Bauzeit, wurde der Turmbau vollendet.
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
die Strukturen der ärztlichen Versorgung haben sich in den vergangenen zwei Jahren rasant verändert. Durch das GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz ist zwar tatsächlich mehr Preiswettbewerb in das Gesundheitswesen eingezogen, aber auch mehr Versorgungsunsicherheit. Die kollektivvertragliche Absicherung der Versorgung ist infrage gestellt, wenn Krankenkassen bewusst die Kassenärztlichen Vereinigungen außen vor lassen, um selektive Verträge abzuschließen. Die Patienten sind auf diese neue Situation nicht vorbereitet. Weder die Politik noch die Krankenkassen spielen hier mit offenen Karten. Wichtig aber wäre es, den Patientinnen und Patienten ehrlich zu sagen, dass im neuen System vertragsärztlicher Bindungen die bisherige Versorgungsdichte wie auch die freie Arztwahl nicht mehr in dem gewohnten Maß gewährleistet werden können.

Standortbestimmung der Ärzteschaft
Wir werden auf dem 111. Deutschen Ärztetag in Ulm Zeit und Gelegenheit haben, uns intensiv mit den veränderten Rahmenbedingungen ärztlicher Tätigkeit zu befassen. Seit dem sogenannten Blauen Papier von 1994 wurden allein fünf Gesundheitsreformen beschlossen. Immer wieder sind dadurch neue Erschwernisse auf uns Ärztinnen und Ärzte zugekommen. Deshalb ist es an der Zeit, vor dem Hintergrund einer sorgfältigen Bestandsanalyse eine grundsätzliche, programmatische Standortbestimmung der Ärzteschaft vorzunehmen. Wie auf dem 110. Deutschen Ärztetag verabredet, wird die Bundes­ärzte­kammer den Entwurf gesundheitspolitischer Leitsätze zur Beratung und Verabschiedung vorlegen. Ich freue mich auf eine gleichermaßen lebendige wie konstruktive Debatte, an deren Ende ein auch für die Politik wegweisendes „Ulmer Papier“ stehen könnte.

Das „Ulmer Papier“ sollte auch ein Dokument der Geschlossenheit sein. Wir Ärztinnen und Ärzte müssen unter den neuen Rahmenbedingungen mehr als zuvor darauf achten, dass nicht einzelne Gruppen der Ärzteschaft gegeneinander ausgespielt werden. Hausärzte wie Fachärzte sollten gemeinsam im Interesse der Patienten auf Strukturen hinwirken, die nach wie vor eine gleichmäßige und wohnortnahe Versorgung der Bevölkerung ermöglichen. Wir müssen gemeinsam daran arbeiten, dass die partielle Unterversorgung nicht zum Dauerzustand gerät.

Die Gesellschaft des langen Lebens und die Entwicklung hin zu einer Single-Gesellschaft erfordern gleichermaßen eine kontinuierliche Betreuung des Patienten durch eine qualifizierte hausärztliche Versorgung wie auch eine starke fachärztliche Versorgung.

Radikaler Umbruch im Kliniksektor
Gerade die steigende Zahl älterer Menschen macht auch eine wohnortnahe fachärztliche Versorgung notwendig, zumal nach der Finanzierungsumstellung im Kliniksektor auf diagnosebezogene Fallpauschalen wohnortnahe Krankenhäuser immer seltener werden. Das System der Krankenhausfinanzierung über diagnosebezogene Fallpauschalen (DRGs) hat einen radikalen Umbruch im Kliniksektor eingeleitet. Krankenhäuser, die sich nicht schnell genug den neuen Wettbewerbsstrukturen anpassen, drohen unterzugehen oder übernommen zu werden.

Die Gewährleistung einer wohnortnahen und leistungsfähigen Krankenhausversorgung im Sinne der Daseinsfürsorge muss deshalb weiterhin eine öffentliche Aufgabe bleiben. Die Neuausrichtung des ordnungspolitischen Rahmens darf zu keiner Einschränkung der ärztlichen Therapiefreiheit führen. Spätestens mit dem Ende der DRG-Konvergenzphase zum 1. Januar 2009 muss die Abschaffung der Grundlohndeckelung der Krankenhausbudgets erfolgen.

Die finanziellen und personellen Ressourcen sind einfach nicht mehr ausreichend, um das derzeit noch hohe Niveau der Versorgung aufrechtzuerhalten. Das gilt gleichermaßen für die medizinische wie pflegerische Versorgung. Ein Blick auf die Fallzahlstatistik genügt, um die Dimension des Problems zu erkennen. Wurden im Jahr 1991 noch 14,5 Millionen Patienten in den Krankenhäusern behandelt, so waren es im Jahr 2006 schon 16,8 Millionen – eine Zunahme von 2,3 Millionen Behandlungsfällen (bei gleicher Bevölkerungszahl). Zugleich ging die durchschnittliche Verweildauer der Patienten kontinuierlich zurück, von 14 Tagen im Jahr 1991 auf 8,5 Tage im Jahr 2006. Das bedeutet: In immer kürzerer Zeit werden immer mehr Patienten stationär behandelt.

Die Politik hat einen Preiswettbewerb initiiert, der zu einem spürbaren Abbau des bisherigen Versorgungsniveaus geführt hat und maßgeblich auch den Ärztemangel bedingt. Engpässe in der hausärztlichen Versorgung sind in ländlichen Regionen bereits spürbar. Bei der Behandlung und Betreuung von Demenzkranken müssen wir schon jetzt von einer Unterversorgung sprechen. Dabei steht uns die eigentliche Herausforderung erst noch bevor, wenn die Experten recht behalten, die einen rasanten Anstieg in den nächsten zwei bis drei Jahrzehnten prognostizieren. Von den 75- bis 78-Jährigen sind circa zwölf Prozent, von den 80- bis 90-Jährigen ein Viertel und von den über 90-Jährigen schon die Hälfte von Demenzen betroffen. Bei einer moderaten Steigerung der Lebenserwartung ist bis zum Jahr 2040 mit einer Erhöhung um etwa 120 Prozent beziehungsweise mit einer Gesamtzahl von 2,2 Millionen Fällen von Demenz zu rechnen. Sollte es einen Durchbruch in der Behandlung von Krebs oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen geben, könnte diese Zahl sogar bis auf drei Millionen anwachsen. Darauf ist unser Gesundheitswesen nicht vorbereitet. Der Ulmer Ärztetag wird sich deshalb in einem eigenen Tagesordnungspunkt mit der „Situation von pflegebedürftigen Menschen am Beispiel der Demenzkranken“ befassen und dabei neben der pflegerischen auch die ambulante medizinisch-psychiatrische Versorgung in den Blick nehmen.

Ein weiteres wichtiges Thema in Ulm wird die Auseinandersetzung mit der ärztlichen Berufsrolle sein. Die neuen Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen, zum Beispiel zunehmender Wettbewerbs- und Wirtschaftlichkeitsdruck, erfordern eine Klärung und Standortbestimmung der ärztlichen Identität mit Blick auf die vor uns liegenden Aufgaben und Anforderungen. Welche Spielräume, aber auch Grenzen für Delegation und Substitution ärztlicher Leistungen eröffnen sich überhaupt? Welche eigenen Konzepte hat die Ärzteschaft, um dem Versorgungsbedarf der Zukunft gerecht zu werden? Was gilt es zu bewahren und neu zu profilieren? Welche Anforderungen und Kompetenzen müssen angesichts neuer Versorgungsbedarfe ausgebaut und weiterentwickelt werden?

Eine intensive Diskussion verspricht auch der Tagesordnungspunkt „Auswirkungen der Telematik und elektronischen Kommunikation auf das Patient-Arzt-Verhältnis“. Der 110. Deutsche Ärztetag in Münster gelangte zu der Auffassung, dass die elektronische Kommunikation auch im Gesundheitswesen in absehbarer Zeit zu einer selbstverständlichen Form der Kommunikation werden wird. Die Einführung des elektronischen Arztausweises durch die ärztliche Selbstverwaltung wurde unterstützt, die Einführung einer elektronischen Gesundheitskarte in der bisher vorgestellten Form jedoch abgelehnt und eine völlige Neukonzeption des Projektes gefordert.

Neue Technologien nur zum Wohl der Patienten
Dem Vorstand der Bundes­ärzte­kammer erscheint es notwendig, innerhalb der Ärzteschaft einen Grundkonsens über die Bedingungen für den Einsatz neuer elektronischer Informations- und Kommunikationstechnologien zu erzielen und die innerhalb der Ärzteschaft teilweise sehr kontrovers und leidenschaftlich diskutierten Positionen im Sinne einer auch künftig am Wohl der Patienten ausgerichteten Medizin zusammenzuführen.

Ich hoffe, dass Sie am Rande der Arbeitstagungen des Ärztetages Zeit finden, in Ulm und um Ulm herum die Reize der Stadt und der Umgebung kennenzulernen. Nehmen Sie sich Zeit für einen ausgedehnten Spaziergang in der ehemaligen Reichsstadt Ulm mit dem weltbekannten Ulmer Münster. Ulm, in der so berühmte Persönlichkeiten wie das Physik-Genie Albert Einstein geboren wurden und viele berühmte Kollegen wie Johannes Scultetus nachhaltig wirkten.

Wenn neben den Delegierten und den Vertreterinnen und Vertretern ärztlicher Organisationen und Verbände möglichst viele Ärztinnen und Ärzte aus allen Regionen Deutschlands am 111. Deutschen Ärztetag in Ulm teilnehmen können, würde mich das sehr freuen.

Mit den besten Wünschen und einem herzlichen Gruß


Ihr




Prof. Dr. med. Dr. h. c.
Jörg-Dietrich Hoppe
Präsident der Bundes­ärzte­kammer und des Deutschen Ärztetages

Eröffnungsveranstaltung
Dienstag, 20. Mai 2008, 10.00 Uhr
CongressCentrum Ulm, Einsteinsaal, Basteistraße 40,
89073 Ulm

Programmablauf
1. Begrüßung durch die Präsidentin der Lan­des­ärz­te­kam­mer Baden-Württemberg
2. Grußansprachen
3. Totenehrung
4. Verleihung der Paracelsus-Medaille der deutschen Ärzteschaft
5. Referat des Präsidenten der Bundes­ärzte­kammer
und des Deutschen Ärztetages
6. Nationalhymne (Musikalische Umrahmung)

Empfang: im Anschluss um circa 13.00 Uhr
Empfang für die Delegierten, Teilnehmerinnen und
Teilnehmer sowie Gäste des 111. Deutschen Ärztetages
im Foyer des CongressCentrums in Ulm
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema