ArchivDeutsches Ärzteblatt9/200828. Deutscher Krebskongress: Flächendeckende Versorgung nach standardisierten Regimen gefordert

MEDIZINREPORT

28. Deutscher Krebskongress: Flächendeckende Versorgung nach standardisierten Regimen gefordert

Dtsch Arztebl 2008; 105(9): A-446 / B-398 / C-394

Zylka-Menhorn, Vera; Siegmund-Schultze, Nicola

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LNSLNS Die Deutsche Krebsgesellschaft und die Deutsche Krebshilfe legen ein Förderprogramm für den Aufbau zertifizierter „Klinischer Krebszentren“ auf. Die Anbindung der niedergelassenen Ärzte hat hierbei Priorität.

Druckfrisch lagen zum Auftakt des 28. Deutschen Krebskongresses in Berlin die aktuellen Zahlen zur Krebsinzidenz in Deutschland vor. Danach sind im Jahr 2004, dem letzten Jahr der Erhebung, 436 000 Personen neu an Krebs erkrankt und 208 000 an den Folgen verstorben. Während bei Frauen mit 57 000 Neuerkrankungen das Mammakarzinom dominierte, war es bei den Männern das Prostatakarzinom (58 000). An zweiter und dritter Stelle folgen jeweils Darm- und Lungenkrebs (Grafik). Die Zahlen basieren auf Angaben der Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister. Verglichen mit der letzten Erhebung im Jahr 2002 blieb die Gesamtzahl der Krebsneudiagnosen bei Frauen konstant, wobei die Zahl der neu entdeckten Mammakarzinome und der Schilddrüsen- und Lungentumoren bei Frauen zugenommen, die der Magen-, Eierstock- und Zervixkarzinome abgenommen hat, ebenso wie die der Leukämien. Bei Männern stieg die Zahl der Krebsneuerkrankungen um etwa 12 000, davon entfielen etwa 10 000 auf das Prostatakarzinom. Den Hauptgrund für die Zunahme der Prostatakarzinome sehen die Epidemiologen darin, dass Männer zur Früherkennung häufiger das prostataspezifische Antigen bestimmen lassen.

„Obwohl die Überlebenschancen für viele Tumorarten sich in den letzten Jahren erheblich verbessert haben, werden schon aufgrund der sich verändernden Altersstruktur der Bevölkerung die Krebserkrankungen weiter zunehmen“, sagte der Präsident der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG), Prof. Dr. med. Michael Bamberg (Tübingen). Die derzeitigen Strukturen der Versorgung würden diesem Trend nicht gerecht. Es sei kein Geheimnis, dass Krebspatienten innerhalb Deutschlands sehr unterschiedlich behandelt würden. „Doch alle Karzinompatienten haben das Recht auf eine bestmögliche Versorgung, unabhängig von Wohnort, Alter und Versicherungsstatus“, so Bamberg.

Um die Weichen für die Zukunft zu stellen, müssten die Strukturen der Krebsversorgung optimiert und auf ein einheitliches Niveau gebracht werden, damit jeder Krebspatient nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen diagnostiziert und therapiert werden könne. Hatte man in den letzten Jahren die Etablierung von Spitzenzentren (Comprehensive Cancer Centers) und Organzentren vorangetrieben, so soll jetzt der Schwerpunkt stärker auf der engen Einbindung der niedergelassenen Ärzteschaft in die Versorgungsprozesse liegen. Als dritte strukturelle Säule neben den Spitzenzentren und den Organzentren wollen DKG und Krebshilfe nunmehr „Klinische Krebszentren“ etablieren: „In diesen Zentren soll die Krankenversorgung – auf dem Niveau und nach den Kriterien der Spitzenzentren – im Vordergrund stehen, und zwar auch unter dem Aspekt der psychoonkologischen Betreuung, der Schmerz- und Palliativmedizin“, erläuterte Bamberg. Außerdem sei eine enge Kooperation mit den bestehenden und im Aufbau befindlichen Tumorregistern geplant.

Zwölf Prostatakrebszentren sind neu zertifiziert
„Die genaue Zahl Klinischer Krebszentren steht noch nicht fest, aber wir werden wohl circa 100 solcher Zentren benötigen, damit jeder Patient nicht mehr als etwa eine Stunde unterwegs ist. Was wir nicht wollen, sind mehr als 500 verschiedene Tumorzentren, wie das im Moment der Fall ist“, betonte der Hauptgeschäftsführer der Krebshilfe, Gerd Nettekoven (Bonn). Ziel müsse es sein, auf dieser Ebene möglichst viele niedergelassene Ärzte einzubinden. Grundsätzlich seien aber Krankenkassen und Politik in der Pflicht, so Nettekoven. Erste Gespräche über die Etablierung der Klinischen Krebszentren mit der Politik sollen in den nächsten Wochen stattfinden. Schon Ende des Jahres könnten dann erste Zentren eröffnet werden.

DKG-Präsident Bamberg wertete die bisherige Organzentrenbildung in der Onkologie als großen Erfolg. Bisher gebe es in Deutschland 163 zertifizierte Brustkrebszentren und 42 Darmkrebszentren. In Berlin wurden zudem die ersten zwölf Prostatakrebszentren zertifiziert, und mit den ersten zertifizierten Hautkrebszentren ist auch noch in diesem Jahr zu rechnen.

Gleichzeitig kündigte die Deutsche Krebshilfe an, die Zahl der Comprehensive Cancer Centers zu verdoppeln, sodass bis zum Frühjahr 2009 insgesamt zehn onkologische Spitzenzentren zur Verfügung stehen werden. Die Zentren sollen auch eine Vorreiterfunktion haben, um aufzuzeigen, wie die Ergebnisse der grundlagenorientierten Krebsforschung in die klinische Krebsmedizin rascher als bisher umgesetzt werden und damit dem Patienten zugute kommen können (translationale Forschung). Insbesondere sollen in den Spitzenzentren aber die Standards für eine optimale onkologische Versorgung erarbeitet werden – einschließlich der Definition und regelmäßigen Überarbeitung von optimalen Versorgungsprozessen.

Ein weiterer Meilenstein zur Optimierung der Patientenversorgung sei das neue „Leitlinienprogramm Onkologie“, das die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF), die Deutsche Krebsgesellschaft und die Deutsche Krebshilfe im Januar auf den Weg gebracht haben. Mit der AWMF und der Deutschen Krebshilfe wurde ein Steuerungsausschuss eingerichtet, um von nun an gemeinsam Leitlinien zu erarbeiten.

Auch Kongresspräsident Prof. Dr. med. Manfred Kaufmann (Frankfurt/Main) priorisiert die Qualitätsoffensive in der Onkologie: „Wir müssen die Zertifizierung der Organzentren weiter vorantreiben und möglichst viele S3-Leitlinien fertigstellen, und wir brauchen endlich ein flächendeckendes, einheitliches Krebsregister.“ Die Umsetzung der Leitlinien und die Dokumentation der Daten zu Krebserkrankungen in Registern sollten zu einer Abnahme der Gesamtmortalität in der Onkologie um fünf bis zehn Prozent führen, so Kaufmann.

So haben Daten des Versorgungsforschungsprojekts BRENDA (Quality of Breast Cancer Care under Evidence-based Guidelines) unter Federführung von Prof. Dr. med. Rolf Kreienberg (Ulm) ergeben, dass eine leitlinienkonforme Behandlung von Frauen mit Brustkrebs mit besseren Langzeitergebnissen assoziiert als eine Therapie, die nicht den Empfehlungen entspricht. Ausgewertet worden waren die Akten von 6 500 Patientinnen mit primärem Mammakarzinom. Fünf Jahre nach Erstdiagnose waren 80,6 Prozent der Frauen ohne Rezidiv, deren Therapie den Empfehlungen der Fachgesellschaften entsprach, dagegen nur 62,4 Prozent der Patientinnen, bei denen von den Leitlinien abgewichen wurde. Unterschiede gab es auch im Überleben.

Bei leitlinien-entsprechender Behandlung lebten fünf Jahre nach Erstdiagnose 90 Prozent der Frauen. In je mehr Teilaspekten anders therapiert wurde als empfohlen (zum Beispiel beim operativen Vorgehen an der Brust und den axillären Lymphknoten, Strahlen-, Chemo- und Hormontherapie), desto geringer war das Fünfjahresüberleben. Es sank auf bis zu 55 Prozent. Etwa jede vierte Frau mit Mammakarzinom werde nicht den Leitlinien entsprechend therapiert, schätzt Kaufmann.

„Wir sind besser, als wir zur Zeit beweisen können“
In der Eröffnungsrede forderte Kaufmann von den politischen Entscheidungsträgern mehr Finanzmittel für eine pharmaunabhängige Krebsforschung. Diese liege in den USA bei fast 17,60 Euro je Einwohner und Jahr, in Deutschland hingegen bei nur 3,90 Euro. „Es sind vor allem ökonomische Gründe, dass Deutschland im europäischen Vergleich in der Krebsmortalität nur einen Mittelplatz einnimmt“, kritisierte er. „Wir sind besser, als wir zurzeit beweisen können.“

Erfreulich sei zum Beispiel die Halbierung der Sterberate bei Frauen mit hormonsensitivem Brustkrebs durch gezielte molekulare Therapien.
Dr. med. Vera Zylka-Menhorn
Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

Die Broschüre „Krebs in Deutschland“ ist im Internet abrufbar und kann kostenfrei bestellt werden bei: Gesellschaft der epidemiologischen Krebsregister in Deutschland e.V., Beckergrube 43–47, 23552 Lübeck, Fax: 04 51/7 99 25 51, sowie beim Robert-Koch-Institut, GBE, Seestraße 10, 13353 Berlin, Fax: 0 30/1 87 54–35 13, E-Mail: gbe@rki.de.

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