ArchivDeutsches Ärzteblatt9/2008Heinrich Heine: Feinsinnig

KULTUR

Heinrich Heine: Feinsinnig

Dtsch Arztebl 2008; 105(9): A-466 / B-416 / C-410

Nizze, Horst

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Roland Schiffter: „Sie küsste mich lahm, sie küsste mich krank.“ Vom Leiden und Sterben des Heinrich Heine. Königshausen & Neumann, Würzburg, 2006, 96 Seiten, kartoniert, 16,80 Euro
Roland Schiffter: „Sie küsste mich lahm, sie küsste mich krank.“ Vom Leiden und Sterben des Heinrich Heine. Königshausen & Neumann, Würzburg, 2006, 96 Seiten, kartoniert, 16,80 Euro
Listenreich lacht Heine bis heute. Dabei ist der große deutsche Lyriker nahezu 30 Jahre nicht nur körperlich krank gewesen, sondern er hat auch seelisch und gesellschaftlich gelitten. Sozial rieb er sich an Deutschland, sein Gemüt war von der Liebe bewegt, und eine Neurosyphilis hat ihn somatisch versehrt. Die dreifache Bitternis hat das unsterbliche Werk des klassischen Artisten der deutschen Sprache beeinflusst, wie das feinsinnige Buch von Roland Schiffter belegt.

Der Neurologe und Heine-Freund hat seine frühere fachliche Krankheitsdarstellung mit Bildern und autopathografischen Heine-Versen bereichert. Bereits der treffliche Titel umreißt die Ätiopathogenese der Erkrankung, die später in der besagten Matratzengruft ihren Fortgang und qualvolles Ende nahm. Ob die luetischen Rückenmarksbeschwerden sich allein meningovaskulär erklären oder ob dazu eine parenchymatöse Tabes dorsalis vorgelegen hat, interessiert den Neurologen. Der Heine-Freund liest die Verse: „/sie küsste mir blind die Augen; / das Mark aus meinem Rückgrat trank / ihr Mund mit wildem Saugen./“ Plastischer ist eine Hinterstrang-Degeneration nie geschildert worden. Und Tabes heißt ja nicht nur Schwindsucht, sondern bedeutet neben Zersetzung, Auszehrung und Siechtum auch Gram und Liebeskummer. Heine-Liebhaber werden sich an der sorgfältig recherchierten und illustrierten Verknüpfung von Versen und Krankengeschichte erfreuen und des Dichters hintergründigen Humor einmal mehr bewundern. Den Einband des empfehlenswerten Buches schmückt Heinrich Heines bearbeitete Totenmaske – mit einem verschmitzten Lächeln. Horst Nizze
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